VII: Vom Schweben des Ballons

von Julia Anslik & Victor Ferretti
Geoindex: Aden

zu Kapitel IX des Romans (französisch/deutsch)

Es ist eine Signatur literarischer Texte, dass man diese nur selten chronologisch, nach Erscheinungsjahr geordnet liest, sondern vielmehr kreuz und quer. Wenn man etwa zuerst Romeo and Juliet gelesen hat, dann werden Pyramus und Thisbe (Ovid 1994 iv, 55-92) zu Nachfahren dieser „star-cross’d lovers“ (Shakespeare 1984 I, vi). In ihre Metamorphose hat sich gleichsam ein veronesisch-bandellonisches Fatum eingetragen, das Ovid nicht hat voraussehen können. Jorge Luis Borges hat auf diese Eigenart hypertextueller Relation bereits in seinem Aufsatz „Kafka y sus precursores“ (1951) hingewiesen.

Nicht minder wesentlich ist die Begebenheit, wenn sich zwischen Buchstaben ‚apokryphe‘ Bilder einschleichen, wenn also Zuvor-Gesehenes/Imaginiertes Druckerschwärze tüncht. So ist ein oft gegen Verfilmungen von Romanen eingebrachtes (literaturwissenschaftliches) Aber, dass diese die Imagination beeinflussten, wenn zum Beispiel Sherlock Holmes unversehens Robert Downey, Jr. ‚ähnle‘ (oder Anthony Perkins Joseph K.). Und auch in Fällen, da es um historische Personen geht, kann frappieren, dass eine Gertraud (genannt: Traudl) Junge Augen hat wie Alexandra Maria Lara. So sehr in Fiktionen Selektiertes eine Textumwelt konturieren und damit gewisse „Bezugsfelder“ erzeugen kann (Iser 1993, 24-27), so sehr können Bilder eine Textwelt umprägen und hierdurch kontextualisieren.

Ein bezeichnendes Beispiel dieser intermedialen Überlagerung ist die absente Ballonfahrt in Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt. Im Buch selbst steigt ja kein Ballon empor, vielmehr wird im 32. Kapitel dieses Reisemittel für die abschließende Atlantiküberquerung flugs verworfen:

Trotzdem musste ein Weg gefunden werden, wie sie den Atlantik per Schiff überqueren konnten. Es sei denn, sie wollten es im Ballon versuchen, was höchst abenteuerlich gewesen wäre und außerdem nicht durchführbar. (ATW, Kap. 32, 266)

Gleichwohl ‚ballont‘ es seit längerem im Text, gehört dieses Luftfahrzeug als Supplement zu dessen Imaginärem. Spätestens seit Michael Andersons Around The World in 80 Days (USA 1956) wird Phileas Fogg nämlich zum Aeronauten. Etwas, was auch weitere Adaptationen wie Buzz Kuliks Miniserie (USA 1989) oder Frank Coracis Weiterführung (UK/Irland/BRD 2004) beibehalten. So nimmt es nicht wunder, dass neuere Übertragungen von Vernes Roman wie etwa die 2007 bei dtv erschienene deutsche Neuübersetzung von Sabine Hübner auf den Ballon als Titelmotiv des Romans zurückgreifen. Das ist bemerkenswert, zumal besagte Ausgabe die Illustrationen von Alphonse de Neuville und Léon Benett enthält (die ja selbst die literarische Imagination ankurbeln). Und auch die Fischer-Klassik-Ausgabe von 2011 (Übers. Manfred Kottmann) evoziert ein Luftmeer. Dass der Ballon mittlerweile zum Imaginarium des Romans gehört, bezeigt nicht zuletzt der Klappentext der Ueberreuter-Ausgabe von 2009, der kündet:

Eine Wette treibt den Engländer Phileas Fogg mit seinem Diener Jean um die Welt: Mit Zug, Schiff, Ballon und sogar per Elefant sind sie unterwegs, um in genau 80 Tagen wieder in London zu sein.

Nun wäre dies alles nicht mehr als eine Anekdote, wenn nicht das Schweben des Ballons über dem Text eine Dublette anzeigte. Zum einen hat Verne zwei explizite Ballonfahrten verfasst: die Erzählung Un drame dans les airs (1874) – zuerst 1851 als La Science en famille. Un voyage en ballon (Réponse à l’énigme de juillet) erschienen – und der Roman Fünf Wochen im Ballon (1863), der die ‚Voyages extraordinaires‘ einläutet. Während ersterer als eine aeronautische ‚Pathographie‘ gelesen werden kann, geht es in dem zweiten Ikarus-Text um eine imperialistische Ballonfahrt, die mit den 80 Tagen, so der Vorschlag, zusammengelesen werden kann.

In Vernes Debütroman wird eine Ost/West-Überquerung Afrikas im Jahre 1862 mittels Heißluftballon erzählt. Drei Briten unter der Leitung eines gewissen Samuel Fergusson erkunden auf den Spuren der Nilquellen das Innere Afrikas aus der Vogelperspektive von Sansibar zum Senegal. Die aeronautische Imagination Vernes inspiriert sich dabei an Expeditionen von Afrika-Forschern in der Mitte des 19. Jahrhunderts wie Burton, Speke und Barth. Bezeichnend ist, dass seine Exploration geographische Leerstellen (s.v. Nilquellen) besetzt, wobei er – Jörg Dünnes Schema der frühneuzeitlichen „kartographischen Imagination“ auf das 19. Jahrhundert applizierend (Dünne 2011, 372) – kartographische Parameter (Afrika-Karte), erzählte Parcours (Expeditionsberichte) sowie fingierte Raumererfahrung (kolonial Imaginäres) zusammenflicht. Die Karte als „Zeigfläche“ (Stockhammer 2001, 280) lädt förmlich ein, am Leitfaden faktualer Expeditionsberichte imaginär exploriert zu werden, womit die Cinq semaines en ballon im Sinne einer „kartographischen Fiktion“ lesbar werden, wie man sie auch bei Vernes Zeitgenossen Karl May vorfindet (vgl. Jürgens 2006, 168). Verne schreibt sich dieser Art in den kolonialistischen Wettlauf um Afrika ein, ohne seinen Schreibtisch hierfür verlassen zu müssen. Sein Roman wird so zu einem immutable mobile (vgl. Latour 1987, 215-257), in dem Geoinformation nicht nur fiktional verfugt, sondern auch medial verfügbar wird. Der Ballon ermöglicht dabei neue sowie andere Perspektiven auf ein sich im Schreibprozess befindliches Territorium, was sodann die Coda des Romans insinuiert (Verne 1863, 259):

Das Ergebnis der Reise des Dr. Fergusson bestand zunächst einmal darin, aufs Genaueste die geographischen Informationen zu überprüfen, die durch die Herrn Barth, Burton, Speke und andere aufgenommen wurden. Dank der derzeitigen Expeditionen der Herren Speke und Grant, Heuglin und Munzinger, die zu den Quellen des Nils vordringen bzw. dem Mittelpunkt Afrikas zustreben, werden wir in Kürze wiederum Dr. Fergussons Entdeckungen in diesem unermesslichen Landstrich überprüfen können, der sich zwischen dem 14. und dem 33. Längengrad erstreckt.

Die aeronautische Imagination nutzt hier also nicht nur den Spielraum geographischer Vagheit imaginär aus, ihre Entdeckungen werden selbst zu einer verifizierbaren, sprich nachlesbaren Geotextur.

Und an dieser Stelle wird die Absenz der Ballonfahrt in 80 Tagen um die Welt evident. Denn im Gegensatz zu Samuel Fergusson ist Phileas Fogg kein Erderkunder, vielmehr ein Erddurchmesser. Ihm geht es nicht darum, die Welt zu vergrößern, gar neue Welten zu erschließen, sondern um eine, nämlich seine vornehmliche Empire-Welt, deren ‚Radius‘ er mit den Transportmöglichkeiten seiner Zeit takten möchte. Und hierfür bedarf es keines digressiven Ballons. Was die absente Ballonfahrt mithin anzeigt, ist ein Verzicht auf Welterfahrung, die stattdessen durch Reisepraxis ersetzt wird. Foggs an der Oberfläche angesiedelter Fahrplanfetisch wird hierdurch ominös: fog als Erdwolke und Welt als Erdellipsoid.

Womit man wieder bei den Buchumschlägen wäre, genauer bei der Erstausgabe von 1873, auf der nicht von ungefähr eine Ellipse das Bildzentrum ausfüllt – ein Ballon, der eigentlich ein Globus ist, dessen Weltgehalt in 80 Tagen um die Welt gerade fehlt.