XL: Verschleppt! Die Entführung Passepartouts als captivity narrative

von Sebastian Haak
Geoindex: Fort Kearney
zu Kapitel XXX des Romans (französisch/deutsch)

Mal wieder ist Passepartout plötzlich verschwunden. Zwar hat er mit seiner tollkühnen Hangelei an der Unterseite der Eisenbahnwagen die Reisegruppe vor den angreifenden Sioux gerettet. Doch diesen Wagemut bezahlt er mit einer Entführung durch die Indianer. Auf dem Weg von London ostwärts, zurück in die Hauptstadt des britischen Weltreichs, wird der Diener von Jules Vernes Romanhelden Phileas Fogg zu einem Gefangenen (Kap. 30).

Auf den ersten Blick ist die Entführung Passepartouts in Vernes In 80 Tagen um die Welt eine spezifisch amerikanische Geschichte; ein zweiter Blick kann daran Zweifel aufkommen lassen. Erst ein dritter vermag zu enthüllen, was an diesem Teil der Handlung dann doch typisch amerikanisch ist. Und so oder so: Ohne das Bestehen von Weltnetzwerken des Wissens im 19. Jahrhundert hätte Verne diese Episode kaum schreiben können.

Schon der erste Blick auf die Entstehungszeit der Geschichte lässt erahnen, warum sie so typisch amerikanisch wirkt. Sie spielt nicht nur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sondern wurde auch in dieser Zeit geschrieben und so von jenen Jahren geprägt, in denen die letzten großen Schlachten der Indianerkriege auf dem Territorium der (heutigen) USA stattfanden.

Noch wichtiger für die historische und räumlich-kulturelle Bindung des Buches ist, dass Verne mit der Entführung von Passepartout eine Geschichte aufschrieb, wie sie in Nordamerika seit der Zeit der ersten englischen Siedler erzählt wurde und als solche als spezifisch amerikanisch gelten darf: Passepartouts Verschleppung durch die Sioux steht in der Tradition der so genannten captivity narratives. Was sich mit „Gefangenengeschichte“ übersetzten lässt, meint eine Erzählung, in der ein weißer Protagonist von vermeintlichen Barbaren dem Schoß der Zivilisation entrissen und in die Wildnis entführt wird. Die Hauptfigur solcher Erzählungen können Männer und Frauen sein und sie durchleben klassischerweise drei Phasen – Entführung, Auseinandersetzung und/oder Annäherung mit den/an die Wilden/der Wildnis, Rückkehr in die Zivilisation als gestärkte, vollkommenere, kurz: bessere Menschen (vgl. VanDerBeets 1984, Derounian-Strodla / Levernier 1993, Ebersole 1995). Eine der ersten und die bis heute wohl berühmteste Geschichte dieses Genres ist jene der Entführung Mary Rowlandsons, die 1682 zum ersten Mal veröffentlicht wurde und inzwischen zahlreiche Neuauflagen erfahren hat (vgl. Rowlandson 1997). Je nach Zählweise kommt man auf mehrere hundert oder mehrere tausend captivity narratives, die im amerikanischen Kontext in etwa vierhundert Jahren erschienen sind, seit dem 16. Jahrhundert verschiedene Phasen durchlaufen haben und stets zu den populärsten Erzählungen ihrer Zeit gehörten.

Das tiefer liegende Erzählmuster dieses Genres war und ist derart wirkmächtig, dass es nicht nur als Propaganda während der frühen Indianerkriege (vgl. Derounian-Strodla / Levernier 1993, VanDerBeets 1984) und der amerikanischen Revolution (vgl. Sieminski 1990) diente. Auch die Geiselhaft von US-Botschaftsangestellten während der Iranischen Revolution 1979/81 (vgl. Scott 2000) oder die Gefangennahme der Soldatin Jessica Lynch im dritten Irak-Krieg wurden in den USA vor der Folie der captivity narratives erzählt (vgl. Klepper 2005). Der deutsche Amerikanist Martin Klepper hat sie deshalb treffend als „cultural script“ bezeichnet (ebd.).

Die Entführung von Passepartout fügt sich in dieses cultural script formal wie auch inhaltlich ein. Erstens wurden im 19. Jahrhundert die klassischen captivity narratives, die oft aus der Ich-Perspektive erzählt wurden und sich nur mit der Gefangenschaft beschäftigten, durch Gedichte, Kurzgeschichten und Romane ergänzt, die bisweilen die Zeit unter den Wilden als Episode einer längeren Geschichte erzählten. Zweitens hat die Verschleppung von Foggs Diener wichtige inhaltliche Gemeinsamkeiten mit diesem Genre: Als weißer Europäer gilt Passepartout im rassistisch geprägten Denken des späten 19. Jahrhunderts qua Geburt als ein Kind der Zivilisation. Vernes Beschreibung der Sioux und ihres Angriffs auf den Zug dagegen lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wie sehr er sie als Wilde sieht. Und schließlich durchlebt Passepartout auch die drei klassischen Phasen: Er wird entführt, verbringt eine kurze Zeit bei den Indianern, wird dann befreit. Und aus seiner Entführungserfahrung lernt er etwas, das ihn zu einem reiferen, besseren Menschen macht; nämlich, wie viel er seinem Herrn bedeutet. All diese Parallelitäten machen die Entführung Passepartouts zu einer typisch amerikanischen Geschichte. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Auf einen zweiten wird die Sache komplexer. Beim genaueren Hinsehen kann man daran zweifeln, ob der unfreiwillige Ausflug des Franzosen in die Wildnis wirklich als genuin amerikanisch gelten darf. Immerhin lag auf Foggs Reise ja bereits eine andere captivity narrative: die Rettung von Aouda aus den Händen einer indischen Sekte (Kap. 12 und 13). Diese Episode besitzt in wichtigen Punkten durchaus Parallelen zur Entführung Passepartouts und damit den captivity narratives; auch wenn Aoudas und Passepartouts Verschleppungen nicht identisch und mittels eines Eins-zu-Eins-Schemas vergleichbar sind. So ist die Frau nicht aufgrund ihrer Geburt eine Vertreterin der Zivilisation. Aber Verne unterstreicht das ganze Buch hindurch, wie sehr sie eine Sozialisation nach britischen Maßstäben erfuhr und damit eben der Zivilisation zuzurechnen sei. Auch mit ihrer Entführung wird also eine Zivilisierte von Barbaren in die Wildnis entrückt, wobei ihre Verschleppung in Gestalt einer Zwangsheirat daherkommt. Wie Passepartout und andere Protagonisten von captivity narratives verbringt Aouda einige Zeit in der Wildnis. Auch bei ihr gelingen Befreiung und Rückkehr. Und erneut geht von dieser dreiphasigen Erfahrung ein persönlicher Wandel des Entführungsopfers aus. Aoudas Dankbarkeit für ihre Rettung ist die Grundlage der Liebe zwischen Fogg und der jungen Frau. Außerdem entwickelt sie sich nach ihrer Zeit in der Wildnis zum selbstständig agierenden Individuum, während sie ihrem Schicksal zuvor apathisch gegenüber stand. Sie ist ein besserer Mensch geworden.

Damit erinnert Vernes Roman an etwas, das in der Analyse amerikanischer captivity narratives bisweilen gerne übersehen wird: Dass nämlich solche Geschichten auch aus anderen Kulturen überliefert sind (vgl. beispielhaft: Haefeli / Sweeney 2006, Operé 2008, Voigt 2009). Die captivity narratives in ihrer grundlegenden Form waren ebenso wenig an Grenzen gebunden, wie es Vernes Helden bei ihrer Reise sind. Im 19. Jahrhundert waren sie bereits Teil eines globalen Wissensbestandes. Trotzdem bleibt an der Entführung Passepartouts etwas, das in einzigartiger Weise an die US-amerikanische Kultur gebunden ist. Einige kurze Ausführungen zur Rolle der Gewalt bei der Befreiung von Foggs Diener bilden die Grundlage für unseren dritten Blick.

Anders als bei der Befreiung Aoudas, bei der eine List zur Befreiung führt, zögert Fogg bei der Rettung von Passepartout keine Sekunde, Gewalt anzuwenden. Abstrakter ausgedrückt: Während die Vernesche captivity narrative außerhalb der amerikanischen Kultur ohne Gewalt auskommt, ist ihr US-Pendant geradezu an die Ausübung von Gewalt gebunden. Überhaupt ist der Nordamerikaabschnitt der Weltreise der einzige, bei dem die Gefährten intensiv mit Gewalt konfrontiert werden: Faustkämpfe und Pistolenschüsse, kaum haben die Protagonisten San Francisco erreicht, das Fast-Duell Foggs mit Colonel Proctor, der Überfall der Sioux auf den Zug und eben die Entführung und Befreiung von Passepartout – nirgends sonst in Vernes Buch ist so viel Gewalt zu finden wie dort (Kap. 25 bis 32).

Und genau diese dauerhafte Präsenz der Gewalt während der Durchquerung der USA ist ein spezifisch amerikanisches Moment. Die historische wie sozialwissenschaftliche Forschung hat ausführlich herausgearbeitet, wie sehr Gewalt im US-Kontext eine schaffende Konnotation besitzt und konstituierend für amerikanische Identitätsentwürfe war und ist (vgl. beispielhaft: Brown 1994, Joas / Knöbl 1994, Engelhardt 1995).

Das gilt besonders im Zusammenhang mit den in der US-Kultur so einflussreichen Cowboy- und Indianer-Geschichten, deren Struktur und die damit einhergehenden Denk- und Wirkmuster Richard Slotkin so herausragend beschrieben hat (Slotkin 1973, 1985 und 1992). Mit ihnen ist die amerikanische Variation der captivity narratives auf das Engste verknüpft. Die Gefangenengeschichten sind Teil der Erzählungen von Begebenheit an der amerikanischen Westgrenze, in denen die Idee der Vervollkommnung des Charakters durch Gewalterfahrungen so oft die Moral dieser Erzählungen ist. Auf diese Verbindung zwischen captivity narrative und Cowboy- und Indianergeschichten weisen auch die Umstände der Entführung Passepartouts hin. Nicht zufällig wird er bei einem Angriff auf einen Zug und damit auf jenes Transportmittel aufgegriffen, das wie kein zweites die Erschließung des Westens durch die Zivilisation symbolisiert; und zwar von jenen, die dieser Durchdringung angeblich im Wege stehen.

Dass Verne die Entführung Passepartouts auf amerikanischem Boden nicht bloß als eine captivity narrative beschrieb, so wie sie aus verschiedenen kulturellen Kontexten bekannt waren, sondern der Gewalt dabei eine so herausragende Stellung einräumte und diese damit in einer spezifisch amerikanischen Ausformung erzählte, ist ein Beispiel dafür, wie sehr auch an bestimmte Kulturen gebundene Wissensbestände im 19. Jahrhundert schon Teil von Weltnetzwerken waren. Ohne derartige Verknüpfungs- und Austauschprozesse wäre die typisch amerikanische Schilderung der Entführung Passepartouts durch einen französischen Autor kaum möglich gewesen.

Damit aber nicht genug: Indem sich in Vernes Roman zwei Variationen von Gefangenenerzählungen finden – die von Aouda und die Passepartouts –, wurde in einer Fiktion vorhandenes Wissen aus unterschiedlichen Kulturen zusammengeführt, miteinander verwoben und auch gegenübergestellt. Gleichsam wurde so das Bild von den an Gewalt gebundenen Zuständen innerhalb der USA verfestigt und um die Welt getragen. Vernes Fiktion wirkte auf die Wissensbestände zurück, aus denen sie entstanden war.