XXVII: Weltzeit und Datumsgrenze

von Robert Stockhammer
Geoindex: Datumsgrenze, Pazifik
[zu Kapitel XXIV des Romans (französisch/deutsch)]

Fast überall auf der Erde gehen die Uhren falsch, zeigen also nicht im Moment des höchsten Sonnenstandes auf 12 Uhr. Genau genommen gehen sie an unendlich vielen Punkten falsch; weil dabei immerhin noch unendlich viele Punkte übrig bleiben, an denen sie richtig gehen, und der scheinbar offensichtliche, aber mathematisch unausweisbare Unterschied dieser beiden unendlichen Mengen hier in Cantor’schen Wahnsinn führen würde, sei für ein Beispiel eine Zwei-Minuten-Toleranz gewährt und die Suche auf mindestens mittelgroße Städte beschränkt. Von diesen gibt es dann etwa in Deutschland überhaupt nur dank des Beitritts der ‚Fünf Neuen Länder‘ solche, in denen die Uhren richtig gehen: Frankfurt an der Oder und Cottbus. Der für derartige Festsetzungen eingebürgerte Terminus ‚mittlere Zeit‘ bezieht sich also nicht einmal nach der ‚Wiedervereinigung‘ auf ein in der Mitte der Bundesrepublik Deutschland liegendes Territorium, auf dem vielmehr in allen anderen größeren Städten (keineswegs nur zur Sommerzeit) die Uhren vorgehen, in Aachen beispielsweise um 36 Minuten, in Heidelberg um 26. Schuld an diesen hohen, in dieser Höhe erst seit 1892 geltenden Abweichungen sind die Nationalstaaten und die Eisenbahnen (vgl. für diesen Zusammenhang, am Beispiel der USA: Blaise 2000) – wobei mit dieser unverbindlichen ‚und‘-Verbindung an dieser Stelle die Frage ausgeblendet sei, ob wiederum die Eisenbahnen an den Nationalstaaten Schuld sind. Jedenfalls wurde es als unpraktisch empfunden, dass beispielsweise in Leipzig zwei nahe aneinander liegende Bahnhöfe sich nach zwei verschiedenen Zeiten richteten, weil in dem einen die Züge nach Berlin, in dem anderen diejenigen nach Dresden abfuhren. Folgerichtig bedeutete die Abkürzung MEZ ursprünglich ‚Mitteleuropäische Eisenbahnzeit‘, und man musste sie bis heute nur dank des Zufalls nicht ändern, dass eben auch ‚-europäisch‘ mit e beginnt. (Pedanten würden hinzufügen, dass dabei aus MEz MeZ wurde).

Passepartout stellt bekanntlich seine große silberne Uhr während der ganzen Reise um die Erde nicht. Darauf wird mehrfach hingewiesen, einmal etwa, als sich die Reisegesellschaft gerade in Indien befindet: „Doch natürlich ging diese großartige Uhr 4 Stunden nach, denn man hatte sie ja nach dem Meridian von Greenwich eingestellt, der inzwischen 77 Längengrade in westlicher Richtung entfernt lag.“ (ATW, Kap. 11, 73). Dass Passepartout damit nicht so einfältig handelt, wie ihm im Verlauf der Reise mehrfach unterstellt wird, zeigt sich in der anzitierten Passage auf der Kontrastfolie, dass ausgerechnet diejenigen, die es besser wissen zu scheinen, gleich zwei kapitale Fehler machen. Denn erstens stimmt zwar die Angabe des Längengrads für den Aufenthaltsort der Reisenden im zentralen Indien, nicht jedoch die daraus vom Erzähler errechnete Ortszeitdifferenz, die sich vielmehr auf über fünf Stunden beläuft (77 : 15 = 5h 8′). Tatsächlich unterscheidet sich jedenfalls die heutige ‚mittlere Zeit‘ Indiens von Greenwich um 5 ½ Stunden; und selbst wenn diese Differenz seinerzeit tatsächlich vier Stunden betragen haben sollte – was ich nicht zu eruieren vermochte, was mir aber unwahrscheinlich erscheint –, so würde sich dies eben nicht aus der Rechnung, sondern allenfalls aus einem zusätzlichen Wissen um die festgesetzte ‚mittlere Zeit‘ Indiens ergeben.

Zweitens ist der sich anschließende Rat des mitreisenden Brigadegenerals Sir Francis Cromarty absurd, der Passepartout nahelegt, seine Uhr bei der Überschreitung jedes Längengrads in östlicher Richtung um vier Minuten vorzustellen. Ebenso gut könnte er empfehlen, die Uhr bei der Überschreitung jedes Viertelgrades um eine Zeit-Minute, jeder Grad-Minute um vier Zeit-Sekunden vorzustellen, usw.; all dies bliebe solange unpräzise, wie Passepartout nicht die eigene kontinuierliche Bewegung in ein kontinuierliches Uhrenstellen überführt. Dazu bräuchte man einen hypothetischen Uhrwerksbeschleuniger (oder -bremser), der permanent den Ost- (bzw. West-)Anteil der Bewegung des Uhrenträgers erfasst, daraus die augenblickliche Position des Reisenden ermittelt und deren lokale Zeit zum Gang des Uhrwerks addiert (bzw. substrahiert). Und selbst wenn dies möglich wäre, bliebe unklar, was man davon haben sollte, weil man dann immer nur genau die Zeit derjenigen wüsste, die sich gerade am genau selben Ort befinden. Überdies würde die Uhr für eben denjenigen Zweck unbrauchbar, an den gerade das Verfahren Passepartouts, offenbar ohne dass er selbst darum weiß, zumindest erinnernd festhält: für die Bestimmung des Längengrads, die ja, vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Verbreitung des Seefunks, genau darauf beruhte, dass man eine Uhr mittransportierte, welche die Zeit von Greenwich treu mitzählte, um dann aus der Differenz dieser Zeit zu derjenigen, die sich vor Ort durch den Sonnenstand ermitteln ließ, den Längengrad des entsprechenden Ortes zu berechnen (vgl. Despoix 2004).

Daran allerdings erinnert Passepartouts unverstellte Uhr eben nur, ohne dafür tatsächlich verwendet zu werden. Vielmehr wissen die Reisenden etwa bei der Überschreitung des 180. Längengrads irgendwoher ohnehin, dass man ihn gerade überschreitet. Der Sachverhalt, dass Passepartouts Uhr – die nicht, wie diejenige der Börse in Mabuse, der Spieler, mit einem vierundzwanzigstündigen Ziffernblatt ausgestattet ist – zu diesem Zeitpunkt genau zwölf Stunden nach- (oder vor-?) geht, wird dann als eine Bestätigung einer bereits anderweitig bestimmten Position genommen, nicht jedoch als Grundlage zur Bestimmung dieser Position (vgl. ATW, Kap. 24, 192). Unausgewiesen bleibt, dass der Steuermann des Schiffes selbst über eine Uhr mit Greenwicher Zeit verfügen und außerdem die Bordzeit des sich in Bewegung befindlichen Schiffes eruiert haben muss.

Nach den Maßstäben der sonst durch den Autornamen Jules Verne garantierten Präzision in wissenschaftlich-technischen Dingen wird dies so wenig sorgfältig erzählt, dass man sich im Nachhinein wundert, nicht auch schon erkannt zu haben, dass an derselben Stelle etwas genau nicht markiert wird: dass die Reisenden an dieser Stelle die Datumsgrenze überschreiten, dass Passepartouts Uhr ab diesem Zeitpunkt tatsächlich nicht mehr nach-, sondern vorgeht, insofern er einen nicht-vorhandenen Datumsanzeiger auch dann um einen Tag zurückstellen müsste, wenn er die Uhrzeit nicht umstellen muss. „Der Übergang erfolgt ohne Erschütterung, unbewusst“ kommentiert Verne in einem 1873 (im selben Jahr wie In 80 Tagen um die Welt) gehaltenen Vortrag für die Société de Géographie (Verne 1873, 428); nur – aber immerhin – die Kapitäne wechseln das Datum der Logbucheinträge. Dafür, dass dies ausgerechnet an einer Stelle im Pazifik geschieht, dafür gibt es keine kosmologischen, sehr wohl aber geographische Gründe – oder, in der vorgeschlagenen Terminologie: keine uranologischen, sondern nur meteorologische Gründe. Zwar könnte diese Grenze an jedem Punkt der Erde mit gleichem Recht liegen, aber die Natur war vorausschauend genug, um wenig oder gar nicht bewohnte Wüsten und Ozeane zwischen Menschen zu legen, in die man diese Datumsgrenze setzen kann (vgl. ebd.; zu verschiedenen Aspekten der Geschichte der Datumsgrenze vgl. a. Van Gent 2008). Im spezifischen Fall des Pazifik, auf den man sich geeinigt hat, kommt der zufällige Vorteil hinzu, dass dort der 180. Meridian liegt, der als „Ausgleichsmeridian“ zugleich die Fortsetzung des Nullmeridians („die Weiterführung des regelnden Meridians, der ihre Chronometer festlegt“, ebd.) darstellt – was freilich nur dann gilt, wenn der Nullmeridian durch London oder Paris (was keinen großen Unterschied macht) verläuft, nicht jedoch, wenn er durch Washington gelegt wird.

Vielleicht lässt sich auf dieser Grundlage die Seltsamkeit motivieren, dass Fogg und seine Reisegesellschaft die Datumsgrenze nicht nur nicht im Pazifik mitbekommen, sondern auch während des gesamten Aufenthalts in den USA nicht. Ja, sogar das Schiff in New York legt an dem „11. Dezember“ ab (ATW, Kap. 31, 262), an dem die Reisenden, welche die Abfahrt verpassen, dies schon erwartet hatten (ATW, Kap. 31, 254) – so dass es aus nie erläuterten Gründen einen Tag früher abgelegt haben muss als geplant (nämlich, nach europäisch-amerikanischem Kalender, am 10. Dezember). Es ist, als ob in Amerika denn doch fast genau dies geschieht, was als Passepartouts naive Annahme durchgängig karikiert wird: Dass sich die Welt zwar nicht nach seiner Uhr, aber doch nach der Datumsvorstellung der Reisenden richtet.

Oder, wie man dies präzisieren könnte: Die ‚Weltfiktion‘ des Romans operiert hier im Dienst von Foggs Reisegesellschaft. Diese Weltfiktion lässt sich als eine systematische Verwechslung von zwei Bedeutungen des Wortes monde beschreiben – und da dieses Wort, bei allen sonstigen Unterschieden, in seinen hier entscheidenden Funktionen seinem deutschen Äquivalent ‚Welt‘ entspricht, sei dies im Folgenden am deutschsprachigen Wort erläutert. Im Titel des Romans und an den allermeisten anderen Stellen bezeichnet das Wort monde den „erdkreis“ (Grimm/Grimm 1854-1960, Bd. XXVIII, Sp. 1458), den die Reisenden später umrunden werden, also „unsern zwischen Mars und Venus die sonne umkreisenden planeten“ (Grimm/Grimm 1854-1960, Bd. III, Sp. 750), der aber bemerkenswerterweise nur in den ersten Gesprächen im Reform-Club bei seinem Namen „terre“ genannt wird (vgl. TM, Kap. 3, 21). Diese Bedeutung jedoch ist nur ein spezifischer Fall für eine metaphorische Ausdehnung des Wortes ‚Welt‘ auf „einen in sich geschlossenen bezirk verschiedener art, der in seiner eigenständigkeit und eigengesetzlichkeit gleichsam ein all im kleinen darstellt“ (Grimm/Grimm 1854-1960, Bd. XXVIII, Sp. 1458). Zu diesem Verwendungsbereich gehören Ausdrücke wie ‚ihre Welt‘, ‚die Welt der Ameise‘, aber etwa auch ‚Neue Welt‘. Dass jedoch auch der Ausdruck ‚Welt‘ ohne jegliche zusätzliche Bestimmung (durch ein Possesivpronomen, ein Genitivobjekt oder ein Adjektiv) „ein all im kleinen“ bedeuten kann, nämlich die Erde, lässt sich nur verstehen, wenn dabei zwar nicht ausgesprochen, aber mitgedacht wird: „lebensraum und tätigkeitsfeld der menschen“ (Grimm/Grimm 1854-1960, Bd. XXVIII, Sp. 1486). Spätestens, wenn der Mars von Menschen besiedelt sein wird, wird sich diese Identität des Definitionsumfangs von ‚Erde‘ und ‚Welt‘ nicht mehr halten lassen. Diese Verwendung von ‚Welt‘ ist also ein Anthropomorphismus, der gerade auch darin typisch ist, dass er als Anthropomorphismus verborgen wird.

Insofern ist es nur ein kleiner Schritt vom unausgewiesenen Antropomorphismus ‚die Welt‘ zum ausgewiesenen Anthropomorphismus ‚die Welt einer bestimmten Reisegesellschaft‘. In der Neuen Welt wird die Welt der Reisegesellschaft um Fogg (deren Kalender um einen Tag vorgeht) so mächtig, dass sich nach ihr sogar ‚die‘ Welt einschließlich ihrer Fahrpläne richtet. Erst mit der Ankunft in England endet diese Macht wieder – was Fogg und die seinen gerade noch rechtzeitig merken, um davon zu profitieren und sich wieder in den terrestrischen Kalender einzuschalten. Im Reform Club an der Pall Mall (0° 8′ W) gehen Uhren, die auf Greenwicher Zeit eingestellt sind, übrigens um 32 Sekunden vor. Phileas Fogg hätte also noch 32 Sekunden später kommen können als im Roman und die Wette trotzdem noch gewonnen. Jedenfalls nach einigen Diskussionen.