XXX: Reisen und Taten des scharfsinnigen Gentleman Mr. Fogg aus London – Phileas Fogg und Don Quijote

von Miriam Lay Brander
Geoindex: – [Pazifik]

„Im Jahr 1872 wohnte in der Saville Row Nr. 7, Burlington Gardens, dem Haus, wo 1816 Sheridan gestorben war, ein gewisser Phileas Fogg…“ (ATW, Kap. 1, 5) Diese Angaben zum Wohnort Phileas Foggs, mit denen Verne seinen Roman beginnt, stehen in auffälligem Kontrast zum berühmten Auftakt des Don Quijote: „In einem Dorfe von la Mancha, an dessen Namen ich mich nicht entsinnen kann, lebte unlängst ein Edler,…“ (Cervantes 1961, 39). Zwar enthalten beide Romananfänge je eine Zeit- und Ortsangabe, doch könnten diese hinsichtlich ihrer Genauigkeit nicht unterschiedlicher sein. Während der Erzähler von In 80 Tagen um die Welt den Ausgangspunkt seiner Geschichte präzise datiert und lokalisiert – die zeitlich und räumlich hochgradige Präzision der Reise Phileas Foggs scheint sich hier in der Erzählweise widerzuspiegeln –, hält der Erzähler im Don Quijote Ort und Zeit des Geschehens für so irrelevant, dass er sich nicht einmal daran erinnern kann.

Im Laufe der Lektüre wird der Leser von In 80 Tagen um die Welt immer wieder an den scharfsinnigen Edelmann Don Quijote von La Mancha erinnert. Da ist zunächst die Diener-Herr-Konstellation in Verbindung mit einer zu erobernden Prinzessin, das Motiv der Reise sowie die Rettung anderer. Wie Quijote ist auch Phileas Fogg ein Einzelgänger und Eigenbrötler, der sich die Zeit mit Lesen vertreibt. Während sich Quijote den Ritterromanen seiner Zeit hingibt, vertieft sich Phileas Fogg in die Zeitung. Auf diese Weise hat er sich ein Wissen über die Welt angeeignet, das den Erzähler vermuten lässt, er sei bereits viel gereist. „Hatte er Reisen gemacht? Höchstwahrscheinlich. Denn niemand kannte sich auf der Weltkarte besser aus als er.“ (ATW, Kap. 1, 6) Da Phileas Fogg jedoch London seit vielen Jahren nicht mehr verlassen hat, kommt der Erzähler zu dem Schluss: „Dieser Mann schien die ganze Welt bereist zu haben, zumindest im Geiste.“ (ATW, Kap. 1, 8) Die Einschränkung „zumindest im Geiste“ lässt annehmen, dass die bisherigen Reisen Phileas Foggs imaginärer Art sind und sich seine Vorstellung von der Welt, wie schon bei Don Quijote, nicht aus der Erfahrung speist, sondern aus der Lektüre.

Ähnlich verhält es sich mit dem Autor des Romans selbst. So hat auch Jules Verne die Länder, die er im Roman beschreibt, niemals selbst besucht. Die Darstellungen dieser Länder sind nichts anderes als Kompilationen von realen Reiseberichten, Reiseführern und Nachschlagewerken (vgl. Dehs 2009, 308). Darüber hinaus verdankt Jules Verne viele Inspirationen seinen systematischen und intensiven Zeitungslektüren. So findet sich am 2. Oktober 1872, dem fiktiven Abreisedatum Foggs, in der Times eine Anzeige für eine Rundreise um die Welt in 90 Tagen. Laut Verne selbst war es jedoch eine Anzeige in der französischen Zeitung Le Siècle, die ihm die Idee für eine Rundreise in 80 Tagen gab (vgl. Dehs 2009, 309).

Wie dem auch sei, Jules Verne bezog den Stoff für seinen Roman nicht aus seiner eigenen Reiseerfahrung, sondern aus der Lektüre. Genauso konzipiert sich auch Phileas Fogg seine Wirklichkeit aufgrund dessen, was er in der Zeitung und in Reiseführern liest. So beruht seine Überzeugung, dass die Erde innerhalb von 80 Tagen zu umrunden sei, auf einer Berechnung des Morning Chronicle. Die übrigen Mitglieder des Reform Club versuchen vergeblich, ihm deutlich zu machen, dass es sich hierbei um einen idealen Zeitplan handle, der in der Realität nicht umzusetzen sei, genauso wie Don Quijotes Bedienstete und der Dorfpfarrer vergeblich versuchen, Don Quijote von der Irrealität seiner Ritterideale zu überzeugen. Wie Don Quijote nimmt Phileas Fogg das, was er liest, für bare Münze und richtet sein Handeln danach aus. Beide geben sich schon bald nicht mehr mit den imaginären Reisen und Abenteuern, die ihnen die Lektüre bietet, zufrieden, sondern fassen den Entschluss, das Gelesene in die Tat umzusetzen.

Die Mission der beiden Helden Phileas Fogg und Don Quijote beruht also auf einer Konzeption der Welt, die sie aus der Lektüre gewonnen haben. Allerdings unterscheiden sich ihre Bezugsquellen in einem entscheidenden Punkt: Während sich Don Quijote mit den Ritterromanen an fiktionalen Texten orientiert, lässt sich Phileas Fogg von Gebrauchstexten leiten. Neben der Berechnung des Morning Chronicle dient ihm Bradshaws Kursbuch und Reiseführer für den Kontinent, das er stets unter dem Arm trägt, als Textgrundlage seiner Reise (ATW, Kap. 4, 28, siehe auch ATW, Kap. 32, 263). Die im Bradshaw enthaltenen Fahrpläne von Zügen und Dampfern genießen sein vollstes Vertrauen und lassen ihn selbst in scheinbar ausweglosen Situationen gelassen auftreten: „Während Passepartout sich also nicht traute, den Lotsen zu fragen, konsultierte Mr. Fogg einfach seinen Bradshaw und erkundigte sich dann auf seine ruhige Art bei dem Mann, ob er wisse, wann das nächste Schiff von Hongkong nach Yokohama gehe.“ (ATW, Kap. 18, 136)

Dass die Expedition Don Quijotes zum Scheitern verurteilt ist, liegt daran, dass er ein Textgenre als Leitfaden verwendet, das der Unterhaltung und Zerstreuung, nicht aber der praktischen Nachahmung dient. Anders verhält es sich bei Phileas Foggs Reisetexten: Sowohl die Annonce im Morning Chronicle als auch Bradshaws Kursbuch sind nicht fiktionale Erzählungen von Reisen, sondern zweckgerichtet, das heißt, die in ihnen geschilderten Itinerare sind darauf angelegt, praktisch nachvollzogen zu werden. Jules Verne lässt seinen fiktionalen Helden das tun, was er selbst nicht tat: das in Reiseführern und Zeitungen Gelesene realisieren. Damit reflektiert er die Entstehungsbedingungen seines Romans. Verne ahmt das seinerseits Gelesene nach, indem er es zu einer fiktionalen Geschichte verarbeitet. In dieser Geschichte lässt er Phileas Fogg an seiner Statt die Reisen antreten, die er selbst nie gemacht hatte.

Die Ritterbücher Don Quijotes und die Reisetexte Phileas Foggs gehören zwei verschiedenen Untergattungen der Reiseliteratur an. Erstere sind fiktionale Berichte von Reisen in imaginären Räumen, letztere sind dem Reiseführer zuzurechnen, der sich seit der Romantik als eigenständige Gattung etabliert hatte (zu einer Geschichte der Reiseliteratur vgl. Gorsemann 1995). Aus der Unterschiedlichkeit der beiden Bezugsquellen hinsichtlich ihres Fiktionalitäts- bzw. Realitätsgehalts ergibt sich ein jeweils bestimmtes Verhältnis der beiden Helden zur Wirklichkeit. Der Versuch Don Quijotes, die fiktionale Welt seiner Ritterbücher auf die ihn umgebende Realität zu projizieren, führt zu einer unüberwindbaren Kluft zwischen dem, wie er sich die Welt vorstellt und dem, wie sie tatsächlich ist, zwischen dem Idealen und dem Realen. Diese Opposition wurde auch von Cervantes-Kritikern zur Zeit Vernes als überzeitliche Komponente des Quijote betrachtet (vgl. Revilla 1905, 123). Die Übertragung gewisser, aus der Lektüre gewonnener Ideale in eine unbefriedigende Realität haben im 19. Jahrhundert bereits Flaubert in Madame Bovary und Balzac mit den beiden Freunden Lucien und David in Les illusions perdues aufgegriffen. Während diese Ideale in den genannten Beispielen, wie auch im Don Quijote, aufgrund der Diskrepanz zwischen Bezugsquelle und Realität jedoch zum Scheitern verurteilt sind, gelingt es dem Helden von In 80 Tagen um die Welt, seine Idealvorstellungen zu realisieren und dies aus dem einfachen Grund, dass die von ihm gewählten Textgrundlagen mit der Wirklichkeit kompatibel sind, ja dass sie sogar darauf abzielen, praktisch umgesetzt zu werden. Der Gegensatz zwischen Ideal und Realität, der den romantischen Leser kennzeichnete, weicht dem Begriffspaar von Projekt und Umsetzung. Allerdings unterliegt auch das Vorhaben Phileas Foggs einer Illusion. Diese besteht im unerschütterlichen Glauben an die Unfehlbarkeit der Maschine, an ihre Resistenz gegenüber technischen Defekten, menschlichem Versagen und der Natur. Weder das Ende der indischen Bahnstrecke inmitten des indischen Urwaldes, das ihn zwingt, per Elefant weiter zu reisen, noch weitere Vorfälle, durch die sich der Zeitplan der Reise verzögert, können Phileas Fogg von seinem Glauben abbringen, dass die Erde in 80 Tagen zu umrunden sei. Mithilfe hoher Geldsummen erkauft er sich den Zugang zu immer anderen Verkehrsmitteln und erst als er mit fünf Minuten Verspätung am Londoner Bahnhof eintrifft, muss er einsehen, dass die Berechnung des Morning Chronicle nicht alle Zwischenfälle antizipieren konnte. Auch Don Quijote sieht seine Verblendung am Ende des Romans ein. Im Gegensatz zu In 80 Tagen um die Welt bleibt es hier allerdings bei der Desillusionierung. Es greift keine höhere Gewalt ein, die seinen Glauben an die Ritterideale wieder herstellen könnte. Demgegenüber kommt Phileas Fogg ein deus ex machina zu Hilfe, nämlich der Effekt der Erdrotation auf die Zeitmessung. Die Maschine, in diesem Fall die Uhr, erweist sich somit als noch stärker, als Phileas Fogg dies vermutet hätte und versetzt so nicht nur die Maschinenskeptiker, sondern auch ihren treuesten Verfechter in Staunen.

Don Quijote glaubt an eine längst vergangene Welt, die es dazu in der von ihm imaginierten Form nie gegeben hat. Phileas Fogg hingegen geht mit der Zeit: Er nimmt die Möglichkeiten wahr, die ihm die moderne Technik bieten. Hierin wird der radikale Bruch deutlich, den die Generation Vernes mit der Romantik vollzogen hat. Wurde Don Quijote in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Held verehrt, der an der Schwelle zu einer neuen Epoche die Werte einer idealen, vergangenen Welt überzeugt vertritt (vgl. Kaiser 1998, 9-10), so steht Phileas Fogg für den Fortschrittsoptimismus und die Technikeuphorie gegen Ende des Jahrhunderts. Führte die Illusion Don Quijotes zu einer Mythisierung von Orten – so wird etwa eine Schenke am Wegrand für den sinnreichen Junker zum Schloss –, zeigt sich bei Verne eine Mythisierung von Fortbewegungsmitteln. Nicht mehr in heroische Ritterwelten flüchtet sich der Zerstreuung suchende Geist, sondern in die Welt von Dampfern und Eisenbahnen. An die Stelle von Burgen und Zauberern ist das Phantasma der Maschine getreten.