XIV: Die eigentliche Arbeit

von Markus Krajewski
Geoindex: Gangestal

zu Kapitel XIV des Romans (französisch/deutsch)

Phileas Fogg [reist] durch das herrliche Gangestal […], ohne es auch nur eines Blickes zu würdigen (ATW, Kap. 14, 98).

In seinem Buch Theorie der feinen Leute von 1899 hält Thorstein Veblen folgende Begebenheit fest:

[Als] einmal jener Höfling abwesend war, dessen Amt darin bestand, den Sessel Seiner Majestät zu verrücken, blieb der König ohne Klage vor dem Kaminfeuer sitzen und erduldete die Verbrennung seiner erhabenen Person so lange, bis eine Heilung unmöglich war. Auf diese Art rettete sich Seine Allerchristlichste Majestät vor der schändlichen Befleckung durch gemeine Arbeit. (Veblen 1899/2007, 58)

Während diese Anekdote unmittelbar vor Augen führt, wie sehr die hohe Herrschaft für gewöhnlich von ihren Dienern abhängig ist, nicht zuletzt, wenn es um hohe (lebensrettende) Einsätze geht, so legt die kleine Geschichte noch ein weiteres Moment frei, das auch für das Verhältnis zwischen Fogg und Passepartout nicht unerheblich ist, namentlich die Art und Weise, wie eine Person die ihr zugemessene ständische Rolle ausfüllt. Man könnte mit Ernst Kantorowicz’ berühmter Studie zu den Zwei Körpern des Königs (1957) sagen: Das Amt des Herrschers, das von seinem fiktiven Zweitkörper ausgeübt wird, also die dauerhafte Repräsentanz der weltlichen Macht für sein Reich innehat, sieht vor, keine gemeine Arbeit zu verrichten. Diesem Verdikt muss sich der Erstkörper des Königs mit seiner physischen Realität bedingungslos fügen, auch wenn er an Leib und Leben bedroht ist. Und in dieser Extremsituation zeigen sich einige Charaktereigenschaften, die auch dem Held aus der In 80 Tagen um die Welt nicht ganz fremd sind. Denn dem König ebenso wie Phileas Fogg eignet jenes Verhaltensmerkmal, das mit Begriffen wie ‚Unbewegtheit‘ oder ‚Sich-nicht-aus-der-Ruhe-bringen-lassen‘ nur unzureichend beschrieben wäre. Nicht ganz frei von Phlegma bestehen diese untätigen Helden die Fährnisse ihres ungemeisterten Alltags, indem sie darin vor allem eines leisten: Würde und Haltung bewahren. Und zumindest im Fall der Veblenschen Anekdote gelingt das offenkundig sogar noch mit jener hohen Würde und letzten Konsequenz, die das Amt eines Königs einfordert.

Aber die Anekdote macht noch ein weiteres Moment deutlich, das für die Herr-Diener-Beziehung im 19. Jahrhundert und auch für die illustre englische Weltreisegruppe höchst relevant bleibt: Der Herr kann gar nicht tätig werden, weil sein gesamtes Aktionspotential, zumindest für jene Handlungen, die eines Königs unwürdig sind, vollständig an seine Diener übertragen ist. Und so wie der König darauf angewiesen bleibt, auf seinen Unterling zu warten, so hängen die Handlungen des Gentleman Phileas Fogg ungleich weniger an ihm selbst als an seinem Diener Passepartout. Was für den Hochadel gilt, wird in der englischen gentry längst ebenso praktiziert: Jegliche Form der (niederen) Interaktion, aber auch der notwendigen Intervention wird durch Diener vollzogen. Der Herr handelt nahezu exklusiv in Stellvertretung durch seine Untergebenen. Der Lauf der Dinge wird in hohem Maße durch eine Delegation der Handlungsmacht vom Herrn an den Diener bestimmt. Demzufolge ist der eigentliche Protagonist der Weltumrundung (ein) Passepartout. Das heißt hier jedoch nicht etwa nur ‚leerer Rahmen‘, weil der Rahmen hier nahezu exklusiv mit Handlung angefüllt wird. Nicht umsonst trägt der Diener einen Namen, der noch heute im Schweizerischen auf seine ursprüngliche Bedeutung verweist, nämlich der ‚Hauptschlüssel‘ zu sein, das heißt die eigentliche Handlung zu erschließen. Fogg reist gewissermaßen ohne zu reisen. Während sein Bedienter die verschiedensten Abenteuer besteht, gibt Fogg den handlungsarmen (Handlungs-)Reisenden, in bester englischer Zurückhaltung. Alles geschieht ohne ihn, während er sich – ganz wie zu Hause – vornehmlich dem Whist-Spiel widmet. Er gehörte nämlich „zu jener Sorte Engländer […], die die Länder, durch die sie reisen, von ihren Bediensteten besichtigen lassen.“ (ATW, Kap. 7, 46). Diese Verhaltensmaxime der Herrschaft ist jedoch keineswegs nur eine der zahlreichen Foggschen Eigenarten, sondern besitzt Tradition.

Schon Goethe, zum Beispiel, hat dieses Handeln in Stellvertretung perfektioniert, indem der Dichter seine Bedienten bequem von seinem Arbeitsplatz aus (fern-)steuert. So sendet er sie aus, um beispielsweise Theaterbesuche für ihn zu absolvieren. „Goethe saß derweile ruhig in seinem Zimmer. Seinen Geist (so heißt der Bediente) schickte er in’s Theater, und der arme Schelm mußte bei jedem Act zu Hause laufen und das Gesehene erzählen.“ (Goethe 1887–1919, 284) Ähnlich wie Goethe die abwesende Anwesenheit seiner selbst radikalisiert, indem er überhaupt nicht mehr erscheint, verfährt Fogg in der Delegation seiner Handlungsmacht. Allerdings folgt Fogg eher der umgekehrten Logik einer anwesenden Abwesenheit, wenn er jede Eigenschaft eines Reisenden – Interesse oder gar Neugier für die wechselnde Umgebung, Erkundungen der durchquerten Orte – vermissen lässt. Fogg interessiert sich lediglich für die Nachweise seiner Präsenz an den jeweiligen Stationen, das heißt für die Visa-Stempel in seinem Reisepass. Alles andere, inklusive der klassischen Reisemotivationen, wird an seinen französischen Diener delegiert. Passepartout rückt damit in die Position des touristischen Weltumrunders, zum unterhaltenden, die Erzählung forcierenden Akteur auf.

Auch dieser Befund eines die ‚eigentliche Arbeit‘ verrichtenden Dieners ist mitnichten neu. Vielmehr weist er als allgemeiner Topos zahlreiche Parallelen und Bezüge zum Motiv der Herr-Diener-Relation sowohl in der Literatur als auch im historischen Kontext auf. Hier wie dort trifft man den Diener als das handlungstreibende Element an, traditionellerweise vor allem im Lustspiel. Schon in der antiken Komödie, etwa bei Plautus und Terenz, gehen die Intrigen und die Handlung weiter- oder untertreibenden Aktionen vorzugsweise von den Personen niederen Standes aus, eine Situation, die sich durch die gesamte Motivgeschichte der Dienerfigur in der Literatur zieht. Deren Geschichte beginnt etwa mit Menanders Stück Aspis (Der Schild), wo die listigen Sklaven oder Bedienten nicht nur rein ausführende Organe sind oder in stereotypen Hans-Wurst-Rollen agieren. Vielmehr gestalten sie selbständig den Handlungsverlauf mit und haben letztlich die Funktion inne, im Augenblick der Krise, im Moment der Stagnation als Individuen zu agieren, statt in ihrer untergeordneten Position untätig zu verharren (Klenke 1992, 115). Die römischen Hauptvertreter des Lustspiels, Plautus und Terenz – seinerseits selbst ehemals ein Sklave –, zeigen sich dabei insbesondere beeinflusst von Elementen der attischen Komödie. Die Sklavencharaktere, vorzugsweise in der Figur des überlegenen Bedienten (servus callidus), aber auch in den entsprechenden Gegengestalten, dem dummen Diener (servus frugi) mit seiner eher ornamentalen Funktion oder im betrügerischen Diener (servus fallax), unterlaufen auf der Bühne die jenseits dieses Forums gültigen Verhaltensnormen, indem sie sich etwa mit den Finessen der Verstellungskunst bestens vertraut zeigen oder als Stifter von Intrigen den Handlungsverlauf maßgeblich zu bestimmen wissen. Eine weitere Tradition oder Herkunftslinie der dramatischen Dienergestalt geht dagegen auf die commedia dell’arte zurück, das heißt auf die italienische Stegreifkomödie oder genauer auf ein Improvisationstheater der Renaissance, das sich ab dem 16. Jahrhundert ausgehend von Venedig und Neapel in Form von professionellen Wanderschauspieltruppen etabliert. Und es gehört nicht allzu viel Phantasie dazu, Passepartout, den Meister der Improvisation, in die Reihe dieser zanni, zwischen den listigen Intrigenführer Brighella, dem einer gewissen Genusssucht nicht abgeneigten Arlecchino (später: Harlekin) und dem linkischen Pagliaccio (Pierrot) einzuordnen.

Und schließlich folgt das Verhältnis zwischen Fogg und Passepartout noch einem weiteren, durchaus gängigen Motiv der Herr-Diener-Relation. Das Verhältnis zwischen Herr und Diener in Vernes Roman ist keineswegs von stabilen Machtverhältnissen bestimmt. Vielmehr drohen diese nicht selten, sich in ihr Gegenteil zu verkehren. Dieser Mechanismus temporärer Machtumkehr besitzt als Phänomen ebenso wie als Topos ebenfalls eine lange Tradition, innerhalb der man jene oszillierenden Kräfteverhältnisse unter der Bezeichnung ‚verkehrte Welt‘ verhandelt hat. Die Ausprägungen dieser Inversion der Handlungsträger sind aus den verschiedensten Kontexten bekannt. Sie zeigen sich in wenigstens zwei Varianten: zum einen bei den ausschweifenden Hoffesten der Aristokratie (hier im Roman: die Opferszene von Aouda in Indien), anlässlich derer die übliche Kleiderordnung außer Kraft gesetzt wird und Würdenträger sich hinter den Masken niederer Personen verbergen und Bediente in die Rolle der Herren schlüpfen (vgl. ATW, Kap. 13). Zum anderen tauchen sie in der Volkskultur im Zusammenhang mit der institutionalisierten Form des Karnevals auf, die ebenfalls durch Kostüme und Masken eine geregelte Subversion der Ordnung sowie eine Travestie der Werte für die Dauer einiger Tage zelebriert. Ein weiterer Kontext, in dem der Topos der ‚verkehrten Welt‘ zur Anwendung gelangt, ist zudem einmal mehr die Literatur, so beispielsweise in Denis Diderots Jacques, le fataliste et son maître, wo der Diener Jacques die treibende Kraft der Romanhandlung darstellt und – obwohl ganz dem Determinismus anhängend – quasi unangefochten als Herr agiert, während der nominell sich frei dünkende Herr in vollkommener Abhängigkeit von seinem Diener verbleibt.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Fogg und Passepartout. Die Reise um die Welt vollzieht sich für den Herrn mit einer spezifischen Teilnahmslosigkeit, die vor allem dadurch zu erklären ist, dass Fogg zu keinem Zeitpunkt den Eindruck gewinnt zu reisen. Eingedenk seines seltsamen Desinteresses für die an ihm vorbeiziehenden Länder und Landschaften sowie die Tatsache, überall auf englische Verkehrsmittel und englischsprachige Dienste zu treffen (einen Übersetzer braucht es nicht), scheint nichts Foggs (hypothetische) Annahme stören zu können, lediglich in England – oder überhaupt – unterwegs zu sein. Wie kann es zu diesem Eindruck kommen, einerseits unterwegs, andererseits von der traditionellen Mühsal einer Reise erlöst zu sein? Wenigstens zwei Gründe lassen sich für dieses Ausklinken aus dem niederen Tagesgeschäft anführen. Einerseits ermöglichen es das reibungslose Weiterreisen sowie die Segnungen des Weltverkehrs und seiner Konnektivität der Eisenbahn-, Schiff- und Kutschen-Kurse an allen Umsteigeorten, dass sich die Aufmerksamkeit des Passagiers viel mehr auf das luxuriöse Transportmittel als auf die draußen vorbeiziehende Szenerie lenken kann. Andererseits verschafft dem Herrn seine nahezu vollständig an den Untergebenen delegierte Handlungsmacht auch auf den Reisen jene Freiräume, die ihn in den gewohnten Betriebszustand – Whistspielen im Kreise anderer Gentlemen – versetzen, so als ob er eigentlich gar nicht unterwegs sei.

Man könnte diese letzte These noch zuspitzen, indem man behauptet, dass Phileas Fogg seinen bequemen Lehnstuhl am Kaminfeuer des Reform-Clubs eigentlich gar nicht verlässt, auch wenn sich sein Zweitkörper tatsächlich auf einer hektischen Reise durch die Weltverkehrsnetzwerke befindet. Historische Vorbilder für diese imaginären Reisen gibt es zuhauf, und sie sind wohl auch Jules Verne nicht unbekannt gewesen. Die Verbindungen von Le Tour du Monde en 80 Jours zu dem Begründer eines ganzen literarischen Genres, der Zimmerreise, das 1795 durch Xavier de Maistre und seinen Roman Voyage autour de ma chambre initiiert wird (vgl. Stiegler 2010), sind wohl kaum zufällig oder nur den allgemeinen Anforderungen eines Reiseberichts geschuldet. Einem verhinderten Abenteurer, der zu Hause bleiben muss, nicht unähnlich liest Fogg beispielsweise seinen Bradshaw als Roman: Seine Reisen durch das Dickicht der Verbindungen nimmt er demzufolge wahr wie ein sehnsuchtsvoller Eingesperrter, der in die entlegensten Regionen der Welt verreist – mit dem Finger auf der Landkarte. So gleiten Foggs Hände durch die Kurstabellen des Bradshaw, und nichts deutet darauf hin, dass sich der Gentleman durch besondere Handlungsinitiative in das Geschehen einschaltet; vielmehr lassen sich diese Abenteuer auch im Geiste bestehen, als wenn Fogg London nie verlassen hätte. Das Exotische muss man schließlich nicht in der Ferne suchen. Spätestens seit den Weltausstellungen ab 1851 kommt es bequem in die Hauptstädte der westlichen Zivilisation, ohne dass dafür die Grenze des Reichs oder gar der Stadt noch überschritten werden müssten. Es wäre nur konsequent gewesen, hätte Phileas Fogg lediglich (sein) Passepartout auf Reisen geschickt, während er selbst ungerührt im Lehnstuhl vor dem Kamin im Reform Club ausgeharrt hätte ob der Dinge, die sein Diener stellvertretend für ihn erlebt und erledigt.