X: Elefant

von Roman Lach
Geoindex: „Kholby“ (vor Allahabad)
zu Kapitel XI ff. des Romans (französisch/deutsch)

Den Ort Kholby vor der Station Rothal, an dem die Bahnreise eine nicht einkalkulierte Unterbrechung erfährt, weil die Meldung des Morning Chronicle den Abschluss der Strecke von hier nach Allahabad wie eine „Uhr[], die partout immer der Zeit voraus sein“ (ATW, Kap. 11, 75) will, zu früh angezeigt hatte, gab und gibt es ebenso wenig, wie es im Jahr 1872 noch den 10 Jahre zuvor eingestellten Morning Chronicle gibt, dessen Meldung und die damit verknüpfte Kalkulation überhaupt erst den Anlass von Foggs Wette gestiftet hatte.

Dies mag man für einen der vielen ‚Fehler‘ halten, die in Vernes Romanen im Bereich des Faktischen schon immer gefunden wurden und die Verne selbst merkwürdig gleichgültig gewesen zu sein scheinen, wo er doch zugleich immer wieder stolz auf die „Präzision“ seiner Bilder verwies. Man kann aber in der Leerstelle, die von hier bis Allahabad (alle auf dieser Strecke genannten Ortsnamen sind erfunden, vgl. hierzu auch die Überlegungen von Nicholas White in seinem Blog) von der Reise mit dem Elefanten und der Rettung Aoudas, der Witwe des Radja von Bundelkund, gefüllt wird, auch so etwas wie die verborgene Treppe des Romans sehen, einen undefinierten Bereich, eine Nahtstelle zum Nicht-Faktischen.

Elefanten tauchen im Werk Jules Vernes mehrfach als begehrte und hochgefährliche Jagdbeute auf (z. B. Aventures de trois Russes et de trois Anglais dans l’Afrique australe, 1872, Le Village aérien, 1901). Die Schilderungen von Elefantenjagden in ihrer eindringlichen Ausführlichkeit und auch Brutalität machen im Werk Jules Vernes, wie Timothy A. Unwin bemerkt, einen ideologisch außerordentlich aufgeladenen Akt aus: „Such action is seen in all its ambivalence, for the urge to demonstrate mastery over nature by destructive behaviour is accompanied by the contrary sense of nature’s miraculous wonders, her magical munificence, her immaculate Edenic order.“ (Unwin 2005, 22)

Als Transportmittel ist der Elefant in jeder Hinsicht der Ökonomie der Bahn entgegengesetzt. Abgesehen davon, dass es sich bei Kiuni eigentlich nicht um ein Reittier, sondern um einen zum Kampf abgerichteten Elefanten handelt, kauft Fogg ihn auch zu einem völlig überzogenen Preis und anstatt die Landschaft glatt zu durchschneiden, lässt das Gefährt die Reisenden alle Hebungen und Bewegungen am eigenen Leibe spüren (nur Fogg scheint es wieder zu ignorieren).

Doch ein anderer Indienreisender unter den Figuren Vernes, der bereits im Jahr 1867 (in dem 1881 erschienenen Roman La maison à vapeur) merkwürdigerweise ohne die Schwierigkeiten mit der Bahn von Bombay nach Kalkutta gereist ist, ist wenig begeistert von dem Komfort, den sie ihm bietet:

Gewiß! Geblendet durch den Rauch, den Dampf, den Staub, noch mehr aber durch die Schnelligkeit der Fortbewegung. Ich will die Eisenbahnen nicht lästern, es ist ja Ihr Beruf, solche zu bauen, mein bester Banks; aber sich in das Coupé eines Waggons einzupferchen, als Gesichtsfeld nichts als die Scheiben der Wagenthür zu haben, Tag und Nacht mit einer mittleren Geschwindigkeit von zehn Meilen in der Stunde dahin zu jagen, jetzt über hohe Viaducte in Gesellschaft von Adlern und Lämmergeiern, nachher durch Tunnels in Gesellschaft von Ratten und Fledermäusen, nur an den Bahnhöfen anzuhalten, die einer so aussehen wie der andere, von Städten weiter nichts zu sehen als die Außenseite der Mauern und die oberste Spitze der Minarets, und das Alles unter dem unaufhörlichen Lärmen des Pustens der Locomotive, unter dem Pfeifen des Kessels, dem Aechzen der Schienen und dem Knarren der Bremsen – nennen Sie das etwa reisen? (Verne 1882, 18)

Die Lösung, die der Ingenieur Banks dem eisenbahnmüden Maucler anbietet, ist eine wahre Chimäre aus der Beschleunigungsmaschinerie des industriellen Zeitalters, die den Reisenden zum „blinden Passagier“ mit bloßem „Durchquerungsinteresse“ macht (Sloterdijk 2005, 66) und einer Mimikry der „lokalen Tradition“: ein stählerner, dampfbetriebener Elefant, der einen Konvoi von luxuriösen Wohnwagen jenseits der ausgetretenen Pfade quer durch den Subkontinent von Kalkutta in Richtung Norden zieht. Auch diese Reisenden sehen sich zu einem Umweg durch die gefährliche, von heimtückischen Wilden bewohnte Region Bundelkund (Bundelkhand) genötigt – eben wiederum jenen geographisch diffus und fantastisch erfassten Bereich, den Fogg und Anhang per Elefant durchqueren. Hier wird ihr Gefährt von einer stetig wachsenden Horde Elefanten überfallen und zum Teil zerstört, eine der eindrucksvollsten Szenen im Werk Jules Vernes, die von eingehender naturkundlicher und kulturgeschichtlicher Beschäftigung Vernes mit diesem Tier zeugt und beinahe etwas von der Qualität der Walfangschilderungen in Moby Dick besitzt (im 17. Kapitel von Cinq semaines en ballon wird der Elefant tatsächlich mit dem Walfisch verglichen). Bei dem Versuch, Aufständischen zu entkommen, die sich nach der Niederschlagung des Sepoy Aufstandes gegen die britischen Besatzer im Jahre 1857 mit ihrem (historischen) Anführer Nana Sahib hier verschanzt haben, explodiert schließlich der dampfbetriebene Elefant.

Zieht man nun noch in Betracht, dass der misanthropische Kapitän Nemo auf dem Sterbebett (am Ende der Ile Mysterieuse) seine wahre Identität preisgibt als ein in England erzogener Prinz von Bundelkund – trotz seiner Bewunderung für die Errungenschaften der britischen Zivilisation von Hass gegen die Besatzer seiner Heimat erfüllt, dann wird evtl. deutlich, welche Bedeutung die Reise durch dieses Fantom-Gebiet (in Anlehnung an Cocteaus Benennung des bei der Weltumrundung hinzugewonnenen Tags als „jour fantôme“ – Cocteau 1983, 195), in dem sich alles zu versammeln scheint, was sich westlicher Kultur und Technik entgegensetzt, auf dieser Reise durch eine – vermeintlich – „eingeräumte Welt“ (Sloterdijk) haben könnte.