XV: Energie

von Hermann Doetsch
Geoindex: Monghir

zu Kapitel XIV des Romans (französisch/deutsch)

Wenngleich die Maschine und der Roman bereits eine fast 400jährige gemeinsame Geschichte als führende Techniken der westlichen Kultur miteinander teilen, gibt es doch kaum einen Roman, in dem Maschinen eine solch große Rolle spielen wie in Vernes Romanen (vgl. Noiray 1982, Chelebourg 2005).  Dies liegt dabei nicht einfach nur an Vernes oder Hetzels didaktischem Interesse an den Spitzenerzeugnissen der zeitgenössischen Industrie, sondern ist vielmehr in einem fundamentalen, epistemologischen Wandel begründet, dessen Agens und Sinnbild die Dampfmaschine bildet (vgl. Serres 1975, 59-128). Der Blick auf die sich in den operativen Prozessen der Maschine ständig verändernde Wirklichkeiten macht die Defizite des auf der regelhaften Repräsentation der Natur beruhenden mechanischen Welt-Bilds deutlich, das die frühneuzeitliche Wissenschaft mit Galilei und Newton entworfen hat, und führt zu einer energetischen Vorstellung von Welt (vgl. Smith 2003). Wirklichkeit erscheint nunmehr weniger als etwas Gegebenes, das es zu vermessen und modellhaft darzustellen gilt, sondern vielmehr als virtuelles Reservoir von sich beständig in Transformationsprozessen befindender Energie (vgl. Serres 1974b, 200f).

Es ist Sadi Carnot, der in seiner 1824 verfassten Schrift Réflexions sur la puissance motrice du feu et sur les machines propres à développer cette puissance die von seinem Vater Lazare Carnot entwickelte Verfahrensweise (vgl. Carnot 1872), welche die Effizienz der Operationsketten der maschinellen Prozesse, d.h. das Verhältnis zwischen aufgewandter und tatsächlich verwertbar genutzter Energie, zu berechnen versucht (vgl. Séris 1987, 343-376), auf die Untersuchung der Watt’schen Dampfmaschine anwendet. Er formuliert damit als erster eine allgemeine Theorie der Maschine als Prinzip der Umwandlung von Energie und begründet so ein neuartiges Paradigma im wissenschaftlichen Denken: die Thermodynamik  (vgl. Stengers 2003, 89-165).

Was seine Nachfolger, insbesondere Thomson, dabei umtreibt (vgl. D’Iorio 2006), ist die Tatsache, dass die beiden grundlegenden Prinzipien der Thermodynamik, der Satz von der Erhaltung der Energie und der Satz von der Entropie (vgl. Harman1982, 45-71) offensichtlich ein fundamentales Paradoxon bilden. Geht doch das erste Prinzip davon aus, dass die Energie in den Transformationsprozessen beständig restituiert wird, während das zweite Prinzip festlegt, dass die Energie, die von warm nach kalt abgegeben wird, für die Arbeitsleistung verloren ist (vgl. Cardwell 1989/1971). Carnot entwickelt eine theoretische Maschine, in welcher die Transformationsprozesse, die aus der Differenz zwischen warm und kalt Bewegung erzeugen und umgekehrt, in mehrere isothermische und adiabatische Phasen aufgeteilt sind. Wie Clausius nachweist (vgl. Maury 2006), gelingt es Carnot gerade durch die ingeniöse Konzeption dieser theoretischen Maschine zumindest idealerweise, die Wärmeenergie vollständig in mechanische Energie und diese wiederum in Wärmeenergie zu transformieren und damit die Energiebilanz des gesamten Systems ausgeglichen zu halten (vgl. Serres 1977, 42-63).

Der energetische Prozess der Dampfmaschine wird in der Perspektive von Mayer und Helmholtz, nicht nur Kenner von Dampfmaschinen und den Vorgängen von der Konversion einer Energieform in die andere, sondern auch versiert in romantischer Naturphilosophie (vgl. Kuhn 1977/1959), quasi in Vollendung der Vorstellung von der klassischen Maschine,  zum Sinnbild der Prozesse in der Natur, in der keine Energie verloren geht (vgl. Balibar 2006).

In der Praxis allerdings erweist es sich als unmöglich, stets die gesamte Energie wieder in den Kreislauf einzuspeisen, etwas geht immer verloren, bis das System als Ganzes kollabiert. Der maschinelle Prozess trägt das ihm unausweichliche Ende immer schon eingeschrieben; ein Ende, das äußerst plötzlich eintreten kann, wenn das von Carnot ausgeklügelte System aus den Fugen gerät.

Wenn Virilio formuliert, dass der Mensch zugleich mit der Maschine den Unfall erfindet (vgl. Virilio 2005), dann insbesondere, um zu unterstreichen, dass der Unfall nicht etwas ist, was der Maschine, einer Substanz, als Akzidens, als (nicht notwendige) Eigenschaft, zusätzlich zukommt, sondern die jedem maschinellen Prozess inhärente Grundlage des Funktionierens der Maschine, die es konstituierende Differenz (Serres 1977, 43-62, u. Prigogine/Stengers 1986/1979, 133-193).

In 80 Tagen um die Welt inszeniert nun diese Aporien und Probleme der thermodynamischen Wirklichkeit zwischen System und Entropie und markiert damit endgültig den historischen Bruch zwischen klassischer Mechanik und Thermodynamik.

Während der klassische Held – und wenn nicht der, dann zumindest der Leser – nicht unähnlich dem klassischen Wissenschaftler in seinem Weg durch die Welt deren universellen Gesetze ergründet, die schließlich in Papierform Faktizität erlangen, erzählt In 80 Tagen um die Welt nur noch vordergründig vom Weg eines Einzelnen durch die Welt. Phileas Fogg fährt zwar durch die Welt, er-fährt aber von der Welt nicht mehr, als er immer schon gewusst hat (vgl. Sloterdijk 2005). Was für ihn einzig zählt, ist der möglichst schnelle Transport. Mit einem Mal gerät die von der modernen Wissenschaft mühsam etablierte Balance, die zwischen einem wahrnehmenden Subjekt und einem Objekt der Wahrnehmung unterscheidet, ins Wanken. Die Objekte entziehen sich.

Das Panorama glitt schnell wie der Blitz vorbei, und manche Einzelheiten wurden von einer weißen Dampfwolke verschleiert. So konnte man zum Beispiel kaum Fort Khunar erkennen, 20 Meilen südöstlich von Benares, auch nicht die antike Festung der Radschas von Bihar oder die Stadt Ghasipur mit ihren bedeutenden Rosenwassermanufakturen; weder das Grabmal von Lord Cornwallis, das sich am linken Ufer des Ganges erhebt, noch die befestigte Stadt Buxar; weder die Industrie- und Handelsstadt Patna, Schwerpunkt des indischen Opiummarkts, noch Monghir, eine durch und durch europäische Stadt, so britisch wie Manchester oder Birmingham, bekannt für ihre Eisengießereien, ihre Messer- und Waffenfabriken, deren hohe Schornsteine mit ihrem schwarzen Rauch den Himmel Brahmas beschmutzen – ein wahrer Schandfleck in diesem Land der Träume! (ATW, Kap. 14, 106f.)

Die Geschwindigkeit der Dampfmaschine verhindert eine klare und distinkte Wahrnehmung der Welt, der „panoramatische Blick“ aus dem Fenster der Eisenbahn verunmöglicht jegliche Wahrnehmung von Ordnung (vgl. Schivelbusch 1993/1977, 51-66). In kontingenter, einzig durch die Eisenbahntrasse bestimmter, Folge ziehen blitzartig Momentaufnahmen der Wirklichkeit vorbei. Erzählen wandelt sich so in Aufzählen (vgl. Buisine 1974, Mainberger 2003, 45-48)

Was sich zwischen Subjekt und Objekt schiebt, was einzig zu sehen ist, ist der Prozess der Maschine selbst, welche Materie in Wärme und Wärme in Geschwindigkeit verwandelt – oder vielmehr die Überreste des Verbrennungsprozesse, die dem schwarzen Abfall anderer industrieller Transformationsprozessen entsprechen. Das Reale der kapitalistischen und imperialistischen Moderne hat das Imaginäre des fernen Orients endgültig verdrängt; Fabriken und Festungen, mehr gibt es nicht. Von den orientalischen Träumen bleibt lediglich das Opium übrig, ein weiteres Medium der Moderne, das Wahrnehmungen transformiert. Maschinen sind das einzige, das es zu sehen gibt:

Der Passagierdampfer, der von Yokohama nach San Francisco fuhr, gehörte der Pacific Mail Steam Company und hieß General Grant. Es war ein großer Raddampfer mit einer Kapazität von 2500 Tonnen, technisch so gut ausgerüstet, dass er eine sehr hohe Geschwindigkeit erreichte. Gleichmäßig hob und senkte sich über dem Deck ein riesiger Schwinghebel. An einem Ende war er mit einer Kolbenstange verbunden, am anderen mit einer Kurbelwelle, die seine geradlinige Bewegung in die Kreisbewegung der Räder übersetzte. (ATW, Kap. 24, 190)

Neben der Größe und der Leistung der Maschine – wie auch schon in Une ville flottante (Verne 2000/1871) – interessiert offensichtlich insbesondere die Funktionsweise der Maschine (vgl. Noiray 1982, 111-117), die detailliert beschrieben wird. Was zählt, ist weniger das, was zu sehen ist, sondern die Prozesse der Transformation. Das ist auch die Funktion des zunächst auffälligsten Teils, des enorm großen Balancier, an dessen Enden zum einen die Kolbenstange und zum anderen die Kurbelstange angebracht sind (vgl. Matschoss 1901, 168-191), dient diese Anordnung doch dazu, die Wärme der Dampfkessel in Bewegung umzusetzen. Auch hierbei spielen Prozesse der Transformation eine nicht unbedeutende Rolle, wie der Erzähler nicht unterlässt zu bemerken: Durch Kondensation verringert sich das Volumen des sich durch die Erwärmung ausgetretenen Dampfes schlagartig und ermöglicht so der Kolbenstange eine geradlinige Bewegung, welche der Balancier an die Kurbelstange weiterleitet, die diese mit Hilfe des Schaufelrads in eine kreisförmige transformiert und die so das Dampfschiff antreibt; Prozesse von unglaublicher Effektivität.

Doch die technischen Kreisläufe sind labil. Besorgniserregend erscheinen die Momente, in denen die Effektivität der Maschine in Frage steht, in welchem sie nicht genügend Wärmeenergie in kinetische Energie umwandeln kann, sie nicht genügend Arbeit zu verrichten vermag, wie Passepartout auf der Überfahrt nach Indien, die mit einem moderneren Schraubendampfschiff unternommen wurde, leider feststellen muss:

Eines Tages lehnte er am Geländer des Maschinenraums und betrachtete die allmächtige Dampfmaschine, die manchmal laut aufdröhnte, wenn das Schiff heftig stampfte und die Schraube über den Wellen in der Luft rotierte. Dann strömte zischend Dampf aus den Ventilen, was den braven Burschen jedes Mal in helle Wut versetzte. (ATW, Kap. 17, 132)

In solchen Momenten wird klar: Thermodynamische Prozesse verbrauchen Energie, mit welcher die Maschine versorgt werden muss. Wenn, wie auf der Überfahrt über den Atlantik, nicht mehr genügend Brennmaterial zur Verfügung steht, muss das Transportmittel eben selbst aufgebraucht werden, um die zur Fortbewegung nötige Energie bereit zu stellen (vgl. ATW, Kap. 33, 267ff, vgl. Sloterdijk 2009). Die Maschine verzehrt sich selbst, Fortbewegung und Unfall sind eines. Denn thermodynamische Prozesse gehorchen der Logik des Exzesses und tragen so beispielhaft das Risiko des Unfalls in sich (vgl. Serres 1974a, 233-242), darin nur übertroffen von solchen „Explosionsmotoren“ wie die in De la terre à la lune, die nichts weiter sind als ein einigermaßen beherrschter Unfall (Verne 2009/1865).

Das System thermodynamischer Maschinen im Gleichgewicht zu halten, ist aufgrund der Komplexität sehr schwierig, wie am Medicine-creek sich deutlich zeigt, als die zur geregelten Fortbewegung nötige Infrastruktur verschwindet.

Dann, nach einem zweiten Pfiff, bewegte sich die Lokomotive wieder vorwärts. Sie beschleunigte. Bald raste sie in fürchterlichem Tempo dahin. Man hörte nur noch ein Zischen, die Kolben stießen 20 Mal in der Sekunde hin und her, die Radlager qualmten. Man spürte förmlich, dass der Zug mit seiner Geschwindigkeit von 100 Meilen pro Stunde kaum noch die Schienen berührte. Die Schnelligkeit siegte über die Schwerkraft.
Und sie flogen hinüber! Wie der Blitz! Man sah nichts von der Brücke. Der Zug sprang buchstäblich von einem Ufer zum anderen, und der Lokführer brachte seine rasende Maschine erst 5 Meilen hinter der Bahnstation wieder zum Stehen.
Aber kaum hatte der Zug den Fluss überquert, da krachte die Brücke in sich zusammen und stürzte in die Stromschnellen des Medicine Bow. (ATW, Kap. 28, 231)

Thermodynamische Maschinen transformieren in Prozessen, die sich der Sichtbarkeit entziehen, Wirklichkeit, indem sie eine Bahn dort schaffen, wo im Prinzip keine mehr ist. Doch dieses produktive Moment setzt eine sehr große Menge an Energie frei und impliziert damit immer schon die Gefahr der Selbstzerstörung.

Maschinen sind keine gewöhnlichen Objekte, die entweder da oder nicht da sind, keine Substanzen, die bestimmte unveränderliche oder veränderliche Eigenschaften haben und feste zeiträumliche Koordinaten aufweisen, sondern es sind Ereignisse oder, weniger philosophisch, Prozesse. Insofern tragen sie die Eigenschaft von Prozessen, die ihren gewohnten Gang gehen können oder auch nicht.

Die moderne Wirklichkeit ist instabil geworden, thermodynamische Prozesse tragen eine unauflösliche Ambivalenz in sich. Sie markieren beständig die Grenze zwischen Energieerhaltung und Dissipation von Energie, zwischen effektiv funktionierendem Kreislauf und Unfall (vgl. Martin 1990, 152-176). Genau von solchen Ereignissen zwischen Stabilität der Welt und Katastrophe erzählen Vernes Romane.