XVII: Blinde Flecken. Geschlechterdifferenzen im Weltverkehr

von Caroline Pross*
Geoindex: An Bord der Rangoon

zu Kapitel XVI des Romans (französisch/deutsch)

In 80 Tagen um die Welt  ist ein Roman über das Beobachten von Welt, und auch Mrs. Aouda, die einzige Frau, wird als ‚Beobachterin’ eingeführt. Ein, wenn nicht das zentrale Merkmal dieser Figur sind ihre „schönen Augen“ (ATW, Kap. 14, 100, 104 u. ö.), insistent wird Mrs. Aouda über ihre Augen charakterisiert. Was aber sehen diese Augen? Und zu welchen Beschreibungen der bereisten Welt geben sie Anlass?

Gemessen an den Erwartungen, die die Thematisierung ihrer Blicke weckt, wird man auch hier von einem Ausfall von Weltwahrnehmung sprechen können. Ähnlich wie Fogg und Fix ist auch Mrs. Aouda im Wortsinne ein ‚blinder Passagier’. Eine Lesart, die diese Figur lediglich als Variante der „Helden des Sekundären“ deutet und sie als weiteres Beispiel für ein modernes Subjekt ohne „Erfahrung“ rubriziert (Sloterdijk 1999, 841), übergeht allerdings eine Differenz, die der Roman mit einiger erzählerischen Raffinesse in Szene setzt: Dem Universalismus global standardisierter Verhaltensmuster ist bei Verne ein gender bias eingezeichnet, den es gegen die These der Nivellierung jeglicher Erfahrung zu lesen gilt.

Die indische Witwe ist die einzige Frau in einer innerhalb von Vernes Œuvre ungewöhnlich männerbündisch organisierten Welt, in der sie sich wie ein Fremdkörper ausnimmt (vgl. Serres 2003, 45). Analysen berücksichtigen diese Figur in der Regel bestenfalls am Rande oder subsumieren sie dem, was sich über ihre männlichen Beschützer sagen läßt. Sie handeln sich auf diese Weise aber ihrerseits einen blinden Fleck ein, denn so sehr an Mrs. Aouda Beobachtungsverhältnisse inszeniert werden, die für den gesamten Roman charakteristisch sind, so sehr folgt das Beobachtungsverhalten dieser Figur genau besehen einer eigenen Logik. Diese Logik aber verweist auf eine strukturelle Asymmetrie, die das gesamte Weltnetzwerk des Romans durchzieht.

Wenn Mrs. Aoudas Blick sich gar nicht erst auf die durchreiste Welt richtet, hat dies einen ganz bestimmten Grund. Von Kapitel 16 an, als sie ihr Bewusstsein wieder erlangt und sich der Reisegesellschaft anschließt, wird Mrs. Aouda sehr wohl als eine Beobachterin eingeführt, ihre Augen und ihr Sehen werden vom Erzähler kontinuierlich thematisiert. Nur richtet ihr Blick sich nicht so sehr auf die Welt draußen. Von dem Moment an, da sie wieder zu Bewusstsein kommt, bis zum Ende des Romans sind Mrs. Aoudas Blicke vor allem auf ein Objekt in ihrer unmittelbaren Nähe gerichtet: auf Phileas Fogg. Die Illustration von Neuville und Benett, die Mrs. Aouda in Begleitung Foggs an Deck der Rangoon zeigt, setzt diese Struktur der Blicke prägnant in Szene (vgl. Abb. ATW, Kap. 16, 117).

Dem Betrachter des Buchs bietet sich ein frontaler Ausblick auf das offene Meer, die Blicke der Figuren sind hingegen abgelenkt. Während Fogg einen Punkt außerhalb des Bildes fixiert, ist Mrs. Aoudas Blick wiederum mit leicht niedergeschlagenen Augen auf den Mann an ihrer Seite gerichtet: „blickte sie Mr. Fogg mit großen Augen an“ (ATW, Kap. 16, 118), heißt es wenig später, und damit ist ein Muster etabliert, das sich bis zum Ende des Romans durchhalten wird (vgl. ATW, Kap. 17, 132, ATW, Kap. 20, 150, ATW, Kap. 30, 244). Mrs. Aoudas Weltbezug erscheint mithin als ein indirekter und mittelbarer. Er verläuft über den Mann, dem sie ihr Leben verdankt und über dessen Sonderlichkeiten sie aus Verbundenheit hinwegsieht: „Bei jeder Gelegenheit bezeigte sie ihm aufs Lebhafteste ihre Dankbarkeit“ (als Bildunterschrift ATW, Kap. 16, 118).

Nun ist Mrs. Aouda keine devote oder unselbständige Wilde. Zwar verkörpern die „Ind[ian]er“ auf beiden Seiten des Ozeans in 80 Tagen das Wilde, doch aus der Figur der „junge[n] Dame“ (ATW, Kap. 16, 122) sind alle Spuren ihrer Herkunft getilgt. „Diese Frau war noch sehr jung, weiß wie eine Europäerin.“ (ATW, Kap. 12, 85), wird sie eingeführt, und der Augenschein bewahrheitet sich in der nachgetragenen Geschichte (vgl. ATW, Kap. 12, 88). Wie sich rasch zeigt, hat Mrs. Aouda wenig gemein mit den „wilden Gegenden“ (ATW, Kap. 12, 86, Übersetzung modifiziert) und den „barbarischen Bräuche[n]“ (ATW, Kap. 12, 86) vor Ort. Ihrer Erziehung nach ist sie Produkt eines transnationalen Netzwerks, das sich über den Handel knüpft und das Lokale mit europäischen Mustern überschreibt (vgl. Butcher 2009, 14).

Die schöne Inderin ist die „Tochter reicher Kaufleute in Bombay. Sie hatte in jener Stadt eine englische Erziehung genossen, und ihrem Benehmen, ihrer Bildung nach hätte man sie für eine Europäerin halten können.” (ATW, Kap. 12, 89) Wie der Erzähler betont, erfüllt Mrs. Aouda europäische Rollenmuster in idealtypischer Weise: „Mrs. Aouda [war], Witwe des Radschas von Bundelkhand, eine bezaubernde Frau […], und zwar durchaus im europäischen Sinn des Wortes. Ihr Englisch war nahezu makellos, und der Parse hatte keineswegs übertrieben, als er behauptete, diese junge Parsin sei durch Erziehung und Bildung in eine Europäerin verwandelt worden.“ (ATW, Kap. 14, 101) Als Erstes versorgen ihre Retter sie denn auch mit Kleidung nach dem Vorbild der „Regent Street“ (ATW, Kap. 14, 100), und erst als man sie wieder europäisch eingekleidet und in ein städtisches Milieu zurückversetzt hat, gewinnt Mrs. Aouda ihr Bewusstsein zurück. Unmittelbar auf die Revestitur folgt der Satz: „Mrs. Aouda kam langsam wieder zu Bewusstsein“ (ebd.).

Wenn Mrs. Aoudas Weltbezug indirekt und abgeleitet ist, fügt dieses Muster sich in das Gesamtbild des Romans. Es wird jedoch anders motiviert als im Falle ihrer Reisebegleiter. Mrs. Aouda hält sich überwiegend in Innenräumen auf. Während der Überfahrt nach Hongkong trifft man sie in ihrer Kabine oder im „großen Salon der Rangoon“ (ATW, Kap. 17, 123) an; wo immer die Weltreisenden ankommen, in Hongkong, Yokohama, San Francisco oder New York, wird Mrs. Aouda als erstes in einem Hotel untergebracht, während die Männer Informationen einholen und die lokalen Verhältnisse erkunden. Ihr Wissen über die durchreiste Welt bezieht Mrs. Aouda in erster Linie aus den Berichten ihrer Reisegefährten und nur in deren Begleitung bekommt sie etwas von den bereisten Gegenden zu sehen (vgl. ATW, Kap. 17, 125f., Kap. 20, 149f., Kap. 25, 196ff.).

Männer und Frauen sind in In 80 Tagen um die Welt unterschiedliche Wahrnehmungs- und Bewegungsspielräume zugeordnet, wenngleich sie dieselben Verkehrsmittel benützen, ist ihnen die bereiste Welt in unterschiedlichem Maße und auf unterschiedliche Weise zugänglich. Mit einiger Präzision bildet Vernes Roman in dieser Hinsicht für das 19. Jahrhundert typische geschlechtsspezifische Limitationen von Mobilität. Auf Frachtschiffen wie der Carnatic oder Henrietta waren unverheiratete Frauen Ende des 19. Jahrhunderts nicht vorgesehen (vgl. Diesbach 2002, 236), und auch in der Personenschifffahrt herrschen geschlechtsspezifische Einschränkungen. Das Reglement der Cunard-Linie etwa sieht vor, dass weibliche Passagiere sich während der Atlantiküberquerungen im Inneren der Schiffe aufhalten und allenfalls in Begleitung an Deck erscheinen sollen (vgl. Althoff 1988, 166f.). Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch der vollständige Negativbescheid, den Passepartout erhält, als man auf der Suche nach seinen Reisgefährten die Passagierliste der Carnatique durchgeht: „Es gibt hier keine junge Dame an Bord“ (ATW, Kap. 22, 172).

Was sich in der Differenz zwischen Mrs. Aouda und ihren Reisegefährten abzeichnet, ist ein gender bias, der den offenen Weltverkehr am Ende des 19. Jahrhunderts asymmetrisiert und sich in einer Serie von Exklusionen materialisiert (vgl. Perrot 1994, 519 – 528). In diesen Beschränkungen und Ausschlüssen wird das zeitgenössische Wissen vom Geschlecht als soziale Praxis wirksam. Von Humboldt bis Michelet postuliert die Geschlechteranthropologie des 19. Jahrhunderts bekanntlich eine physiologisch begründete substantielle Differenz der Geschlechter, aus der auch unterschiedliche Positionen und Bewegungsmuster im sozialen Raum abgeleitet werden: Frauen und Männern werden die Positionen von Intimität und Öffentlichkeit, Immobilität und Mobilität und im Ergebnis ein indirekter bzw. ein direkter Zugang zur Welt zugeordnet (vgl. Honegger 1992, Fraisse 1992, Laqueur 1996).

Berücksichtigt man, dass es das Wissen über die Differenz der Geschlechter ist, das den Zugang zum sozialen Raum begrenzt und ein signifikantes Mobilitätsgefälle begründet, bedenkt man weiter, dass es sich hierbei um kulturpragmatische Rahmenbedingungen handelt, die den Geschlechtern a priori asymmetrische Bewegungs- und Beobachtungsspielräume zuweisen und den Gebrauch der Techniken der Welterschließung modulieren, dann wird deutlich, dass sich in Mrs. Aoudas Welt-‚Blindheit’ anders als bei Fogg oder Fix kaum ein verfehltes Beobachtungsverhalten manifestiert. Während die Namen der Männer explizit auf Dysfunktionen hinweisen, ist die Namengebung der „edelmütigen Frau“ (ATW, Kap. 35, 289) in dieser Hinsicht neutral (vgl. den Kommentar in Verne 2009, 367). Mit nachgerade hyperbolischer Konsequenz verkörpert die Dame, deren „schöne[r] Blick“ (ATW, Kap. 35, 289) sich nicht auf die Außenwelt richtet, sondern auf die Männer in ihrer unmittelbaren Nahwelt, ganz im Gegenteil das soziokulturelle Regelwerk, in dem sich das Wissen über die Geschlechter des 19. Jahrhunderts in geschlechtlich divergierende Raumpraktiken übersetzt.

Dass Verne mit dieser Inszenierung eine kritische Absicht verfolgt, ist nicht anzunehmen. Typologien der Geschlechterbeziehungen in seinen ‚Reisen’ belegen, dass Frauen in Vernes Romanen dort an ihrem Platz sind, wo sich Mrs. Aouda am Ende von In 80 Tagen um die Welt  befindet, in der immobilen Sphäre der Häuslichkeit, während weibliche Mobilität sich mit Verunklarungen und Krisen der geschlechtlichen Zuordnung verbindet (vgl. Diesbach 2000, 233-254). Gleichwohl inszeniert der Roman eine bemerkenswert lange Phase, in der diese Deckung nicht gegeben ist und Versuche, geschlechtliche Bestimmung und faktische Mobilität wenigstens provisorisch zur Deckung zu bringen, als eine der vielen Erschwernisse und Störungen wirksam werden, die das Gelingen des Projekts einer reibungslosen Weltumrundung immer wieder in Frage stellen. In der Mobilitätssphäre des globalen Weltverkehrs ist Mrs. Aouda strukturell fehl am Platz, und von hier erklärt sich auch die für moderne Kritiker irritierende Reduktion dieser Figur auf die Rolle eines von den männlichen Protagonisten transportierten ‚Gepäckstücks’, das über keinen nennenswerten eigenen Bewegungs- und Handlungsspielraum verfügt (vgl. Diesbach 235; ähnlich Lynch 56).

Wenngleich der Roman die geschlechtsspezifischen Asymmetrien und Differenzen innerhalb der für Informationen, Gütern und Menschen scheinbar so durchlässigen Sphäre eines zunehmend standardisierten Weltverkehrs nicht zum Gegenstand expliziter diskursiver Erörterungen macht, werden diese Asymmetrien für die Leser des Romans auf diese Weise gleichwohl aus der Latenz eines ‚stummen Wissens’ gehoben. Im Rahmen der Fiktion werden sie als Differenzen beobachtbar gemacht, die im kulturellen Wissen und den sozialen Institutionen des 19. Jahrhunderts begründet sind, und sie werden lesbar gemacht als Manifestationsweisen einer symbolischen Ordnung, deren Machteffekte keineswegs erst im Verhältnis von Zentrum und Peripherie wirksam werden, sondern bereits in diesem Zentrum selbst.

 

*Der Beitrag wurde uns von der Autorin vor ihrem tragischen und unerwarteten Tod im April 2011 zur Publikation zur Verfügung gestellt. Wir glauben, dass es in ihrem Sinn ist, ihn im Rahmen des Projekts zu veröffentlichen, an dessen Zustandekommen sie wesentlich mit beteiligt war.