XVIII: Der Globus und das Klobige

von Robert Stockhammer
Geoindex: An Bord der Rangoon
zu Kapitel XVII des Romans (französisch/deutsch)

„[...] und falls es doch Zitterbewegungen gab, so wären sie komplizierter zu berechnen gewesen als jene auf dem Uranus, die zur Entdeckung des Neptun führten.“ (ATW, Kap. 17, 131f., Übers. modifiziert) Diese durchgeführte Metapher, die den Zweck zu haben behauptet, die von Mrs. Aoudas Charme nicht in Erschütterung versetzte Oberfläche des stoischen Engländers Phileas Fogg zu beschreiben, dient in Wahrheit der wissenschaftshistorischen Bildung des Lesers. Denn dieser erfährt daraus, dass nicht erst die Entdeckung der extrasolaren Planeten (seit ungefähr 1990, die genaue Datierung ist umstritten, weil einige der ersten Postulate noch bestätigt werden mussten bzw. sich als irrig herausstellten), sondern schon die 1846 erfolgte Entdeckung des letzten (um vom Pluto abzusehen, der diesen Status ja nur zwischen 1930 und 2006 genoss) Planeten in unserem Sonnensystem indirekt erfolgte, nämlich auf die anders nicht erklärbare Gravitationswirkung eines (zumindest zunächst) nicht gesichteten Himmelskörpers auf einen beobachtbaren zurückgeht: Der Neptun wurde aus Zitterbewegungen (perturbations) des Uranus erschlossen und erst daraufhin, mithilfe daraus abgeleiteter Suchbefehle, gefunden.

Das dabei angewendete Verfahren ist ein astronomisches auch im epistemologischen Sinne einer Wissenschaft, in der es keinen Zufall und keine Wahrscheinlichkeiten gibt. Der antike Name für diese Wissenschaft lautet, als handle es sich dabei um eine parsprototische Verwendung des totumpropartischen Namens des siebten Planeten, Uranologie. Diese hat es mit perfekten Körpern und deren regelmäßigen Bewegungen bzw. ihrer Unbeweglichkeit zu tun: mit dem kugelförmigen Himmelsgebäude als ganzem sowie mit den darin sich befindenden Planeten und Fixsternen. Wenn Planeten zittern, so kann dies auf andere Körper zurückgeführt werden kann, die im Rahmen dieser Rechnung wiederum perfekt sind.

Dieses Wissen unterscheidet sich von dem der Meteorologie, die, nach der aristotelischen Definition, „alle die Geschehnisse [umfasst], die sich auf natürliche Weise, dabei jedoch im Vergleich mit dem ersten Elementarkörper [dem Himmelsgebäude] unregelmäßiger vollziehen“ (Aristoteles 1979, I 1 [338 b 20ff]). Damit unterscheidet sie sich von der Uranologie, die von perfekten Körpern handelt, welche sich entweder gar nicht oder regelmäßig bewegen.

Zwar werden diese Wissensformen gern (u.a. von Aristoteles selbst, vgl. 1979, I 2 [339 a 20]) nach ihren Gegenstandsbereichen unterschieden, wobei die translunarische Welt zur Uranologie und die sublunarische zur Meteorologie zu zählen wäre. Dies jedoch geht nur auf, wenn man – wie Aristoteles dies tut – Kometen und sogar die Milchstrasse zum Bereich des Sublunarischen zählt. Nach Aristoteles’ eigenen Kriterien wären also seit der Frühen Neuzeit die Milchstraße (Galilei sei Dank!) und die Kometen (Halley sei Dank!) in den Bereich des uranologischen Wissens überführt (oder zurückgeführt), das es mit den translunarischen Himmelskörpern zu tun hat; dem epistemischen Sinn des Wortes treu geblieben sind jedoch Körper, die heutzutage ‚Meteore‘ heißen: metéōros bedeutet zunächst vieles, was, von der Erde aus gesehen, in der Höhe, in der Luft ist, darunter Witterungserscheinungen ebenso wie bestimmte Himmelskörper – so dass es nur heutzutage ein Kalauer wäre, die Meteorologie als Wissenschaft von den Meteoren zu bestimmen.

Der Planet Erde ist Gegenstand der Uranologie und der Meteorologie; globus kann ‚Kugel‘ und ‚Klumpen‘, einen regelmäßigen und einen unregelmäßigen Körper bezeichnen. Uranologisch betrachtet ist die Erde im geläufigen Wortsinn ‚global‘: ein perfekter geometrischer Körper, an dessen Oberfläche alle Punkte gleich nah zum Mittelpunkt stehen (vgl. Aristoteles 1857, II 14 [297 a]); meteorologisch ist die Erde in einem anderen, nicht mehr geläufigen Wortsinn, ‚global‘: an verschiedenen Stellen verschieden beschaffen, verschiedenen Wettern ausgesetzt und von verschiedenen Klimata geprägt. Diejenigen perturbations eines anderen Himmelskörpers, die auf die regelmäßige Einwirkung anderer Himmelskörper schließen lassen, gehören der uranologischen Ordnung an; sublunarische perturbations auf der Erde hingegen zeugen von meteorologischer Unordnung.

Foggs mathematisches („Das waren seine Worte.“ ATW, Kap. 16, 118) Verhalten lässt sich als der Versuch beschreiben, unter meteorologischen Bedingungen uranologisch zu agieren: „Aber dieser Mann [...] reiste auch nicht, sondern beschrieb einen Kreis. Er stellte einen schweren Körper dar, der sich in einer Umlaufbahn um die Erdkugel befand und dabei den rationalen Gesetzen der Mechanik folgte.“ (ATW, Kap. 11, 67f.) Sein Größenwahn besteht darin, dass er noch das Meteorische dem Typ des uranologischen Wissens unterwerfen zu können vermeint. Dementsprechend wird ihm etwa zugetraut, Stürme vorhersehen zu können: „Man konnte den Eindruck gewinnen, als sei auch dieser Sturm [vor der südchinesischen Küste] Teil seiner Planung, als habe er ihn längst vorausgesehen.“ (ATW, Kap. 18, 133) Aber offensichtlich gibt es hier eine epistemologisch unsaubere Stelle: Zwar bescheidet Fogg noch anlässlich der Unterbrechung der Zugreise in Indien, er habe so etwas vorhergesehen („ich hatte sie ja vorausgesehen“, ATW, Kap. 11, 74). Auf Nachfrage muss er jedoch einräumen, dass er nicht genau dieses, sondern nur „irgendein Hindernis“ (ATW, Kap. 11, 74; Hervorhebung R.S.) eingeplant habe, also nur mit der Wahrscheinlichkeit eines mittelgroßen Zwischenfalls gerechnet habe. Um jedoch auszuschließen, dass sich der Reise zwei Hindernisse oder ein besonders großes entgegenstellen, hätte er eine ganz andere Mathematik bemühen müssen als die, mit der Himmelsbewegungen berechnet werden (nämlich eine stochastische).

Wenn die Reisegesellschaft im weiteren Verlauf zunehmend viele Hindernisse mit wachsendem Improvisationsvermögen überwindet, so ließe sich dies auch so beschreiben, dass sie zunehmend im emphatischen Sinne ‚reist‘ – statt bloß eine Umkreisung der Erde zu beschreiben. Insofern findet Fogg sich zunehmend mit der meteorologischen Dimension des globus ab, statt auf der uranologischen zu insistieren. Wofür ja auch spricht, dass er sich am Ende denn doch mit einer Frau einlässt.