XXXIX: Der Kannibalen-Zug

von Frank Lestringant
Geoindex: Plum Creek
zu Kapitel XXIX des Romans (französisch/deutsch)

Zu Beginn des dritten Teils von Les Enfants du Capitaine Grant (1867), der den Leser in das von menschenfressenden Maori bevölkerte Neuseeland führt, erörtert der Geograph Paganel die Ursachen des Kannibalismus. Dieses Kapitel „in welchem der Kannibalismus theoretisch behandelt wird“ (Verne 1867, Kap. 6), stellt folgende Hypothese auf: „Die Wilden haben damit begonnen, Menschenfleisch zu essen, um ihren nahezu grenzenlosen Appetit zu stillen; danach haben die Priester diese monströsen Angewohnheiten reglementiert und geheiligt. Auf diese Weise ist die Mahlzeit zur Zeremonie geworden“ (ebd., 478). Ursprünglich ging man also den natürlichen Bedürfnissen nach: „Vierbeiner, ja selbst Vögel sind selten in diesem unwirtlichen Land“, dann folgte die Überdeterminierung durch eine abscheuliche Religion. Brecht lässt dies später die Figuren der Dreigroschenoper singen: „Zuerst kommt das Fressen, und dann kommt die Moral“.

Diesen theoretischen Vorbemerkungen, welche die Kultur der Maori bereits auf die Bedürfnisse ihres Magens reduzieren, folgt bald die praktische Umsetzung. Als Gefangene eines gegen die englische Herrschaft rebellierenden Stammes werden die Reisenden aus nächster Nähe Zeugen der blutrünstigen Beisetzung eines Maori-Häuptlings. Nach der Vorlesung nun also der Anschauungsunterricht. Die folgende Schilderung, welche die geschlachteten und von der brüllenden Meute Eingeborener förmlich in Stücke zerrissenen Sklaven zeigt, hat nichts mehr gemein mit der im 16. Jahrhundert für ethnographische Beschreibungen typischen Sachlichkeit. Während André Thevet oder Jean de Léry sich auf eine sorgfältige Beobachtung beschränkten, greift Jules Verne zum epischen Stil (ebd., 3. Teil, Kap. 12, 535): Bis hin zur Praeteritio („schneller, als eine flinke Feder es festhalten könnte“) imitiert Jules Verne die in der Klassik beliebten Verfahren der Enargie. Die Übertreibungen („diese widerliche Horde tummelte sich unter einem roten Regen“), die erwartbaren Metaphern („in ihre Beute festgebissene Tiger“, „Gladiatoren“, „wilde Bestien“) und die Häufung paroxystischer Attribute, die den jugendlichen Leser erschaudern lassen sollen, all diese erprobten literarischen Verfahren übersetzen die offensichtliche Phantasmatik einer solchen Szene. Der libidinöse Inhalt ist hier zu deutlich, als dass man die Beschreibung dieser bestialischen Orgie auch nur ansatzweise für wahr halten könnte, obwohl die wissenschaftliche Einleitung zuvor einen realistischen Anspruch angekündigt hatte. Dass der Okzidentale hier ein niederes Verlangen auf den zerstückelten und zerstückelnden Körper des Indigenen projiziert, verrät sich im letzten Moment in dem abschließenden Satz, der den Blick auf den angenommenen Beobachter selbst richtet: „Glenarvan und seine Gefährten versuchten keuchend, diese entsetzliche Szene vor den Augen der beiden armen Frauen zu verbergen“) (ebd., 535).

Wenig überrascht stellt man schließlich fest, dass diese wahnsinnige Szene aus der Sicht der Europäer ,gesehen‘ wird – und zwar so, wie man auf einem Bild von Füssli ein Traum- oder Alptraumwesen sieht: ein obszönes Spektakel, das Frauen auf keinen Fall sehen sollten. Nur der europäische Mann, also der männliche Erwachsene im Vollbesitz seiner Sinne und Urteilskraft, kann und muss hinsehen, auch um den Preis eines vorübergehenden, aber sehr heilsamen Keuchens. Am Ende wird er sich davon überzeugt haben, über das exklusive Privileg der Menschlichkeit zu verfügen.

Dieselbe herablassende Einstellung wurde bereits in Fünf Wochen im Ballon deutlich, der ersten der „Voyages extraordinaires“, die Jules Verne 1863 veröffentlichte. Deren riesiger Schauplatz ist das südliche und äquatoriale Afrika, von Sansibar bis Senegal. Der Flug über einen noch unerschlossenen und zum Teil verbotenen Kontinent öffnet nicht nur der Neugier der Reisenden – drei furchtlosen Engländern – einen grenzen- und schattenlosen Raum, der wie eine ausgebreitete Karte gelesen werden kann. Er macht es möglich, die schwindelerregende Distanz und Hierarchie zu ermessen, die die fliegenden, mit Vernunft und Wissenschaft begabten und mit allerlei Beobachtungsinstrumenten ausgestatteten Menschen, von jenen stumpfsinnigen und abergläubischen Erdbewohnern unterscheidet, die auf ihren Füßen umherkriechen, erstere für Götter halten, welche sie entweder anbeten oder zu zerfleischen suchen, um sich ihre magischen Kräfte einzuverleiben.

Eine besonders aufschlussreiche Szene (vgl. Verne 1966, Kap. 19, 160) trägt sich über dem Land der sogenannten Nyam-Nyam zu, zerstreuter und brutaler Stämme, deren zweifelhafter Name in Vernes falscher Etymologie an Kaugeräusche erinnert (zu vorangegangenen Beschreibungen des Stammes, u.a. bei Francis de Castelnau (1851) vgl. Miller (1985), 3-4). Der Ballon überfliegt zwei verfeindete Stämme, denen es nicht reicht, sich verbissen zu bekämpfen und im Blut und den Eingeweiden der Verletzten zu pantschen. Sie mischen die Hiebe mit Bissen, zerteilen pulsierende Gliedmaßen, um sich sogleich an ihnen satt zu essen. Ikarus’ Nachfahren schwanken zwischen Ekel und Aufregung, so dass einer unter ihnen, der Jäger Dick Kennedy, sich nicht beherrschen kann und einem der Stammesführer eine Kugel in den Kopf schießt, einem schwarzen Herkules, der mit Lanzen- und Axthieben eine blutige Schneise in die Reihen des Feindes schlägt und seine Opfer bei lebendigem Leib zerteilt und verschlingt (vgl. Verne 1863, 169).

Die gewaltige Verachtung, welche der risikolose Mord an diesem mächtigsten Schwarzen darstellt, kann jedoch nicht über eine dumpfe Angst hinwegtäuschen, die gerne verdrängte Ahnung einer heimlichen Ähnlichkeit zwischen diesem unsäglichen Gemetzel und dem Krieg im Gewand der modernen Nationen: „Wenn die ranghöchsten Hauptmänner das Theater ihrer Heldentaten ebenso kontrollieren könnten, würden sie vielleicht bald an Blut und Eroberung die Lust verlieren“, ruft der gute Doktor Fergusson. Obwohl er die mörderische Tat seines Gefährten verurteilt, verrät der Doktor vielleicht einen verborgenen Wunsch: haben die Reisenden durch ihre offensichtliche Überlegenheit, die die aerostatische Technik und die Schusswaffen ihnen verleihen, auch das Recht, die Rache Gottes über die Menschenfresser zu verüben? Steht ihnen die Rolle des ,rettenden Engels‘ zu? Dieser kurzzeitige Zweifel wird nur aus dem Mund eines Mannes verständlich, der vom höheren Sinn seiner Mission durchdrungen ist (vgl. ebd.: „Nein, nein, widersprach der Doktor lebhaft. Das geht uns nichts an! Weißt Du, wem es zusteht, Schicksal zu spielen? Lass uns vor diesem schrecklichen Schauspiel so schnell wie möglich fliehen!“).

Der blanke Horror erniedrigt die ungeschliffenen Wesen auf den Rang fleischfressender Tiere, da sie ihre Menschlichkeit kaum beweisen können und vom erlösenden Flügel der Zivilisation noch nicht berührt wurden. Dieser blinde Kannibalismus hat seine Berechtigung in der Tat nur darin, dass die friedenstiftende Mission des Westens als sein Heilmittel und Gegenspieler auftritt. Als ob das imaginäre Spektakel der menschenfressenden Bestien ein Negativ der ganz realen Zerstückelung Afrikas zeichnen würde, mit der die wichtigsten Nationen Europas zu diesem Zeitpunkt begonnen hatten.

In In achtzig Tagen um die Welt ist der Kannibalismus diskreter. Er wird kaum explizit, klingt jedoch im Text mehrfach an. Aufschlussreich ist die Reflexion über die Papuavölker der Andaman Inseln: „Aber die wilden Papua zeigten sich nicht. Diese Geschöpfe stehen zwar auf der untersten Stufe der menschlichen Entwicklung, doch man tut ihnen Unrecht, wenn man sie für Kannibalen hält.“ (ATW, Kap. 16, 118-119). Darin besteht die hohe Kunst der Itineratio, etwas anzudeuten und es zugleich zu negieren. Folglich ist das Auge des reisenden Lesers vom Zwang des Sehens, von der traurigen Pflicht, ein unangenehmes Objekt betrachten zu müssen, befreit. Das Auge streift so gerade eben, was es lieber nur vermutet.

Selbst von Weitem ist es ratsam nicht zu verweilen: „Doch das vielfältige, bunte Schauspiel glitt im Nu vorüber, und die Rangoon dampfte rasch auf die Straße von Malakka zu, den Durchgang zum Südchinesischen Meer.“ (ATW, Kap. 16, 119) . Die Itineration verharrt nicht und folgt ihrem Weg aus Angst, den Leser zu langweilen und zu zermürben.

Dennoch gibt es Episoden, in denen sich die Realität querstellt, wo der Körper des Anderen Widerstand leistet und den verführerischen Wettlauf gegen die Zeit aufhält. Eine solche bildet das Ereignis, das die lange Eisenbahnsequenz der Kapitel 26 bis 30 krönt: Der Angriff der Sioux in Kapitel 29 „In welchem von diversen Vorfällen erzählt wird, die nur in der amerikanischen Eisenbahn passieren können“ (ATW, Kap. 29, 233).

„Dort, wo die Karte Einschnitte macht, stellt die Erzählung Verbindungen her“, schreibt Michel de Certeau in Kunst des Handelns (Certeau 1988, 236). Die Eisenbahn durchquert und zerschneidet ebenfalls: zwischen Omaha und dem Pazifik passiert die Pacific Railroad Union „eine Gegend, in der es noch Indianer und Raubtiere gibt“ (ATW, Kap. 25, 205f.). Unter beiden richtet sie ein Gemetzel an, indem sie wie ein geschliffenes Messer durch sie hindurchfährt. Die Gewalt dieses Kannibalen-Zuges ist in Jules Vernes Roman freilich nicht als solche bezeichnet.

Ganz im Gegenteil, der Kannibale ist, wie immer, der Andere. Was die Wildheit und Grausamkeit betrifft, stehen die Sioux den afrikanischen Nyam-Nyam und den neuseeländischen Maori in nichts nach. Das Auftreten der Prärieindianer führt zu ihrer Infantilisierung oder Animalisierung: Die Sioux klettern auf die Waggons „wie Zirkusclowns auf galoppierende Pferde“ (ATW, Kap. 29, 239). Sie „tobten wie wütende Affen über die Dächer“ (ATW, Kap. 29, 240).

Aber die Zivilisation rächt sich gewöhnlich grausam und gnadenlos. Sie zermalmt alles, was sich ihrem unerbittlichen Vorstoß in den Weg stellt, so wie der Zug ganz wörtlich die Indianer wie Ungeziefer überfährt: „Etwa zwanzig Sioux waren bereits tödlich getroffen aufs Gleis gestürzt. Wer das Gleichgewicht verlor und von den Verbindungsstegen auf die Schienen fiel, wurde wie ein Wurm von den Rädern zermalmt.“ (ATW, Kap. 29, 240). Die Eisenbahn ist gnadenlos, der Zug bahnt sich seinen Weg durch einen Wald von Leichen. Im Nachhinein bietet sich eine erschreckende Bilanz der Schlacht: „Die Wagenräder waren blutverschmiert. An Naben und Speichen hingen Fleischfetzen. So weit das Auge blickte, zogen sich lange rote Spuren über die weiße Prärie“ (ATW, Kap. 30, 244). Die Zivilisation bedruckt mit der Schrift des Blutes die weiße Seite der verschneiten Ebene, von der die übrig gebliebenen Indianer für immer verschwinden.

Diese Eisenbahnseite kann als Fabel für die Eroberung Amerikas gelesen werden. Sie wehrt den Eindringling ab und zerteilt ihn in Stücke. Eisen gegen nackte und blutige Haut: Dieser Gegensatz lässt sich bis zur Eroberung durch die Spanier im 16. Jahrhundert zurückverfolgen und wurde in der Sammlung der Grand voyages von Théodore de Bry (vgl. Duchet 1987) detailliert dargestellt. Damals kontrastierten Maler und Geschichtsschreiber die Rüstungen der Eroberer mit der nackten Haut der Indianer. Nun ersetzt die eiserne Maschine die Rüstung: „die Lokomotive  funkelte wie ein Reliquienschrein mit ihrer großen, fahlgelb schimmernden Laterne, der silbern glänzenden Glocke und dem spitzen Kuhfänger, der wie ein Sporn herausragte“ (ATW, Kap. 26, 210)

Zwei Momente der Eisenbahnsequenz sollen hier miteinander verglichen werden: Der Zusammenstoß mit den Bisons und jener mit den Sioux. In beiden Fällen steht die Maschine einer lebendigen Menge gegenüber, die sie zu überwältigen droht. Aber während sie die Bisons passieren lässt, sucht sie im zweiten Fall den Zusammenstoß. Der Erzähler erklärt, Bisons stellten „für Züge oft unüberwindliche Hindernisse dar“ (ATW, Kap. 26, 210). Die riesige Armee von Wiederkäuern, „eine Herde von zehn- bis zwölftausend Bisons“ (ATW, Kap. 26, 211), zwingt die Lokomotive dazu, für mehrere Stunden anzuhalten und das dichte Defilee von Hälsen und Hörnern abzuwarten. Der Lokführer ist versucht, es  auf einen Nahkampf ankommen zu lassen, merkt aber bald, dass es vergebens wäre: „Die Lokomotive bremste ab und versuchte von der Seite her den Schienenräumer durch die riesige Kolonne zu schieben. Doch schließlich musste die Lok vor der undurchdringlichen Masse kapitulieren und anhalten.“ (ATW, Kap. 26, 211). Vergleichbar mit einem Turnier oder mit einer Seeschlacht, wird die Lokomotive zur Angriffswaffe und spitzt ihren Stein- oder Kuhfänger zum Messer. Der Begriff ,Maschine‘ bezieht sich hier auf die Lokomotive, aber im Französischen des 19. Jahrhunderts wird er üblicherweise zur Bezeichnung der Guillotine verwendet. Die ,Maschine‘ ist hier eine Art Klinge auf Gleisen, eine horizontale Guillotine, die die Fasern des Fleisches mit chirurgischer Präzision durchtrennt.

Das Resultat ist freilich ein anderes, je nachdem, ob es sich um buffalos oder Indianer handelt. Im Fall der Bisonherde endet die Konfrontation mit dem Nachgeben der Maschine: „Den endlosen Zug von Bisons aufzuhalten – daran war gar nicht zu denken. Wenn sich Bisons einmal für eine Richtung entschieden haben, kann nichts auf der Welt sie bremsen oder umlenken. Der Damm ist noch nicht erfunden, der diesen Strom wandernder Fleischkolosse aufhalten könnte“ (ATW, Kap. 26, 211). Im anderen Fall haben wir gesehen, mit welch schrecklicher Kraft die Maschine die Gruppe von Sioux, die sich dem Zug entgegenstellte, zerstückelte und in Fetzen riss.

Es scheint, als sei die große Natur unbesiegbarer als die Menschen, vor allem aber eher zu respektieren. Die Wilden, die den Fortschritt der Zivilisation behindern und die wie Eindringlinge dargestellt werden – sie sind es, die den Zug überfallen –, gilt es zu beseitigen. Die Bisons hingegen, die „drei geschlagene Stunden“ (ATW, Kap. 26, 213) wie ein mächtiger Strom vorüberziehen, lässt man besser passieren, um kein Entgleisen des Zuges zu riskieren. Bleibt zu bemerken, dass die überlebenden Sioux, genau wie die Bisons, in ,Richtung Süden‘ verschwinden, diesem fernen Horizont, der das Ende der zivilisierten Welt markiert, in Richtung Grenze, in Richtung Mexiko (vgl. ATW, Kap. 26, 213, Kap. 30, 244).

Als Jean Cocteau in Begleitung seines Freundes Marcel Khill im Jahre 1936 seine eigene Weltreise antritt, überfliegt er die Vereinigten Staaten mit dem Flugzeug, und verletzt damit eine der Bedingungen, die ihm vor dem Start auferlegt worden waren. Er sieht oder erahnt vielmehr von oben „einen Galopp roter Ameisen: die Ponys der Sioux“ (Cocteau 1983, 221). Vernes ganzer Roman spielt sich vor seinem inneren Auge wie ein Film im Schnelldurchlauf ab: „Die Sioux, die die Lokomotive abkuppeln… die einstürzende Brücke… der Segelschlitten…“ Fazit: „Jules Verne wusste nichts über das Land der Indianer. Seine achtzig Tage werden zur Farce, sobald man diese gefolterte Wüste, die unbeweglichen Flüsse, die Bergketten aus der Vogelperspektive betrachtet.“ (Cocteau 1983, 221-222) – Eine Farce, die Cocteau wiederholt und unterstreicht, wenn er von oben und aus großer Entfernung vorurteilsbelastet, das Fantom der für immer verschwundenen Kannibalen beschreibt, die von einer Maschine der Zivilisation, welche Körper und Volksstämme zermalmt, dahingerafft wurden.

Aus dem Französischen von Wiebke Heyens