XXV: Kreisläufe

von Hermann Doetsch
Geoindex: Yokohama
zu Kapitel XXII des Romans (französisch/deutsch)

Jules Vernes Roman ist ein Roman aus der Zeit thermodynamischer Maschinen, von Maschinen, die Energie verarbeiten, etwas, das nicht dargestellt, aber seit Clausius und Maxwell berechnet werden kann (vgl. Stengers 167-251). Dies bleibt nicht ohne Folgen für den Modus der Erzählung. Immer wieder werden minutiös mechanische Prozesse beschrieben (ATW, Kap. 24, 190f.), doch das Interesse des Erzählers geht über die Faszination an deren Ablauf hinaus und richtet sich auf die Effizienz der Fortbewegung. Eine neue Form des Erzählens bricht sich hier Bahn, ein Erzählen, das eher ein Berechnen ist. In aller Radikalität realisiert findet sich diese Art zu erzählen in den von mathematischen Berechnungen geprägten De la terre à la lune (Verne 2009/1865) und Autour de la lune, in dem das Erzählen teilweise auf das Einsetzen in eine Formel reduziert ist (Verne 2003/1870, 51). Doch auch die Narration in In 80 Tagen um die Welt gehorcht mathematischen Prinzipien, sie lotet zunächst den Möglichkeitsrahmen von Ereignissen aus:

Mit seinen 12 Meilen pro Stunde würde das Schiff nicht mehr als 21 Tage für die Überquerung des Pazifiks benötigen. Phileas Fogg hatte folglich allen Grund zu der Hoffnung, dass er am 2. Dezember in San Francisco, am 11. in New York und am 20. in London eintreffen würde – also sogar mit ein paar Stunden Vorsprung auf das schicksalhafte Datum des 21. Dezember. (ATW, Kap. 24, 191)

Der Erzähler antizipiert hiermit das wahrscheinlichste Ergebnis, das bei kontinuierlicher Bewegung, also bei einem verlust- und unfallfreien Funktionieren der Maschine zustande kommt. Fogg wiederum ist ausdauernd damit beschäftigt, seine Reisegeschwindigkeit zu notieren, den zurückgelegten Weg zur verbrauchten Zeit in Beziehung zu setzen: „Insgesamt bisher benötigte Zeit: 158 ½ Stunden, also 6 ½ Tage“ (ATW, Kap. 7, 45).

Foggs Eintrag ist dabei von ökonomischen Interessen geleitet. Denn es ist von größter Wichtigkeit, stets vor Augen zu haben, wie effektiv das von ihm investierte Kapital arbeitet, ob es ihn schnell genug zu seinem Ziel bringt. Er ist dabei in bester Gesellschaft. In der Nachfolge von Lazare Carnot bemühen sich einige in Ingenieurwissenschaften ausgebildete Ökonomen, die Effektivität von Produktionsprozessen berechnen zu können. An der Grenzlinie von Physik und Ökonomie entsteht das Konzept „Arbeit“, das, gleich einer „mechanischen Währung“ (Vatin 1993, 60), die aufgewendete ins Verhältnis zur resultierenden Kraft setzt und damit die Effizienz des Transformationsprozesses berechenbar macht (vgl. Vatin 1993, Rabinbach 1990).

Um zu wissen, ob er die Investition steigern muss, gilt es für Fogg den Zustand geringster Entropie zu kennen. Diese Normalverteilung ist selbstverständlich durch die Daten des Bradshaw vorgegeben, der so den Rahmen für jegliche Erzählung vorgibt, aber keineswegs alle möglichen Erzählungen enthält. Eine der thermodynamischen Moderne angemessene Form des Erzählens nimmt vielmehr die Spannung zwischen dem 1. und dem 2. Prinzip der Thermodynamik, zwischen Erhaltung und Dissipation von Energie, in den Blick und setzt genau dann an, wenn die Entropie gesteigert wird.

Der Idealfall einer Route gibt sozusagen auch die Nullstufe des Erzählens vor, den Kreislauf. So ist auch die Makrostruktur der Erzählung als Kreislauf – einmal rund um die nördliche Erdhalbkugel – angelegt (vgl. Martin 1985, 142-144). Doch bei genauerer Betrachtung lässt sich feststellen, dass es sich eher um ein multistrukturelles System verschiedener Kreisläufe handelt, die ein prekäres Gleichgewicht bilden. Der 80-tägige große Kreislauf um die Erde findet seine Entsprechung in dem Kreislauf, den Foggs Alltagsroutine um jeden Tag zieht. Nicht zufällig erscheint Fogg weniger als Mensch denn als Uhrwerk (vgl. ATW, Kap. 1, 8).

Es ist so wohl nicht vermessen zu behaupten, dass der Roman die Welt und deren Funktionseinheiten, darunter die Menschen, als funktionierenden Kreislauf abbildet. Welt, Mensch, Roman gehorchen einem gemeinsamen maschinellen Apriori. Diese Maschine konkretisiert sich auf zwei Ebenen, einem Kreislauf der Körper und einem Kreislauf der Zeichen. Um Körper um die Welt zu transportieren, kommen die verschiedensten Maschinen zum Einsatz. Neben den das Buch weitgehend beherrschenden thermodynamischen Maschinen, der Eisenbahn und dem Dampfschiff, kommen immer wieder klassische Maschinen wie der Schlitten oder sogar animalische Maschinen wie der Elefant zum Einsatz. Einige davon, wie die General Grant, stellen hybride Konstruktionen dar. Wie die meisten Dampfschiffe noch zu Vernes Zeiten ist diese noch für einen traditionellen Fortbewegungsmodus mit Takelagen und Segeln ausgerüstet.

Auf diese Weise markiert der Roman zunächst seine historische Position, die am Umbruch zwischen klassischer, mechanischer Maschine der Kraftumleitung und moderner, thermodynamischer Maschine der Energieumwandlung angesiedelt ist; und mehr noch inszeniert er die Paradoxie der thermodynamischen Welt und die Ängste, die sich mit dieser neuen dynamischen Welt verbinden.

Klassische lassen sich von thermodynamischen Maschinen im Wesentlichen durch zwei Charakteristika unterscheiden (zum Folgenden Serres 1977, 42-63). Während jene lediglich die Vektoren der Kräfte umleiten, wandeln diese Energie (von einer Form in die andere) um. Während klassische Maschinen eine stabile Ordnung einer konstant bleibenden Substanz repräsentieren, sind die Ordnungen thermodynamischer Systeme stets metastabil (vgl. Serres 1975, 114 u. Simondon 1995/1964), prekäre Gleichgewichte, die durch die geringste Änderung gestört werden können. Thermodynamische Maschinen tragen also zum anderen einen Zeitpfeil in sich (vgl. Prigogine/Stengers 1986/1979, 179-193), während klassische Maschinen idealerweise der Zeit enthoben sind und immer wieder dieselben Bewegungen vollziehen.

Während die thermodynamischen Maschinen in In 80 Tagen um die Welt ständig von Unfällen bedroht sind, erfüllen die klassischen und animalischen Maschinen negentropische Funktion, indem sie die unterbrochenen thermodynamischen Systeme ersetzen und so den Lauf um die Erde aufrecht erhalten. In diesem Sinne sind Vernes Kreisläufe immer schon Geraden (vgl. Macherey 2006/1966, 195-199). Ein zweiter Blick allerdings macht deutlich, dass beide bzw. alle Fortbewegungsarten zusammen eine Carnot’sche Maschine ergeben. Der Erzähler geht nämlich keineswegs davon aus, dass die Takelage der General Grant eine Rückversicherung für den Ausfall der thermodynamischen Maschine darstellt. Gerade durch die Kombination beider Geschwindigkeiten erzielt die Maschine die nötige Beschleunigung (vgl. ATW, Kap. 24, 190f.) und gehorcht so der thermodynamischen Logik des Exzesses. Auch der Schlitten bringt eine Steigerung der Fortbewegungsleistung mit sich. Man kann also die heiße Maschine Eisenbahn und die kalte Maschine Schlitten, Dampf und Eis geradezu als die dem Prinzip von Carnots Maschine grundlegende Differenz sehen (vgl. Serres 1977, 43-62), durch die Bewegung erst erzeugt wird. Die Welt als ganze wird so zu einer einzigen thermodynamischen Maschine, die Fogg & Co. stetig beschleunigt.

Auch der Roman selbst funktioniert nach dem Prinzip einer thermodynamischen Maschine, in der aber die Beschleunigung immer bezogen bleibt auf die möglichen Verluste. Nicht nur die Maschinen haben manchmal Schwierigkeiten, die Energie in Fortbewegungskraft umzuwandeln, Verlust an Energie droht insbesondere am Übergang zwischen den verschiedenen Phasen des Systems. Die Protagonisten sind so ständig damit beschäftigt, den Transport lückenlos, ohne Verlust an Energie zu vollziehen. „Chicago liegt 900 Meilen von New York entfernt. An Zügen herrschte in Chicago wirklich kein Mangel. Im Nu waren Mr. Fogg und seine Reisegefährten umgestiegen.“ (ATW, Kap. 31, 262)

Bei diesem Bestreben, die Welt „restlos“ (Krajewski 2006) aufzuteilen, steht offensichtlich mehr auf dem Spiel als nur der Verlust einer Wette. Es geht um die phantasmatische Angst der Jahrhundertwende vor dem Verlust an Energie, der letztendlich den Verlust des Lebens bedeutet. Hinter Foggs Wette, dem Traum von der restlosen Erschließung der Welt, eröffnet sich die Perspektive auf den Wärmetod des Universums. Die Umwandlungsprozesse zwischen Hitze und Bewegung bergen die Gefahr, sich selbst zu eliminieren und wie „Stahlstadt“ in Les Cinq Cents Millions de la Bégum  in einer gewaltigen Apokalypse unterzugehen (Verne 2010/1879).

Die Kreisläufe der ersten Ebene sind also immer davon bedroht, Energie zu verlieren und sich damit einem Zustand größerer Entropie anzunähern. Zum Glück existiert ein zweiter Kreislauf, in dem die Energie beständig zirkuliert. Es ist dies ein Kreislauf aus Zeichen. Manifester Ausdruck dieses unerschöpflichen Kreislaufes, der die Welt ohne Verlust zu umfassen vermag, ist der Bradshaw. Keine moderne Maschine ohne Programm, das die maschinellen Prozesse regelt. Der thermodynamische Kreislauf funktioniert nur, wenn er richtig organisiert ist.

Bedingungslos funktioniert das telegraphische Netz, neben der Eisenbahn der Hauptprotagonist der Globalisierung, das die Welt augenblicklich, praktisch ohne Verlust an Energie, zu einer einzigen zusammenfügt (vgl. Mattelart 1997, 183-251, Flichy 1997). In der Reihenfolge der Erzählung ist das Telegramm, das Fix aus Suez absendet, sogar schon lange, bevor er es absendet, angekommen (vgl. ATW, Kap. 5, 33, Kap. 8, 51). Die realen Koordinaten von Netzwerken interessieren Verne wenig, ihm geht es um Kreisläufe, um das Fließen von Zeichen. Das telegraphische Netz hat Teil an Vernes Utopie der Elektrizität, dem Traum von einem unbegrenzten Reservoir an Energie (vgl. Serres 1974b, 276), von einer Energie sozusagen in reiner Form, die nicht verloren werden kann, einen Traum, den Verne in den späteren Romanen, wie Robur-le-Conquérant (Verne 2010/1886) oder Le château des Carpathes (Verne 1997/1892), zu einer Phantasie von der Macht über Zeit und Raum ausarbeiten wird.

Beide Kreisläufe an Zeichen unterstreichen dabei, dass die Vorstellung von Zeichen im Übergang von der klassischen zur thermodynamischen Maschine einem fundamentalen Wandel unterworfen ist (vgl. Serres 1977, 42-63). Während in klassischen Maschinen Körper und Repräsentationen streng voneinander getrennt sind, stellen sie in thermodynamischen nur zwei verschiedene Ausdrucksformen der energetischen Transformationsprozesse dar (vgl. Serres 1974a, 43-72). Die repräsentative Funktion der Zeichen wird sekundär zu ihrer operationellen. Sie stellen nicht Prozesse dar, sondern steuern diese, sind als Programme Teil des maschinellen Funktionsprozesses. Thermodynamische Maschinen sind damit immer schon auch kybernetische Maschinen. Zwei Besonderheiten der Watt‘schen Dampfmaschine demonstrieren dies nachdrücklich.

Mithilfe einer komplexen Vorrichtung, dessen Kernstück der sogenannte Exenter bildete, regulierte die Maschine ihre Ventilvorrichtungen selbst. Man könnte in diesem Sinne von der Implementierung eines binären Codes zur Steuerung der Maschine sprechen. Die maschinellen Prozesse steuern sich nicht nur selbst, sondern sie zeichnen sich mithilfe eines Federindikators und einer daran befestigten Schreibvorrichtung auch selbst auf (vgl. Matschoss 1901, 81). Die Arbeitsleistung der Maschine wird dabei zu einem anschaulichen Diagramm (vgl. Clapeyron 1834, zit. n. Harman 1982, 50). Es ist offensichtlich der visuellen Evidenz dieser Diagramme geschuldet, dass, wenn nicht schon Carnot, sicherlich aber Clapeyron – und nach ihm Clausius und Maxwell – den energetischen Prozess der Dampfmaschine als geschlossenen Kreislauf beschreiben. Die Idee von der Erhaltung der Energie verdankt sich im Wesentlichen der Selbstaufzeichnungstechnik der Maschine.

Körper und Zeichen selbst sind nur Ausdrucksformen der Energie. Die Energie aber entzieht sich der Darstellung, sie muss als Gewinn- und Verlustbilanz berechnet werden. Der Kreislauf, der den verlustträchtigen Materie- und den vollkommenen Zeichenkreislauf miteinander in Beziehung zu setzen vermag und so die Ausdrucksform für den maschinellen Kreislauf darstellt, ist deshalb folgerichtig der ökonomische.

Was die thermodynamische Maschine am Laufen hält, ist das Geld, welches die verlorenen Energiequanten beständig restituiert. Immer wieder, wenn die Reise unterbrochen ist, muss Phileas Fogg die verlorene Energie in Form von Geld reinvestieren. Es mag dann auch nicht verwundern, wenn insbesondere dieser Kreislauf exemplarisch geschlossen wird. Ökonomisch gesehen ist die Reise um die Welt ein Nullsummenspiel; der an Geld erwirtschaftete Überschuss wird von Fogg an Passepartout und Fix verschenkt (vgl. ATW, Kap. 37, 298). Als alle Kreisläufe geschlossen sind, endet auch der Roman, damit selbst ein Produkt der kybernetischen Vernunft.

Geld bekommt so den Status eines Zeichens, das in der Lage ist, jegliche in Prozessen der Reibung verlustig gegangene Energie ersetzen zu können (vgl. Serres 1974b, 118), einer Form von Energie, die nicht aus der Transmission verbrauchter Energie, sondern aus dem Versprechen zukünftiger Energie generiert wird und somit ein neues Verständnis vom Fiktiven instituiert (vgl. Vogl 2010, 53-82).

Diesen entscheidenden Überschuss, eines Gewinns an Energie, die einfach emergiert, trägt der Roman auf seiner Geschichtsebene ein weiteres Mal ein: Mrs Aouda.

Der ökonomische Kreislauf bietet somit gegenüber dem thermodynamischen einerseits ein Korrektiv: Während die thermodynamischen Kreisläufe beständig durch Energieverluste, die exzessive Verschwendung von Energie bedroht sind, implementiert er die Logik des Exzesses; doch dies lediglich, indem er seinen Kreislauf andererseits nur dadurch aufrechterhalten kann, dass er von vornherein den Kreislauf als geschlossen projektiert. Das Geld ist nur dann nicht verloren, wenn die Wette gewonnen wird: es ist also immer schon im Gleichgewicht und immer schon verloren.

Diese Ambivalenz kennzeichnet auch einen weiteren Kreislauf, den der Lektüre. Eine homologe paradoxe Stellung hat nämlich die Erzählinstanz des Romans inne, die einerseits eine negentropische Funktion (vgl. Foucault 1994/1966, 512) erfüllt, indem sie jenseits der von Kontingenzen und Energieverlusten heimgesuchten Welt eine feste Ordnung des Wissens – wie in der Bibliothek Nemos (vgl. Verne 2006/1869, 126-136; vgl. Martin 1985, 160) – garantiert, andererseits aber gerät diese Ordnung allein durch die Praxis der potentiell unendlichen Aufzählung in die Gefahr, sich selbst zu zerstören (vgl. Unwin 2005, Harris 2000). Schreiben wird zu einem energetischen Verfahren, zu einem „Äquivalent der Wärme“ (Serres 1975, 324), das nicht mehr Wirklichkeit darstellt, sondern energetische Kreisläufe entwirft.

Der Roman des 19. Jahrhunderts partizipiert damit exemplarisch an einem in der kapitalistischen Produktion des Mehrwerts und thermodynamischen Maschinen begründeten Kreislauf des Wissens, der vom universitären über den populärwissenschaftlichen zum jugendpädagogischen Diskurs (vgl. Compère 1991) und von dort wieder zurück führt und damit seine Reproduktion ermöglicht, den er andererseits immer wieder durch Exzesse der Verausgabung unterbricht (vgl. Parisi/Terranova 2000). Diese Spannung zwischen Zirkulation und deren Unterbrechung nennt die Moderne Fiktion.