XXIX: Die verzeitlichte Welterfassung und Löcher im Netz: Phileas Fogg und die Latinité

von Sebastian Dorsch
Geoindex: – [Pazifik]

„Aber schließlich ist die Erde groß genug.“ – „Das war sie früher einmal…“ warf Phileas Fogg halblaut ein. (ATW, Kap. 3, 21)

Die folgenreiche These des Phileas Fogg vom Schrumpfen der Erde beruhte bekanntermaßen auf einem Beitrag im Morning Chronicle. Danach ist die Erde mit Eisenbahnen und Dampfschiffen nach dem Schließen einer letzten Lücke in Indien im thermodynamisch aufgespannten Weltnetz in 80 Tagen zu umrunden. Die moderne Technik ermöglichte die genaue Umrechnung bestimmter Strecken in bestimmte Zeiten. Zeit und Raum wurden somit zu abhängigen Variablen, die immer verlässlicher in das je Andere übersetzt werden konnten.

Zentral für diese Mathematisierung des Verhältnisses der „grundlegende[n] Koordinatensysteme menschlicher Welt-Anschauung“ (Kaschuba 2004, 9) und damit für die verzeitlichte Erfassung der Erde – Jules Verne zeigt das in seinem Roman eindrücklich – ist die Verlässlichkeit der Technik wie der beteiligten Akteure. Diese vorausgesetzt lässt sich alles planen, Zukünftiges wird genau berechenbar, so auch die unvorstellbare Reise um die Erde.

Für Phileas Fogg, seiner eigenen Aussage nach „ein [echter] Engländer“ (un bon anglais, ATW, Kap. 3, 25) mit außerordentlichem Weltwissen – „niemand kannte sich auf der Weltkarte besser aus“ (ATW, Kap. 1, 6) –, sind die technischen Voraussetzungen gegeben, um „mit mathematischer Genauigkeit vom Zug ins Schiff und vom Schiff in den nächsten Zug springen“ (ATW, Kap. 3, 25) – und damit die Rechnung des Morning Chronicle realisieren zu können. Fogg wird von Verne mit dem gewohnt ironischen Augenzwinkern als Prototyp der angelsächsisch-germanischen Weltaneignung und -beherrschung gezeichnet, wie sie sich nicht zuletzt in den französischen Latinité-Debatten der Zeit findet. Michel Chevalier hatte in seinen Lettres sur l’Amérique du Nord (1837) nach seiner USA-Reise ähnlich begeistert wie fast zeitgleich Alexis de Tocqueville die aufstrebenden Angelsachsen den zurückfallenden Lateinern beidseits des Atlantiks gegenübergestellt. Auch in der Folge, insbesondere im Paris Napoleons III., lassen sich die Debatten als eine raum-zeitliche Reaktion auf verschiedene Formen des Vordringens und der (vermeintlichen) Fortschrittlichkeit der angelsächsisch-germanischen ‚Völkerfamilie‘ wie auch als Kritik an der ‚kalten‘, materialistischen (angelsächsischen) Moderne mit einer ausgeprägten Zukunftsorientierung interpretieren. Zwei Jahre vor dem Erscheinen von In 80 Tagen um die Welt 1873 (vgl. zur Entstehungsgeschichte Zimmermann 2006, 168ff.) erlebte die Latinité-Idee – jetzt deutlich mit Dekadenz verbunden – nach der französischen Niederlage gegen Preußen einen großen Aufschwung (vgl. Panick 1978, v.a. 84ff.; Schmidt 2004; Ibold 1998; Mignolo 2004).

Dem bon Anglais Fogg und seiner Raum- und Zeitpraxis wird, wie unten ausgeführt, im Werke Vernes ein lateinisches Modell entgegengesetzt. Dieses äußert sich in den 80 Tagen insbesondere in der Figur seines französischen Dieners. „Es gib keine unvorhersehbaren Ereignisse“ (ATW, Kap. 3, 23), für Phileas Fogg war die Zukunft wie die Erde genauso nach festen Regeln berechenbar geworden wie der tägliche Weg von seinem Haus zum Reform-Club mit genau 575 bzw. 576 Bewegungen seines rechten bzw. linken Fußes (ATW, Kap. 3, 17). Ausgangspunkt dieser regelhaften Weltaneignung waren sein eigenes äußerst geregeltes Leben: „Er wusste, dass es im Leben immer wieder zu Reibungen kommt, und da jegliche Reibung hemmend wirkt, rieb er sich eben an niemand.“ (ATW, Kap. 2, 13f.). Vielmehr gestaltete er sein Leben „mit […] mathematischer Gleichförmigkeit“ (ATW, Kap. 1, 6). Er wird eingangs beschrieben als einer von den „mathematisch exakten Menschen, die – niemals in Hast, doch stets bereit – mit ihren Schritten und Bewegungen sehr ökonomisch umgehen.“ (ATW, Kap. 2, 13). Sein Kleiderschrank ist ein Spiegelbild seiner Zukunftsplanung: Jedem Stück ist ein Datum zugeordnet, an welchem es „der Jahreszeit entsprechend, getragen werden sollte.“ (ATW, Kap. 2, 16). Die Zukunft wird zu einer genau durchplanten Verlängerung der Gegenwart – „[e]s gibt keine unvorhersehbaren Ereignisse“ (ATW, Kap. 3, 23). Gleichzeitig verlagert sich so der Fokus auf Planung und somit auf die Zukunft, die Gegenwart wird durchschritten, eine Vergangenheit hat Phileas Fogg nicht. Die wiederholten Vergleiche Foggs mit genau funktionierenden Uhrwerken (vgl. Kap. 2 und 3) sind paradigmatisch für ihn und seine Weltaneignung.

Diese Beschreibungen finden sich immer wieder auch in seinem Handeln wieder: „[K]ein Zwischenfall oder Unglück konnte ihn aus der Fassung brigen“ (ATW, Kap. 9, 53), selbst bei sehr knapper Zeit erledigte er seine Aufgaben „mit jener Ruhe, die ihm niemals, unter keinen Umständen, abhandenkam.“ (ATW, Kap. 32, 267). „[…] kein Rollen, kein Stampfen vermochte dieses wunderbar austarierte Räderwerk aus der Balance zu bringen. Und dann spielte er Whist.“ (ATW, Kap. 9, 54) Dieses Spiel, „das so vorzüglich zu seinem Wesen passte“, war für ihn „ein Kampf gegen widrige Umstände, der ihm weder Bewegung noch große Ortsveränderungen abverlangte und der ihn niemals ermüdete“ (ATW, Kap. 1, 8). Ein Spiel, das er auf seine Weltaneignung übertrug. Fogg „reiste auch nicht, er beschrieb einen Kreis“ wie ein „schwerer Körper, der […] den rationalen Gesetzen der Mechanik folgte.“ (ATW, Kap. 11, 67f.)

Um diesen „Kreis“ bewältigen zu können, verließ sich Fogg auf angelsächsische Technik: einerseits auf Eisenbahnen, die bis auf die Strecke auf dem europäischen Festland in angelsächsischer Hand waren (von London zum Kanal, in Indien, in den USA, in Irland und dann nach London zurück) und andererseits auf englische Ozeandampfer, die im Bradshaw’s verzeichnet waren (Mongolia, Rangoon, Carnatic und China). Selbst bei den drei ungeplanten Schiffsreisen (Hongkong-Shanghai mit der Tankadère, New York-Queenstown mit der Henrietta bzw. wohl auch Dublin-Liverpool) vertraute er britischen Kapitänen (John Bunsby, Andrew Speedy aus Cardiff) und/oder Schiffen.

Verweise auf den Raum der Latinité fehlen in 80 Tagen um die Welt zwar weitgehend, trotzdem lassen sich einige Rückschlüsse auf die von Verne inszenierte lateinische RaumZeitlichkeit ziehen. Die Zugfahrt durch Frankreich und Italien wird nicht kommentiert. Lediglich bei der Beschreibung des geschäftigen Hongkongs – „als hätte sich eines der Handelsstädtchen aus den Grafschaften Surrey oder Kent durch die Erdkugel gebohrt“ – wird ein freilich aussagekräftiger Vergleich versucht: „Hongkong übertrumpfte Macao als Handelsstadt“ (ATW, Kap. 19, 139). In San Francisco, ein Viertel Jahrhundert vorher noch mexikanisch, „kam es ihm [Passepartout, S.D.] vor, als hätte er England nie verlassen“ Denn man sah „[k]eine Sombreros […], keine federgeschmückten Indianer“ (ATW, Kap. 25, 198). Bordeaux, das eigentliche Ziel des Kapitäns der Henrietta, musste ausgelassen werden, da es einen Umweg bedeutet hätte. Der Weg über Panama mit einer kurzen Zugstrecke kam wegen der Dauer erst gar nicht in Betracht (vgl. Otis 1867, 161-163), obwohl nach dem Erfolg des Suezkanals (1869 eröffnet) ein Kanal durch Mittelamerika, nicht zuletzt in Frankreich, wieder in den Fokus gerückt war. Aber: Das „metallene[…] Band“ (ATW, Kap. 26, 205) durch die USA war – im Gegensatz zum früheren Durchreiten – mittlerweile schneller. Im sich bildenden Weltnetz erscheint das lateinische Europa fast und Lateinamerika gar nicht. Sie liegen abseits, sind auf dem Rückzug und/oder bedeuten Verzögerung.

Bezeichnenderweise trägt das einzige Schiff, das nur mit Windkraft fährt, die Tankadère, einen französischen Namen. Bei ihr wird die Abhängigkeit von der Witterung der (chinesischen) Meere besonders betont (vgl. Kap. 21). Beim Blick in andere Werke von Jules Verne wird deutlich, dass Latinité auch dort Umwege, Verzögerung und ein nicht ‚ausreichendes‘ Ankommen im thermodynamischen Zeitalter bedeutete: In der frühen Kurzgeschichte Ein Drama in Mexiko (Un drame au Méxique), die Anfang der 1820er Jahre spielt, wird die fast unüberwindbare Natur Mexikos ins Zentrum gerückt. Der Leuchtturm am Ende der Welt (Le Phare du bout du monde, 1905) beschreibt den letzten Winkel Argentiniens als ‚Ende der Welt‘, als weltfern und den Naturgewalten ausgeliefert. In Die Kinder des Kapitän Grant (Les enfants du capitaine Grant, 1867/68) war der erste Anlaufpunkt bei der Suche nach Grant Patagonien. Vor allem. die argentinische Pampa wird dort als Ödland beschrieben, geprägt von extremer Natur und Witterungen – und dem Fehlen von Technik: Die Suchenden durchleiden Gebirge, wilde Tiere, Hitze und Hochwasser, auf dem Pferd reitend. Eine technisch-thermodynamische Weltbeherrschung ist hier nicht in Sicht. Frankreich und v.a. Paris, exemplarisch in Paris im 20. Jahrhundert (Paris au XXe siècle, geschrieben 1863), nehmen bei Verne wie auch in der Latinité-Debatte eine Sonder-, da Führungsrolle ein.

Besonders präsent ist das lateinische Element in In 80 Tagen um die Welt in Person des Dieners von Fogg: Passepartout wird nach der initialen Beschreibung des „bon Anglais“ als dessen Gegenentwurf gezeichnet: „Was nun Jean, genannt Passepartout betrifft, so war er ein echter Pariser aus Paris“ (ATW, Kap. 2, 14). Er hatte eine bewegte Vergangenheit mit vielen unterschiedlichen Berufen wie Straßensänger und Seiltänzer. Er heuerte bei Fogg an „in der Hoffnung, dass [er] hier ein ruhiges Leben führen und alles Vergangene vergessen kann, nicht zuletzt den Namen Passepartout.“ (ATW, Kap. 1, 10) „Sein braunes Haar stand etwas widerspenstig zu Berge“ (ATW, Kap. 2, 14), er selbst war gesellig, lebensfroh und gegenwartsorientiert. Wie der Roman zeigt ist sein Handeln im Gegensatz zu Fogg nicht streng rational geplant: Gegenüber Inspektor Fix plaudert er „vielleicht ein bißchen mehr […], als er sollte“ (ATW, Kap. 8, 46), in Aden schlendert er, „[s]einer Gewohnheit folgend […] durch die Stadt“ (ATW, Kap. 9, 58) und in Yokohama „ließ [er] das europäische Viertel hinter sich, ohne dass ihm der Zufall zur Hilfe gekommen wäre, und durchstreifte nun den japanischen Teil der Stadt“ (ATW, Kap. 22, 174). Er nimmt die bereisten Räume und deren Geschichte wahr und versucht nicht, sie ‚nur‘ zu überwinden. Er wird als der Reisende skizziert, der Fogg nicht ist. In Hongkong lebt er seine Eigenschaften aus und zeigt ein „allzu lebhaftes Interesse an seinem Herrn“ und das hat Folgen (ATW, Kap. 19, 139): Er landet in einer Opiumhöhle. Nicht nur hier verzögerte er den Reiseplan (vgl. bspw. auch die Zwischenfälle in Bombay und Yokohama). Er lebt also eine Fogg fast diametral entgegengesetzte RaumZeitlichkeit: Auf den Hinweis von Mr. Fix, er müsse seine Uhr umstellen, entgegnet er: „‚Was? Ich soll meine Uhr anrühren?‘, rief Passepartout entsetzt. ‚Niemals!‘“ (ATW, Kap. 8, 47).

Diese nicht auf die Raum- und Zukunftsbeherrschung fokussierte Latinité schien im 19. Jahrhundert als Verzögerungselement nicht nur bei Verne den Anschluss an das Weltnetz zu verlieren – und damit zu Löchern in diesem Netz zu werden (vgl. bspw. Osterhammel 2009, 1010ff.). Bei Verne gewinnt die Auseinandersetzung der beiden Modelle dann noch eine andere Nuance: Fogg und seine Mitreisenden kehren auf dem Schiff Henrietta zurück, dessen Holz vollständig verfeuert wurde. Von der Weltreise übrig blieb der leblose Stahl als Inbegriff der Industrialisierung und der kalten, angelsächsischen Moderne. Gewonnen werden konnte die Wette dann aber nur, weil der Franzose Passepartout nach dem emotionalen Heiratsantrag der Inderin Aouda (mit dem Wechsel auf „Reibungen“, ATW, Kap. 2, 13f.) schnell laufen – nicht fahren – konnte, und weil Passepartout per Zufall einen kaum für möglich gehaltenen Rechenfehler des Mathematikers Phileas Fogg entdeckt hatte (vgl. Kap. 35-37). Alles nur ein Spiel?