V: Pässe, Papiere, Konsulate: Medien und Orte der Identifikation

von Valeska Huber
Geoindex: Suez

zu Kapitel VI des Romans (französisch/deutsch)

Phileas Foggs Reise um die Welt hängt nicht nur von einer Vielzahl von Transportmitteln ab, sondern auch von einer Vielzahl von Identifikationsmedien. Fragen der Identifikation bilden einen zentralen Angelpunkt in Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt. Nicht nur auf einer tiefgründigen Ebene bleibt die Identität und Herkunft des mysteriösen Phileas Fogg verschleiert, auch seine konkrete Identität wird von Foggs Reisebegleiter, dem Detektiv Fix, permanent in Frage gestellt. Dabei wird im Zuge des Romans deutlich, dass im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Pässe als Identifikationsmedien nicht für sich allein standen. Auch wenn für Fix der Pass das Medium ist, durch das er den angeblichen Bankräuber in Suez identifiziert, sind Pässe nicht die einzige Form der Identifikation, die im Roman zum Einsatz kommt. Sie werden ergänzt durch so unterschiedliche Medien wie Haftbefehle, Steckbriefe, Passagierlisten und mündliche Beschreibungen in den britischen und französischen Konsulaten von Hongkong und Yokohama. Zudem wird die Praxis der Identifikation im Roman mit bestimmten Räumen – Konsulaten und Polizeistationen – verbunden, die als globale Orte fungieren. Im Folgenden sollen zunächst die Papiere und dann ihre Orte in Jules Vernes Roman und in verschiedenen Kontexten des ausgehenden 19. Jahrhunderts miteinander verschränkt werden.

Im Roman spielt der Pass eine ungewöhnliche Rolle. Nie werden Phileas Fogg oder Passepartout zu einer Passkontrolle aufgefordert oder müssen ihr Dokument beim Besteigen des Schiffs oder eines anderen Verkehrsmittels zeigen. Eher dient der Pass Phileas Fogg als offizieller Nachweis der Reiseroute. So wie auch heute manch Weitgereister seinen Pass voll Stempel und Visa als Beweis seiner Reisetätigkeit gerne von anderen durchblättern lässt, möchte Fogg, obwohl ihn der Konsul in Suez darauf hinweist, dass dies nicht notwendig ist, Stempel im Pass sammeln, um seine Reiseroute zu dokumentieren. Daher beginnen die kurzen Aufenthalte in Suez, Aden und Bombay mit einem obligaten Gang zum Konsulat, um den Pass mit einem Visum des britischen Konsuls versehen zu lassen. In späteren Häfen wird diese Praxis nicht mehr erwähnt, es ist aber zu vermuten, dass der akribische Fogg, wo immer möglich, auch sonst einen Stempel im Pass erwirbt, wenn die knapper werdende Zeit dazu reicht.

Keinmal ertönt im Roman also der Ruf „Passkontrolle“ oder „Die Ausweise bitte“. Zu den Komforts des privilegierten Reisens gehört eben auch, sich nicht ausweisen zu müssen. In 80 Tagen um die Welt illustriert, was Historiker des Passwesens konstatieren: Vor 1914 mussten begüterte Europäer nicht unbedingt über einen Pass verfügen, wollten sie auf Reisen gehen (vgl. Torpey 2000; Caplan und Torpey 2001). Reiseführer rieten ihren Lesern zwar, Pässe mitzuführen, doch war dies vor allem als Sicherheit bei Geldwechselgeschäften gedacht – Pässe waren also eher für den Aufenthalt selbst als für die Passage zwischen den Orten vonnöten. So wurde im Baedeker für Ägypten von 1908 und 1914 notiert, dass Pässe nicht unbedingt notwendig seien zum Reisen, höchstens nützlich, weil Banken sie oft als bestes Identifikationsdokument anerkennen würden und weil sie eine gute Eintrittskarte zum Konsul bilden könnten (Baedeker 1914, xv).

Das passfreie Reisen der belle époque vor dem Ersten Weltkrieg, das von Stefan Zweig in Die Welt von Gestern oder in Erich Maria Remarques Nacht von Lissabon evoziert wird, war also Realität für manche. Für andere war der Pass jedoch essentiell, zum Beispiel für Pilgerreisende nach Mekka, die manchmal über bestimmte Pässe verfügen mussten, um die Kolonie, aus der sie stammten, überhaupt verlassen zu können. Ein Resultat dieser strengeren Passvorschriften für Pilgerreisende war es, dass viele mit gefälschten oder fremden Pässen auf Reisen gingen, um ihre religiösen Pflichten zu erfüllen. Für andere Pilgerreisende, die auf ihrem Weg nach Mekka noch größere Hürden zu überwinden hatten, konnte der Pass ebenfalls von zentraler Bedeutung sein. So präsentierte ein Pilger auf dem Weg vom Kongo nach Mekka seinen Pass im französischen Konsulat in Jidda mit Stempeln aller französischen Militärposten, die er in den letzten Jahren auf seiner Reise passiert hatte – von einer Gruppe von 40 Reisenden war er der Einzige, der Mekka erreichte (Archives nationales d’outre-mer, GGA 16H/86). Das Beispiel der Pilger zeigt, dass für unterschiedliche Kategorien von Reisenden unterschiedliche Pässe vorgeschrieben waren und dass das Argument, dass Pässe vor 1914 nicht wichtig waren, mit Blick auf bestimmte Gruppen von Reisenden modifiziert werden muss. Die Behandlung der Pilgerreisenden zeigt zudem, dass es auch schon vor 1914 eine Hierarchie von Pässen gab, an deren Spitze wohl der stand, über den Phileas Fogg verfügte: der britische Pass.

Für Briten wie Phileas Fogg kann der Pass daher zum Dokumentationsmittel der Reise werden. Er ist dagegen nicht unbedingt zum Identifikationsdokument erster Wahl, sobald die Reise nicht nach Plan läuft. Die einzige Identifikation durch den Pass im Roman ist eine falsche Identifikation: Fix hält Phileas Fogg nach einem Blick in dessen Pass eindeutig für den Bankräuber, bis er nach der Rückkehr nach England in Liverpool eines Besseren belehrt wird. Identifikation und Pässe hängen also nicht zusammen, es handelt sich höchstens um eine lose Verbindung, die in Krisenmomenten nicht unbedingt trägt. Während Phileas Fogg seinen Pass bei sich trägt, verfügen seine Mitreisenden vielleicht nicht einmal über einen Pass, sondern müssen mithilfe anderer Identifikationsmittel zugeordnet werden. Pässe werden daher im Roman und nicht nur dort im ausgehenden 19. Jahrhundert durch andere Papiere und Identifizierungsakte ergänzt. Da sind zunächst die mit der Suche nach bestimmten Individuen verbundenen Identifikationsmittel: Steckbriefe und Haftbefehle, die häufig per Telegraph um die Welt gesendet werden. Dann gibt es Passagierlisten, die zum Beispiel in Yokohama zur Identifikation von Passepartout dienen. Schließlich fungieren die mündlichen Beschreibungen, wie Phileas Fogg sie in den britischen Konsulaten von Hong Kong und Yokohama abgibt, um Passepartout zu identifizieren, als Passersatz. Auch außerhalb des Romans ergänzen Selbst- und Fremdbeschreibungen häufig den Pass. In vielen Fällen ist zudem der Besitz anderer Papiere, zum Beispiel kontinuierlicher Arbeitsnachweise und Logbüchern im Fall von Seeleuten, von zentralerer Bedeutung als der Besitz eines Passes.

In Jules Vernes Roman spielen nicht nur die Pässe oder allgemeiner die Medien der – geglückten oder verfehlten – Identifikation eine besondere Rolle, sondern auch ihre Orte, die Konsulate. Der Pass bedeutet nicht viel ohne den Konsul, der ihn begutachtet. Konsulate als Orte der Identifikation sind deshalb von besonderem Interesse, weil sie die reisenden Personen und die ebenfalls reisenden Identifikationsobjekte, nämlich Steckbriefe, Haftbefehle und Personenbeschreibungen einerseits, Pässe andererseits, in einer zunehmend vernetzten Welt miteinander verbinden. Dabei erweisen sich manche geographische Punkte als besonders signifikante Identifikationsorte – so zum Beispiel die globale Engstelle des Suezkanals, wo Fix Phileas Fogg identifizieren und festnehmen möchte (häufiger als die Stadt Suez spielt allerdings Port Said am Mittelmeereingang des Kanals diese Rolle), bevor er das offene Meer des Indischen Ozeans und – nach seiner Reise durch Indien – die Grenzen des British Empire erreicht.

Das Konsulat ist natürlich keine neue Einrichtung im ausgehenden 19. Jahrhundert, doch nimmt seine Bedeutung im Zusammenhang mit größeren Zahlen von Reisenden über weite Distanzen deutlich zu. Nicht nur im Nahen Osten, der Region, in der Phileas Fogg zum ersten Mal mit einem Anliegen an eine dieser Institutionen herantritt, spielten Konsulate eine besondere Rolle. Doch dort waren sie mit besonderen Befugnissen ausgestattet. Diese Befugnisse waren Teil der sogenannten Kapitulationen, die Europäern im Osmanischen Reich seit dem 16. Jahrhundert besonderen Schutz und Rechte einräumten. Außerhalb des Osmanischen Reichs entwickelten sich die Konsulate ebenfalls zu zentralen Anlaufstellen von Europäern unterschiedlichster Herkunft. Während herausgehobene Reisende mit einem speziellen Konsulatsempfang bedacht wurden, waren die Konsulate gleichzeitig für die Identifikation blinder Passagiere und anderer mittelloser Globetrotter verantwortlich. Die Konsulate fungierten zudem einerseits, wo auch immer man sich befand, als immer gleich strukturierte Institutionen, andererseits nahmen sie gewisse lokale Eigenheiten an. Diese Synthese von Entsendungs- und Gastland wurde in der Botschaftsarchitektur häufig besonders deutlich, doch sie konnte auch in den Abläufen der Konsulate als Relais-Stationen zwischen Heimat und Fremde durchaus eine Rolle spielen. Zudem waren die Konsulate nicht nur mit ihrem Ursprungsland, sondern auch mit anderen Konsulaten durch Korrespondenz und die Zirkulation von Angestellten verbunden. Konsulate entwickelten sich in den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts also in mehrerlei Hinsicht zu globalen Orten. Die britischen Konsulate fungierten zudem als Repräsentationsorte des British Empire entlang der All Red Route und darüber hinaus. Sie entwickelten sich auch außerhalb des British Empire häufig als strategische Orte imperialer Einflussnahme und als Barometer imperialer Allianzen und Konflikte.

Auch in Jules Vernes Roman sind die Konsulate die zentralen Schaltstellen, wenn es um Identifikation geht. Phileas Fogg geht nicht nur in Suez, Aden und Bombay an Land, um seinen Pass im Konsulat stempeln zu lassen, sondern er sucht auch in Hong Kong und Yokohama auf der Suche nach Passepartout die britischen und französischen Konsulate auf. In diesen Städten muss er gleich bei zwei Konsulaten vorstellig werden, da Passepartout französischer Staatsbürger ist, aber in Großbritannien lebt und angestellt ist. Solche Fälle multipler Identitäten sind im Zeitalter größerer Beschleunigung und Reisetätigkeit keine Ausnahme und tragen zur Komplexität von Identifikation bei, mit der die Konsulate besonders in Hafenstädten umgehen müssen.

Nicht nur aufgrund dieser multiplen Identitäten steht Identifikation im Roman mehr als einmal auf dem Spiel. Passepartout kann immer noch gerade rechtzeitig identifiziert werden, um Foggs Wette nicht zu gefährden. Ein zentraler Erzählstrang des ganzen Buchs beruht zudem auf der Fehlidentifikation von Fogg durch den Detektiv. Der Pass spielt dabei eigentlich eine periphere Rolle im Papierdschungel – weder kann Fix mit Foggs Pass viel anfangen, noch verfügt Passepartout über ein solches Dokument, wenn es hart auf hart kommt. Wichtiger sind die globalen Orte, an denen die Pässe und andere Identifikationsmedien ausgewertet werden können und die Information weiterverwendet und weitergeleitet wird. Die Papierspuren von Reisenden werden also nur in Kombination mit den institutionellen Netzen, mit denen die Dokumente verbunden sind, lesbar.