XIII: Reisen durch Präteritio

von Frank Lestringant
Geoindex: Gangestal

zu Kapitel XIV des Romans (französisch/deutsch)

Itineratio versus Peregrinatio

In einem sehr aufschlussreichen Artikel über den portugiesischen Entdecker und Autor der Pilgerreise, Fernão Mendes Pinto, hat Michel Korinman eine fruchtbare Unterscheidung zwischen zwei Arten des Reiseberichts vorgeschlagen: Die Itineratio und die Peregrinatio (vgl. Korinman 1976, 20-34). Bei der Itineratio ist der Reisende reiner Beobachter. Anders als beispielsweise in einem Bildungsroman wird er durch die Bewegung von Ort zu Ort und Sache zu Sache in keinster Weise verändert. Er besteht nur aus einem speichernden Blick, einem wandernden Auge, das von dem beinahe abwesenden, schmerzlosen Körper, zu dem es gehört, losgelöst scheint. Man kann sogar sagen, es sei ein Blick, der sich durch ein Inhaltsverzeichnis bewegt und kein lebendiges Wesen, das die Orte einer realen Geographie durchreist und unterwegs Prüfungen bestehen muss, die seine Person in Gefahr bringen und sie tief im Inneren verändern. Die Itineratio setzt eine träge Landschaft und einen gleichgültigen oder aber ironischen Protagonisten voraus. Der Wanderer par excellence ist der Kartenleser, der bequem an seinem Arbeitsplatz sitzt und die Welt wie eine vor ihm ausgebreitete Karte studiert. Oder es ist, um sich Jules Vernes Roman In 80 Tagen um die Welt zu nähern, der Reisende, der aus dem Eisenbahnwaggon heraus regungslos und leicht gelangweilt die Landschaft betrachtet, die im Fensterrahmen an ihm vorüberzieht; den Fahrplan auf dem Schoß, schaut er hin und wieder auf die Uhr und hofft, dass der Zug pünktlich ankommt.

Die Peregrinatio hingegen setzt ein aktives und gegenseitiges Verhältnis zwischen dem Reisenden und dem durchquerten Raum voraus. Die Peregrinatio bearbeitet den Helden, der leidet und sich freut, altert, krank wird, sein Fieber oder seine Verletzungen auskuriert und manchmal auf der Reise stirbt, bevor er sein Ziel erreicht.

Dieser paradigmatische Gegensatz zwischen Itineratio und Peregrinatio lässt sich zum Beispiel am Gegensatz zwischen der Odyssee und der Wahren Geschichte des Lukian aufzeigen, die erstere zugleich verrät und parodiert. Odysseus hat Hoffnung, er hat Hunger und Durst, wird müde, und im Laufe der Tage und Nächte, in denen er umherirrt, wartet, liebt und altert er. Struppig und ausgemergelt wie ein Bettler kehrt er nach Ithaka zurück und tritt dem Schweinehirten Eumaios gegenüber. Zwar wird er dank der Göttin Athene die Kraft eines jungen Mannes wiedererlangen, den Bogen spannen und seine Nebenbuhler einen nach dem anderen besiegen, aber die Zeit und die Geschichte werden unerbittlich Spuren hinterlassen haben. Nichts dergleichen ist in der Wahren Geschichte Lukians zu finden, in der der Held und Erzähler nicht einmal einen Namen trägt. Er empfindet weder Hunger noch Durst, und Erschöpfung oder Krankheit können ihm nichts anhaben; einzig die Neugier treibt ihn vorwärts auf seiner unendlichen Reise, da er von Beginn an kein echtes Ziel vor Augen hatte (vgl. dazu Lestringant 2002, 221-238, sowie zu Verne 370-378).

In 80 Tagen um die Welt von Jules Verne ist in seiner sorgfältigen Eile offenbar zumindest auf den ersten Blick der Itineratio näher als der Peregrinatio. Denn Jules Verne, als Erzähler ebenso gehetzt wie sein Held Phileas Fogg, erspart sich lange Exkurse und seinen Figuren zu lange Abenteuer. Natürlich dienen die Episode, in der die schöne Hinduprinzessin Mrs Aouda vom Scheiterhaufen ihres Mannes weg entführt wird oder der Zugüberfall der Sioux in den Weiten des wilden Westens ebenso wie fünfzig weitere spannende Abenteuer dazu, den Leser zu unterhalten und ihn die Monotonie der Reise vergessen zu lassen. Aber das Ideal einer Reise im Sinne des Phileas Fogg bleibt das der Itineratio.

Tourismus durch Präteritio

Die Steigerung der Itineratio ist der Tourismus durch Präteritio. Ein erstes Beispiel liefert das Kapitel 14, dessen stark humoristischer Ton bereits im Titel anklingt: „In welchem Phileas Fogg durch das herrliche Gangestal reist, ohne es auch nur eines Blickes zu würdigen“ (ATW, Kap. 14, 98). Ob nun auf dem Dampfschiff oder in der Eisenbahn, es ist dasselbe fahrende Gefängnis, von dem Michel de Certeau spricht (Certeau 1980, 199-203).

Dies Panorama glitt schnell wie der Blitz vorbei, und manche Einzelheiten wurden von einer weißen Dampfwolke verschleiert. So konnte man zum Beispiel kaum Fort Khnuar erkennen, 20 Meilen südöstlich von Benares, auch nicht die antike Festung der Radschas von Bihar oder die Stadt Ghansipur mit ihren bedeutenden Rosenwassermanufakturen; weder das Grabmal von Lord Cornwallis, das sich am linken Ufer des Ganges erhebt, noch die befestigte Stadt Buxar; weder die Industrie- und Handelsstadt Patna, Schwerpunkt des indischen Opiummarkts, noch Monghir, eine durch und durch europäische Stadt, so britisch wie Manchester oder Birmingham. (ATW, Kap. 14, 106f)

Ein weiteres Beispiel aus dem 26. Kapitel: „Welches im Expresszug der Pacific Railroad spielt“ (ATW, Kap. 26, 205). Besichtigungen lohnen sich nicht; es genügt zu wissen, was sich hinter der Linie des Horizonts verbirgt oder sogar, wenn man schläft, hinter den Jalousien des Eisenbahnwagens:

Von San Francisco bis zur kalifornischen Hauptstadt führte die Strecke direkt nach Nordosten, uns zwar am American River entlang, der in die Bucht von San Pablo mündet. Die 120 Meilen zwischen diesen wichtigen Städten bewältigte der Zug in 6 Stunden und fuhr gegen Mitternacht, als die Reisenden im ersten Schlummer lagen, durch Sacramento. Und so sahen sie nichts von dieser bedeutenden Stadt, Sitz der Regierung des Bundesstaates Kalifornien: weder die schönen Kais und breiten Straßen noch die prächtigen Hotels, Parkanlagen und Kirchen. (ATW, Kap. 26, 208)

In beiden Fällen wird die Landschaft vom Zug aus betrachtet, oder zumindest erahnt und zusammengefasst von der geraden Eisenbahntrasse aus, die eine künstliche Strecke in die Oberfläche der Erde einschneidet. Die Reiseerfahrung hat dabei keinerlei Substanz oder Tiefe. Es sind abstrakte Informationen, wie sie auch der Baedecker oder der Joanne geben könnte, die von dem allwissenden Erzähler hastig vorgetragen werden. Die Eisenbahnstrecke ist wie eine Wäscheleine, an der man Kleidungsstücke oder verschiedenste Objekte nebeneinander aufhängt, zusammenhanglose Fragmente einer Enzyklopädie, die auf gut Glück mit der Aufzählung der einzelnen Stationen aufeinander folgen. Es gibt nichts zu sehen, es soll nur an jedem Ort eine Erinnerung erweckt werden.

Weiterhin fällt auf, dass Verne mit Vorliebe äußerst klischeehafte Attribute verwendet: ,schöne‘ Quais, ,breite‘ Straßen, ,prächtige‘ Hotels. Diese wertenden Adjektive sind oft auch in Reiseführern zu finden, die ihre Angebote anpreisen: Hotels mit dem Namen ,Splendid‘ gibt es zuhauf zur Zeit Gides, der zu Beginn der 20. Jahrhunderts viel reiste. Der gehetzte Erzähler lässt diese Adjektive ganz nebenbei fallen. Ob der Leser sie registriert oder nicht, sie missbilligt oder sie belächelt, ist ihm beinahe egal. Die klügsten Leser werden sich schon als gute Komplizen erweisen.

Die sprezzatura des gehetzten Erzählers, des ungenierten Romanciers ist erstaunlich. William Butcher merkt in seinem Vorwort an, dass Verne sich hin und wieder über seinen eigenen romanesken Exotismus lustig zu machen scheint, wenn zum Beispiel der raffinierte Passepartout die Ähnlichkeit der Festung von Mokka mit einer riesigen Mokkatasse bemerkt (vgl. ATW, Kap. 9,  56), oder wenn die indische Kultur zu einer harmlosen Liste amüsanter Assoziationen reduziert und von Fix heruntergerattert wird: „Moscheen, Minarette, Tempel, Fakire, Pagoden, Tiger, Schlangen, Tempeltänzerinnen!“ (ATW, Kap. 9, 55).

Inventar versus Abenteuer

Der Tourismus durch Präteritio opfert das Abenteuer dem Inventar (vgl. zu diesem Verhältnis Ouellet 1986, Ferland/Ouellet 1988, sowie Ouellet 2010, v.a. 43-80). In jedem Reisebericht werden zu unterschiedlichen Anteilen Abenteuer und Inventar miteinander kombiniert. Die Abenteuer eines einzigartigen Subjekts an nacheinander bereisten Orten mit einem Inventar an sonderbaren Dingen und Bräuchen, geographischen und rhetorischen Orten, die die Erzählung rückblickend auflistet. Die Geschichte eines Bewusstseins – oder einfach eines Auges – verleiht der Erzählung ihre Einheit, während das Sammelsurium der Objekte oder der gesammelten ,Ansichten‘ zu dem Bericht das unverzichtbare Prinzip der Vielfalt beiträgt. Das Abenteuer gibt die narrative Struktur vor, die nach und nach mit allerlei entdeckten Objekten gefüllt wird.

Anders ausgedrückt dient im Reisebericht die persönliche Reiseroute als Beschreibungsraster für die Objekte der realen Welt, während im wissenschaftlichen Text, einer geographischen Abhandlung zum Beispiel, der Text seinen Aufbau von dem Objekt selbst ableitet, welches er beschreibt: die Welt oder einen bestimmten Erdteil, seine Aufteilung durch die Meere, Flüsse und Gebirge, die dort angesiedelte Bevölkerung mit ihrer hierarchischen Organisation in Klassen und Funktionen usw. Wie man sieht, stellt sich im Reisebericht von Anfang an die Frage nach der Taxonomie. Diese Taxonomie ändert sich mit jedem Abenteuer. Sie wird in den einzelnen Schritten eines mehr oder weniger langsamen Reifungsprozesses, der vom Feld ins Büro des Amateurs und vom Schiff in die Bibliothek führt, geformt. Wenn die Anordnung der Exposition von Zufällen der Reiseroute abhängt, kann sie sich anschließend im unendlichen Überarbeitungsprozess in der Stube nach Belieben anpassen, wenn der zum Schriftsteller gewordene Reisende den linearen Verlauf seiner Route mit Anekdoten, literarischen Exkursen und Rückblicken ausschmückt.

Verschiedene Arten der Gliederung lassen sich unterscheiden. Bei der einfachsten und bei Reisen in ferne Länder vorherrschenden Form wird das Inventar zwischen einer Hin- und einer Rückreise, den Eckpunkten des Abenteuers, eingebettet. Dazwischen, in den Passagen der systematischen Bestandsaufnahme der Ressourcen und Sitten, tritt das Abenteuer in den Hintergrund. Es wird nebensächlich und hat vor allem die Funktion, den Beschreibungskatalog lebendiger zu gestalten, dessen verschiedene Rubriken zu verbinden und den Wahrheitsgehalt des Zeugenberichts zu unterstreichen.

Von diesem Standpunkt aus entwirft In achtzig Tagen um die Welt ein sehr spezielles Dispositiv. Es ist eine ironische Reise, die die Reise selbst ins Lächerliche zieht. Phileas Fogg hat vor, die Welt zu durchqueren bzw. zu umrunden, ohne etwas von ihr zu sehen, ohne etwas mitzubringen: die Genrekonvention, die fordert, dass der Reisebericht enthält, was der Reisende mit eigenen Augen gesehen hat (vgl. Tadié 2005), und darüber hinaus eine Sammlung von Kuriositäten und Souvenirs darstellt, wird zweifach verletzt. Wie sein Name andeutet, trägt Fogg, der Phlegmatiker, seinen Nebel mit sich herum, eine Nebelwolke, die ihn von der Außenwelt trennt und vor ihr schützt, von der er außer seinem Zug- und Schiffsfahrplan gar nichts wissen möchte.

Der Tourismus durch Präteritio ist die größtmögliche Abstrahierung der Itineratio, ihr Prinzip oder ihre Quintessenz. Das Auge des Reisenden sieht kaum. Lebt er? Träumt er? Nicht einmal das. Er zählt und rechnet mit geschlossenen Augen. Eigentlich reist er nicht, sondern wird transportiert, und empfindet blind und taub seiner Umgebung gegenüber nicht das Geringste.

Phileas Fogg versus Robinson Crusoe

Hier sei an den paradigmatischen Gegensatz erinnert, den Jean-Didier Urbain zwischen Phileas Fogg und Robinson Crusoe etabliert hat: Phileas Fogg, der sich so schnell wie möglich und ohne etwas zu sehen durch den Raum bewegt, ist der Anti-Robinson – Robinson, der über die Meere segelt, um sich für achtundzwanzig Jahre auf einer einsamen Insel abzuschotten und dort geduldig, sorgfältig und detailgenau die kleine Welt, aus der er kommt, nachbildet (vgl. Urbain 1996, 9-12). Phileas reist so schnell er kann, während Robinson an einem Ort verharrt, aber beide versuchen den Kontakt zu dem Fremden, dem Fernen, dem Anderen möglichst zu vermeiden. Sie sind weder am Exotischen noch an der Entdeckung interessiert. Phileas ist der Prototyp des gehetzten Pauschaltouristen, Robinson jener des gesetzten Club Méditerranée-Mitglieds: „Wenn Jules Vernes Held typisch für die Mobilität der ,Zirkulation‘ ist, so scheint der Daniel Defoes ein typisches Beispiel für eine Mobilität der ,Transplantation‘ zu sein.“ (Urbain 1998, 9f). Heute, in Zeiten des Massentourismus, ist die Liste ihrer Nachfahren lang. Auf verschiedenen und zum Teil scheinbar gegensätzlichen Wegen stehen beide für das ,Ende der Reisen‘, das vor einem halben Jahrhundert auch Claude Lévi-Strauss in Traurige Tropen angekündigt hat.

Die Bedeutung von Vernes Roman beschränkt sich unterdessen nicht auf diesen phrophetischen Aspekt, ganz im Gegenteil. Er lässt diesbezüglich keinerlei Pessimismus erkennen. Er trauert den Reisen im alten Stil nach, erfindet jedoch zugleich die Reise als spielerische Wiederholung (vgl. Serres 1974, 11) und als Spiel, das immer wieder neu und von immer anderen Mitspielern über Generationen hinweg gespielt wird. Mit Verne verschreibt sich das Reisen der Telemachie.

Aus dem Französischen von Wiebke Heyens