I: Der Reform Club

von Ulrike Lindner
Geoindex: London, Pall Mall
zu Kapitel I des Romans (französisch/deutsch)

Die Geschichte von Phileas Foggs Reise beginnt mit einer Wette im Londoner Reform Club (vgl. ATW, Kap. 3, 25), der 1836 als politischer Club von liberalen Politikern gegründet wurde, nach der Reform Bill, einem Gesetz von 1832, benannt war und der bis heute in seinem repräsentativen Gebäude in der Londoner Pall Mall residiert, das Jules Verne in seinem Roman beschreibt.Die verschiedenen Londoner Clubs prägten die Stadt London und die Gesellschaft in Großbritannien im 19. und bis weit in das 20. Jahrhundert. Sie waren besondere, exklusive Räume, zunächst für Männer der aristokratischen Gesellschaft, später auch für das gehobene Bürgertum. Frauen dürfen einigen Clubs seit wenigen Dekaden beitreten, dem Reform Club seit 1981. Die Clubs entstanden seit Mitte des 18. Jh. aus Kaffeehäusern: Manche der damals höchst beliebten Kaffeehäuser trennten separate Räume für ihre besser verdienende Klientel ab, die dann von diesen Personen exklusiv genutzt werden konnte. So geschah es beispielsweise bei Tom’s, einem Kaffeehaus, das ab 1764 zu einem Club mit einer Mitgliedschaft von 700 Personen avancierte (vgl. Neville 1969, 27).

Der Reform Club verfolgte im Gegensatz zu anderen lediglich auf gesellschaftliche Aktivitäten ausgerichteten Clubs einen deutlich politischen Impetus. Unter den Gründern fand sich Sir William Molesworth, ein überzeugter Liberaler, der die Gründung als politisches Statement gegen die Konservativen verstand. Der erste Chairman des Clubs war der liberale Politiker Edward Ellice, der als Vertreter von Coventry im Parlament saß und sich ganz besonders für die Reform Bill engagiert hatte. Die Reform Bill hatte das britische Wahlrecht teilweise reformiert und war 1832/33 nach langen politischen Kämpfen und sozialen Unruhen im britischen Ober- und Unterhaus verabschiedet worden (vgl. Fahrmeier 2010, 205-208). Ellice gründete den Reform Club zusammen mit liberalen Politikern im Jahr 1836, um die Idee der Reform Bill weiterzutragen (vgl. Neville 1969, 232; Woodbridge 1978). Nach einigen Jahren in einem Gebäude in Whitehall wurde das Haus in Pall Mall erbaut, in dem auch Foggs Reise beginnt. Der Club hatte 1853 1.400 Mitglieder, von denen die meisten finanziell unabhängig waren – wie Edward Ellice, der sein Einkommen aus der Hudson Bay Company bezog oder wie das fiktive Mitglied Phileas Fogg, der ebenfalls nicht für sein Auskommen arbeiten musste. Zahlreiche liberale Politiker gehörten dem Club an, aber auch viele Vertreter der Presse. Die Mitglieder des Reform Clubs sahen sich selbst und ihren Club als Ort des ‚modernen‘, aufgeschlossenen und reformfähigen Großbritanniens, das sich professionell mit den Problemen und Herausforderungen eines zunehmend globalisierten Empires in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auseinandersetzte. Dieser konkrete Ort stellt einen paradigmatischen Ausgangspunkt für die ‚moderne‘, von technischen Hilfsmitteln geprägte Weltreise des Phileas Fogg dar.

Dass die Reise in einem englischen Club beginnt, hat zudem etwas Klischeehaftes und betont sicherlich aus französischer Sicht den englischen Charakter des Romans. In großer Hast werden zu Beginn des Romans weitere Klischees abgerufen, wie der Wohnort Foggs in der (falsch geschriebenen) vornehmen Savile Row (bei Verne „Saville Row“, ATW, Kap. 1, 5) sowie seine völlig überzogenen Gewohnheiten, die eher dem Zerrbild eines englischen Gentlemans entsprechen.

Die Wahl des Ausgangsortes soll wohl auch den Unterschied zum französischen Salon hervorheben, der im 18. Jahrhundert noch bestimmend für das gesamte gesellschaftliche Leben Europas war. Im 19. Jahrhundert stellte dagegen Großbritannien mit seinem ausgreifenden Empire in vieler Hinsicht die vorherrschende Macht in Europa dar, die zunehmend auch kulturell dominierte (vgl. Osterhammel 2009, 646-648). Der englische Club als Beginn der Reise kann als Hinweis auf diesen Paradigmenwechsel gelesen werden.

Der Ort des Geschehens war ein prächtiger Bau in der Pall Mall mitten in London (ATW, Kap. 3, 17). Die seit den 1830er Jahren des 19. Jahrhunderts gegründeten Clubs bezogen meist riesige, neu errichte Gebäude in exklusiven Lagen Londons. Diese Veränderung ging mit einer Transformation des Londoner West Ends einher: Alte, kleine Läden wurden zerstört, seit Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden in Pall Mall und St James’s Street neue prächtige Clubgebäude. Diese Entwicklung galt auch für den Reform Club, der 1841 in ein neues Gebäude in der Pall Mall zog, das im sogenannten modernen italienischen Stil erbaut wurde und in vielen Aspekten den Palazzo Farnese in Rom zitierte (vgl. London Clubs 1853, 156). Die imposante Bauweise sollte gleichzeitig an adelige Herrenhäuser und Schlösser erinnern.  Ein Zeitgenosse beschrieb die Wirkung des Gebäudes folgendermaßen:

On entering the vestibule of the Reform Club house one is immediately struck by the splendid proportions of the hall, recalling to mind the magnificent salles of Versailles, and the elegance of the staircase, that most difficult feature of an edifice to render attractive. (London Clubs 1853, 174)

Das wichtigste Merkmal des Reform Clubs stellt bis heute der italienische Innenhof des Gebäudes dar, der von einem Säulengang umrahmt wird, welcher halb im ionischen und halb im korinthischen Stil gehalten ist und von einem Glasdach überkrönt wird. Phileas Fogg benutzt diesen Säulengang als Wandelhalle für seine Spaziergänge (vgl. ATW, Kap. 1, 9). Der Club fungiert so bereits zu Beginn des Buches auch als paradigmatisches Modell für die Welt, die Fogg später bereist.

Obwohl die Gebäude der Londoner Clubs von außen differierten und sich in immer ausgefeilteren Details Konkurrenz machten, fand sich innen meist eine ähnliche räumliche Aufteilung, die mit vergleichbaren Funktionen belegt war (vgl. London Clubs 1853, 23-28). Alle Clubs dienten den Mitgliedern als Londoner Adresse und Postadresse, an der Geschäfte abgewickelt werden konnten. Die Clubmitglieder gaben stets dem Sekretär ihre Aufenthaltsorte an, an die dann die Post nach Bedarf weitergesandt wurde. Innerhalb des Clubs konnten sie sich incognito aufhalten. Kein Mitglied durfte vom Portier an die Tür des Clubs geholt werden, der Portier durfte außerdem keinerlei Auskunft über die Anwesenheit der Mitglieder geben. Insofern stellten die Clubs sehr geschützte, diskrete und besondere Räume dar. Im Reform Club konnte man außerdem übernachten, in der obersten Etage befanden sich Übernachtungsmöglichkeiten für Mitglieder, dieses Stockwerk verfügte über einen Extra-Eingang und versprach somit maximale Diskretion. In Jules Vernes Roman wird aber ausdrücklich erwähnt, dass Fogg diese Möglichkeit nicht wahrnimmt und lieber in seinem Haus in der Savile Row schläft (vgl. ATW, Kap. 1, 9).

Fast alle Clubs verfügten im Erdgeschoss über private Dining-Rooms, Coffee-Rooms sowie über Leseräume für Mitglieder, in denen die meisten gängigen Zeitungen und Journale auslagen. Die Clubs bemühten sich außerdem ihren Mitgliedern ein gutes Restaurant zur Verfügung zu stellen. Auch Phileas Fogg speist stets im Reform Club (vgl. ATW, Kap. 1, 9) und verbringt seine Tage beim Zeitungslesen dort (vgl. ATW, Kap. 3, 17-18) – ganz typisch für ein Mitglied der leisured class Großbritanniens. Im oberen Stockwerk der Clubs fand sich üblicherweise eine gut ausgestattete Bibliothek mit Arbeitstischen, an denen die Mitglieder ihre Korrespondenz erledigen konnten. Ebenso hatten alle Clubs in den oberen Stockwerken Räume für Karten- und Billardspiel. In einem solchen Raum geht Fogg später seine Wette beim Whist-Spiel ein (vgl. ATW, Kap. 3, 21-26).

Noch weiter oben lagen die Räume für die vielen Bediensteten, die erst die Qualität eines Clubs ausmachten. In der Art der Infrastruktur und Organisation des Reform Clubs spiegelt sich so bereits die Dichotomie zwischen dem Herren Phileas Fogg und seinem Diener Passepartout wider, die die gesamte Geschichte durchzieht. Die Clubs waren mit ihrer Konzeption auf den Lebensstil des britischen Landadels und der britischen Politiker eingestellt, die ihre Landsitze bzw. ihre Wahlkreise hatten und die während ihrer Aufenthalte in London Räume außerhalb ihrer Wohnungen brauchten. Gleichzeitig dienten sie den Repräsentanten eines von zunehmender Mobilität geprägten Empires als nötiger Aufenthaltsort in London.

Alle Clubs in London verstanden sich als exklusive Orte, deren Mitgliedschaft nur schwer zu erreichen war. Der Zutritt funktionierte über das Ballot-System: Nachdem ein neues Mitglied vorgeschlagen worden war, konnten alle Clubmitglieder über das neue Mitglied mit weißen und schwarzen Kugeln anonym abstimmen. Dies wurde in den Clubs etwas unterschiedlich gehandhabt. In manchen Clubs brauchte man 1/10 schwarze/negative Kugeln um nicht eintreten zu dürfen, in anderen genügte eine einzige schwarze Kugel um den Beitritt zu verwehren (vgl. Neville 1969, 160). Das sogenannte blackballing wurde im 19. Jahrhundert zu einer regelrechten Obsession und war von zahlreichen Mythen umrankt. Jules Verne erwähnt allerdings lediglich, dass die Gebrüder Baring Fogg zur Aufnahme in den Reform Club vorschlugen, andere Prozeduren werden nicht genannt (vgl. ATW, Kap. 1, 6).

Die Clubs – auch der Reform Club – entwickelten sich zu Orten, an denen die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen der Gesellschaft über Rituale und besondere Auswahlverfahren ausgehandelt werden konnte. Diese ganz spezielle Eigenheit der englischen Gesellschaft, die über In- und Exklusion auf einer schwer zu bestimmenden sozialen Ebene verhandelte, wurde über das britische Empire in die gesamte Welt transportiert und half dabei eine kosmopolitische, aber doch britische Welt zu schaffen. In den Clubs des Empires konnte die Zugehörigkeit zur ‚europäischen Gesellschaft‘ verhandelt und rassistische Barrieren auf wenig ausgesprochene Weise aufrechterhalten werden (vgl. Kennedy 1987, 179). Insofern verweist der Ausgangsort erneut auf die weiteren Abläufe der Reise, die größtenteils durch Orte des britischen Empires führt.

Die Ereignisse im Reform Club geben nicht nur mit Kartenspiel und Wette die Koordinaten der Geschichte vor, in vieler Hinsicht vereint der Ausgangspunkt des Romans also bereits verschiedene Orte und Konstellationen, die später im Roman auftauchen: So etwa die Schiffe mit ihrem ebenfalls exklusiven Zugang zum Reisen und ihrer hierarchischen Ordnung der Passagiere; weiterhin die in der Architektur des Clubs angelegte, stets manifeste Beziehung von Herr und Diener während der Reise; sodann Foggs Verhalten während der Reise, das gerade bei ungerührtem Kartenspiel auf den Schiffspassagen und in der Eisenbahn sein Verhalten im Club imitiert; schließlich die Exklusivität der Möglichkeiten, die einem unabhängigem Gentleman im britischen Club ebenso wie im gesamten britischen Empires offenstanden. Insofern könnte man den Reform Club wohl im Foucaultschen Sinne als eine Heterotopie bezeichnen, die Ereignisse spiegelt, verschiedene Räume zusammenlegen kann und über ein bestimmtes rituelles Zugangssystem verfügt (vgl. Foucault 1967, 39, 42-46 ).

In jedem Fall konnte Jules Verne für Phileas Fogg, der schon fast als Karikatur eines Briten mit stiff upper lip im Anblick des Disasters stets die Haltung bewahrt und mit stoischer Ruhe seine Reise fortsetzt, kaum einen besseren Ort als einen Club in der Pall Mall wählen, um die Reise beginnen und enden zu lassen.