XXXIV: San Francisco: Das Ende der Frontier

von Hanjo Berressem
Geoindex: San Francisco

zu Kapitel XXV des Romans (französisch/deutsch)

Die Strecke von New York nach San Francisco, die Phileas Fogg auf seiner Reise in gegenläufiger Richtung zurücklegt, ist historisch eng mit der Erschließung und der Besiedlung Amerikas, d.h. mit der Bewegung der frontier verbunden, deren kulturhistorische Bedeutung der einflussreiche amerikanische Historiker Frederick Jackson Turner in seinem Vortrag „The Significance of the Frontier in American History“, 1893 vor der „American Historical Association“ in Chicago gehalten, erstmals hervorgehoben hat (Turner 1985): Die Besiedlung des Kontinents, d.h. die Bewegung der frontier von Osten nach Westen kann die Entwicklung Amerikas erklären, so Turner, erklärt diese Phase im gleichen Atemzug aber für geschlossen. Fogg bewegt sich demnach schon innerhalb einer zweiten Phase der amerikanischen Geschichte; der Phase der Fahrpläne.

Die frontier thesis sieht in der sich durch das Land rollenden Welle der Siedler einen Prozess der Amerikanisierung eines unbesiedelten Landes, wobei Turner die Präsenz der Indianer geflissentlich ausblendet. Um diese Darstellung zu berichtigen, hat Marie Louise Pratt 1992 in ihrer Studie Imperial Eyes: Travel Writing and Transculturation (Pratt 1992) das Konzept der contact zones stark gemacht, nach dem jeder Schritt in den Kontinent neue Kontaktzonen zwischen Siedlern und Indianern erstellt.

Ist die Öffnung der frontier mit Entdeckungen und Expeditionen verbunden, so ist die Zeit der Siedlerbewegung die der gewalttätigen Operation der Landnahme und der Implementierung Amerikas. Es ist die Zeit der wie Segelboote den ‚Ozean‘ der Prärie überquerenden prairie schooner, so genannt wegen ihren an Segel erinnernden Aufbauten, die bei Verne an einer Stelle durch den Schlitten ersetzt werden. „Die Prärie […] war flach wie das Meer. Sie wirkte wie ein riesiger zugefrorener See”, bemerkt der Erzähler (ATW, Kap. 31, 258), sich an einen literarischen Topos anhängend, den schon James Fenimore Cooper benutzte, um die rollende Landschaft der Prärie zu beschreiben. Es ist die Zeit der Wagenburgen und der Angriffe der Indianer auf die Siedler, sowie deren in vielen Western gerne als Motiv eingesetzten Rettung durch die Kavallerie.

Zur Zeit von Foggs Reise ist die Strecke zwischen Ost- und Westküste durch die Eisenbahn – einer Macht, die der naturalistische Schriftsteller Frank Norris in seinem gleichnamigen Roman in das Bild eines Oktopus gegossen hat – schon genau getaktet. Es handelt sich nicht mehr um eine unsichere, eminent gefährliche Überquerung, sondern um eine durch Fahrpläne klar getaktete Reise: „Früher hat man, um von New York nach San Francisco zu gelangen, auch unter den günstigsten Umständen noch 6 Monate gebraucht. Jetzt reichten 7 Tage.“ (Norris xxxx, 206) Dennoch gibt es immer noch gefährliche Passagen und Momente, wie Fogg und die Reisenden am eigenen Leib erfahren.

New York und San Francisco sind somit durch ein fortlaufendes metallisches Band verknüpft, das nicht weniger als 3786 Meilen misst. Zwischen Omaha und dem Pazifik durchquert die Eisenbahn eine Gegend, in der es noch Indianer und Raubtiere gibt – ein riesiges Gebiet, das die Mormonen um 1845 besiedelten, nach ihrer Vertreibung aus Illinois. (ATW, Kap. 26, 205-206)

San Francisco, als Endpunkt der Bewegung der frontier, wenn auch nicht der Eisenbahnlinie, ist zur Zeit von Foggs Reise schon zu einem eigenen Ausgangspunkt geworden. Es heißt nicht mehr nur ‚Go West, young man’, die Reiseroute geht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in beide Richtungen. Dem Zentrum im Osten, New York, ist ein westliches Zentrum entgegengesetzt, denn San Francisco ist 1873 fest eingebunden in globale Wirtschaftsverbünde sowie in weit verzweigte, sowohl nationale als auch internationale Handelsbeziehungen und Handelsregister. Diese Globalisierung zeigt sich schon zu Anfang der Geschichte, wenn der Erzähler erwähnt, dass das Eis des Clubs, das „unter hohen Kosten von den Großen Seen herbeigeschaft“ wurde, Phileas’ „Getränke angenehm kühl hielt.“ (ATW, Kap. 1, 9)

Der im Roman beschriebene Blick auf San Francisco ist, wie bei allen anderen Stationen der Reise, der touristische Blick Passepartouts, denn, wie im Roman früh angekündigt, gehört Fogg zu der Sorte aristokratischer Reisender, denen es niemals um einen direkten Bezug zur fremden Natur bzw. Kultur geht. Er gehört zu der Gruppe derer, die ihr Wissen nicht aus der Erfahrung, sondern lieber aus den zeitgenössischen Medien, d.h. insbesondere aus Büchern bzw. aus Zeitungen bezieht. Symptomatisch benötigt Fogg in seinem Club den ganzen Tag, um sich durch zwei Zeitungen zu lesen. Fogg gehörte „zu jener Sorte von Engländern […] die die Länder, durch die sie reisen, von ihren Bediensteten besichtigen ließen.“ (ATW, Kap. 7, 46) Nicht das Leben bietet Erfahrungswerte, sondern der Intellekt und das angelesene Wissen. Sogar in der Bahn oder auf dem Schiff ist Fogg ein armchair traveler, so wie E.A. Poes Dupin ein armchair detective ist.

Ich erwähne Poe, da Passepartout, als Foggs Stellvertreter und ‚verlängerter Arm‘ sowie als Erfahrungsfilter für den Leser, an den Erzähler von Poes Kriminalgeschichten erinnert. Er ist der emotionale Resonanzkörper, der gegen den logischen Geist Foggs gesetzt ist. Auch die Beschreibung San Franciscos ist durch Passepartout fokussiert, der die Stadt von einem erhöhten Standpunkt aus beschreibt: dem der City Hall. Wie auch die Darstellungen von Landschaften bzw. Städten an vielen anderen Stellen des Romans, evoziert die Beschreibung von San Francisco die Form eines Panoramas – eines wichtigen visuellen Mediums des 18. und 19. Jahrhunderts, das bild- und medientechnisch vielen der Reiseberichte Vernes zugrunde liegt. So erinnert die Beschreibung der Bahnfahrt direkt an die Form eines Panoramas, bei der wie auf einer Schriftrolle eine kontinuierliche Landschaft an den Zuschauern vorbeigespult wurde, unterlegt von dazugehörigen Erzählungen bzw. Erklärungen – eine Art von Panorama, die noch in der frühen Phase des Kinos genutzt wurde, um an Fahrzeugen wie der Bahn oder dem Auto vorüberziehende Landschaften zu simulieren: „Nach dem Mittagessen kehrten Mr. Fogg, Mrs. Aouda und ihre Begleiter, Fix und Passepartout, wieder in den Waggon zurück. Von ihren bequemen Plätzen aus sahen sie die vielfältige, abwechslungsreiche Landschaft vorbeiziehen,- weite Steppen, Gebirgssilhouetten am Horizont, schäumende Bergbäche.“ (ATW, Kap. 26, 210)

Die der Beschreibung von San Francisco zugrunde liegende Variante des Panorama ist das Cyclorama, welches eine 360º-Umsicht simuliert und, wie der Blick Passepartouts, einen Überblick von einem erhöhten, übersichtlichen Standpunkt aus gibt, den man einnimmt, um sich dann in einer 360º-Drehung ein Gesamtbild zu schaffen; einen Überblick aus dem Blickpunkt des Leibniz’schen Gottes. Von Passepartouts erhöhtem Blickpunkt aus ist San Francisco als eine Mischung aus Topographie und Bewegung lesbar. Auf der einen Seite gibt es die festen Gebäude, dann aber auch die Straßen mit ihrer Dynamik. Passepartout beschreibt nicht nur eine durch die Energie des Kommerz angetriebene Stadt, sein Blick selbst ist ein kommerzieller – so sucht sich sein Auge die Architektur der Wirtschaft und fokussiert die Bewegungsapparaturen: „Von seinem erhöhten Sitz aus beäugte Passepartout voller Neugier die große amerikanische Stadt: breite Straßen, niedrige Häuser in langen, sauberen Reihen, katholische und evangelische Kirchen im angelsächsisch-neugotischen Stil, riesige Docks, Warenlager wie Paläste” (ATW, Kap. 25, 196-198) aber auch „zahllose Droschken, Omnibusse und Straßenbahnen“ (ATW, Kap. 25, 198).

Stadtplanerisch ist San Francisco erkennbar als eine der vielen von Längen- und Breitengraden gerasterten amerikanischen Städte. Dies kann man von dem Aussichtspunkt Passepartouts sehr gut erkennen; es handelt sich um ein: „Labyrinth von Straßen und Avenuen, die sich alle im rechten Winkel schnitten; dazwischen lagen grüne Parks […].“ (ATW, Kap. 25, 198) Auch später findet sich diese Rasterung wieder, z.B. in Salt Lake City, wobei Verne hier ironisch auf die puritanische Ordnungswut anspielt; eine moralisierende Weltsicht, die sogar Sünde und Exzess rastert:

[…] diese durch und durch amerikanische Stadt […], die nach dem gleichen Muster erbaut war wie auch alle anderen Städte der Unionsstaaten: ein riesiges Schachbrett mit langen, kalten Straßen, erfüllt von „der düsteren Tristesse der rechten Winkel“, wie Victor Hugo bemerkte. […] In diesem sonderbaren Land, dessen Menschen sich ganz gewiss nicht auf der Höhe seiner Institutionen befinden, folgt alles einer gewissen Geradlinigkeit – die Städte, die Häuser und die Torheiten. (ATW, Kap. 27, 220)

Es ist diese topographische Rasterung, welche die Ausrichtung von Straßen nach Himmelsrichtungen erlaubt, die bis heute die Orientierung in Amerika erleichtern.

Man kann sowohl diese Rasterung der Stadt als auch den Blick Passepartouts sehr genau anhand von zwei Panoramen von San Francisco rekonstruieren, die der Photograph Edweard Muybridge für Mrs. Leland Stanford 1877 bzw. 1878 erstellt hat. Nur fünf bzw. sechs Jahre nach der Veröffentlichung des Romans bieten diese photographischen Panoramen eine analoge visuelle Darstellung von Passepartouts Beschreibung; jedoch ohne die Dynamik (vgl. Falconer 1978 und Harris 1993).

Sowohl die Bilder als auch Passepartouts Beschreibung zeigen eine Stadt, die sich historisch gesehen zum Zeitpunkt von Foggs Besuch von einer grenzen- und gesetzlosen Entrepreneursortschaft zu einem geregelten, geordneten und ausbalancierten Wirtschaftsstandpunkt entwickelt hat. Sie folgt nicht mehr der unberechenbaren Logik und der reinen Habgier der Goldsucher, die sich seit 1849 nach Kalifornien ergießen; eine gesetzlose und gewalttätige Welt, die Mark Twain, schwankend zwischen Faszination und Groteske, in seinem autobiographischen Text Roughing It beschrieben hat. Wie Verne anmerkt: „Passepartout war ziemlich überrascht. Er hatte immer noch das Bild der legendären Goldgräberstadt von 1849 vor Augen, in der es von Banditen, Brandstiftern und Mördern, angelockt von den goldenen Nuggets, nur so wimmelte. Ein riesiger Tummelplatz von Deklassierten, die um den Goldstaub spielten, in der einen Hand den Colt, in der anderen das Messer. Aber diese ‚gute alte Zeit‘ war längst vorbei. San Francisco hatte sich zu einer gigantischen Handelsstadt entwickelt.“ (ATW, Kap. 25, 198)

Dennoch war der Silber- bzw. Goldrausch ein entscheidender Faktor für den Reichtum der Stadt und für ihr stetiges Wachstum: So stieg in den 30 Jahren zwischen Januar 1848 – dem Zeitpunkt, an dem bei Sutter’s Mill Gold gefunden wurde – und 1878 die Einwohnerzahl der Stadt von 1000 auf 200.000:

Due to the gold rush, California was an incredibly wealthy state with a gleaming capitalist future ahead of it. However, as a state it was also extremely new and attempting to establish its identity, only having been taken from Mexico in 1846. Photographs reflecting the most positive and victorious aspects of modern capitalist life such as wealth, industry, international trade and modern transport – as well as highly visible military and governmental security – would reflect, and might even help consolidate California’s embryonic identity of capitalist industrialisation and urban growth. (Kingston Museum o.J.)

Dieses Emporium unterliegt allgemeinen Wirtschaftsfaktoren, aber auch den Finanzpiraten, wie sie wiederum Norris beschrieben hat. Die Börse hat die Funktion des Goldsuchens übernommen. Nun sind es jedoch white collar criminals, d.h. Finanzverbrecher, und nicht mehr outlaws.

Die wirtschaftliche Vormachtstellung der Stadt ist zu großem Teil ihrem vielseitigen Verkehrsanschluss geschuldet, insbesondere durch Schifffahrt und Eisenbahn, aber dann auch ihrer äußerst günstigen geopolitischen Lage: „Hier lagen Clipper in allen Größen vor Anker, Passagierschiffe aus aller Herren Länder und die mehrstöckigen Dampfer, die den Sacramento und seine Nebenflüsse befahren. Hier lagerten auch all die Waren jenes ausgedehnten Handels, der sich bis nach Mexiko, Peru, Chile, Brasilien, Europa, Asien und zu sämtlichen Inseln des Pazifischen Ozeans erstreckt.“ (ATW, Kap. 25, 196) Auffällig ist schon zu diesem Zeitpunkt die pazifische Ausrichtung, die sich architektonisch im Chinesenviertel niedergeschlagen hat. Schon früh zeigt sich, dass die frontier nun in den Pazifischen Raum weitergeführt wird. Dies ist einerseits dem Eisenbahnbau geschuldet, bei dem insbesondere Chinesen als Arbeiter tätig waren, andererseits der heute wiederum als Pacific Rim erneut wichtig gewordenen Handelsrichtung, weg von Europa und hin zu den asiatischen Ländern: „ein Chinesenviertel, das aussah, als habe man es in einer Spielzeugkiste aus dem Reich der Mitte hierher transportiert. Keine Sombreros, keine roten Goldgräberhemden, keine federgeschmückten Indianer mehr, stattdessen Scharen von Gentlemen im schwarzen Anzug und Zylinder, die hektisch ihren Geschäften nachgingen.“ (ATW, Kap. 25, 198)

Insgesamt ist Vernes San Francisco um 1870 ein globaler Knotenpunkt, der sich sowohl ins Innere als auch nach Außen mit den anderen Ländern vernetzt: „auf den Trottoirs drängten sich nicht nur Amerikaner und Europäer, sondern auch Chinesen und Inder“ (ATW, Kap. 25, 198) und es gibt Kellner mit „wunderschöner schwarzer Hautfarbe“ (ATW, Kap. 25, 199). San Francisco ist eine Großstadt europäischen Formats, die den Vergleich mit den alten Metropolen nicht scheuen muß: „Manche Straßen – zum Beispiel die Montgomery Street, die hiesige Regent Street, der Boulevard des Italiens oder der Broadway – wurden von prächtigen Geschäften gesäumt, deren Schaufenster Waren aus aller Welt präsentierten.“ (ATW, Kap. 25, 198)