XXXV: Die Fluten von San Francisco

von Moritz Gleich
Geoindex: San Francisco
zu Kapitel XXV des Romans (französisch/deutsch)

Unter den zahlreichen Schwierigkeiten ihrer Reise stoßen Phileas Fogg und seine Begleiter in den Straßen von San Francisco auf ein Hindernis, das in seiner Natur nicht ohne Weiteres zu bestimmen ist. Das „geradezu unglaubliche Getümmel“ (ATW, Kap. 25, 199), das sie am 63. Tag ihrer Weltumrundung von ihrem Weg auf das örtliche Konsulat abbringt, fällt weder eindeutig in die Kategorie der Unwägbarkeiten des Wetters, der Landschaft und der Meere noch in diejenige menschlicher Versäumnisse, Intrigen oder Angriffe. Zwar sind es einzelne Personen, die sich als Anhänger zweier ominöser Volksvertreter „auf den Trottoirs, mitten auf der Fahrbahn, auf den Straßenbahnschienen“ (ATW, Kap. 25, 199f.) der zentralen Montgomery Street drängen, der Modus ihrer gemeinsamen Erscheinung jedoch ist vielmehr der eines Naturereignisses.

Das plötzliche Auftreten der „Menschenmassen“, die „aus allen Richtungen herbeiström[en]“, zwingt Phileas Fogg, Mrs. Aouda und den unvermeidlichen Inspektor Fix, sich auf den obersten Absatz einer Treppe zu flüchten. Von dieser Terrasse, oberhalb der Hauptstraße gelegen, beobachten sie die „leidenschaftliche Erregung, die von der ganzen Stadt Besitz ergriffen“ hat. Die Ansammlung der Menschen bleibt jedoch nicht auf die Fläche der Straße beschränkt und bedroht bald auch ihre vermeintlich sichere Überblicksposition: In eine gemeinsame „heftige Bewegung“ geraten, bildet die Menge „die schäumende Oberfläche des Meeres, die ein prasselnder Regenschauer aufwühlt“. Sie „wogt hin und her“, steuert in „Wellenbewegung“ auf die Treppe zu, „schwappt über die untersten Stufen“ und schlägt schließlich „über ihnen zusammen“. Die drei Beobachter verschwinden in den Fluten von San Francisco, „tauch[en] wieder auf“ und entkommen zuletzt, „mit zerrissenen Kleidern, aber nicht ernstlich verletzt“ (ATW, Kap. 25, 200ff), den Turbulenzen der Menge.

Was Jules Verne in dieser Schilderung San Franciscos am Tag eines meetings aufgreift, ist eine spätestens seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts wohl etablierte Metaphorik: die Beschreibung der Menschenmenge und ihrer Bewegung in Termini des Martitimen und Flüssigen. Diese Form der übertragenen Rede lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen, wo sie – wenn Demosthenes das Volk eine Woge nennt, die vom Zufall bewegt wird oder Cicero die entfesselte Masse auf dem Marsfeld mit einem tosenden Meer vergleicht – sowohl als politische Metapher wie als einfaches Beschreibungsmuster Verwendung findet (vgl. Peil 1983, 744f.). Ihre entscheidende Ausprägung und Konsolidierung aber erfährt die Rede von der flüssigen Menge erst knapp hundert Jahre, bevor Verne die Szene in der Montgomery Street entwirft, mit dem Ereignis der Französischen Revolution. Zeitgenössische Beobachter versuchen damals die neuartige Qualität und das perzeptiv Unüberschaubare der revolutionären Menge in Vergleichen mit plötzlichen meteorologischen Erscheinungen und elementaren Naturgewalten wie Gewittern, Orkanen, Überschwemmungen und Vulkanausbrüchen zu beschreiben. In zahllosen Berichten werden die Wirkmächtigkeit der Masse, ihr plötzliches Anwachsen und ihre gemeinsame Bewegung in den Straßen der Stadt in detaillierte Bilder gewaltiger Wogen, Fluten und Ströme gefasst und als eine Kraft hypostasiert, die in ihrer Naturwüchsigkeit jeder menschlichen Kontrolle entzogen ist (vgl. Jäger 1971, 83). Die Revolution von 1789 prägt in ihren Diskursivierungen so einen Topos der Menschenmenge als amorphes, unfassbares und unberechenbares Fluidum. Eine Folge ist, dass seit dem Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur kaum ein Tatsachenbericht, sondern auch kaum ein fiktiver Text ohne das Bildinventar des Aquatischen auskommt, will er von der aufrührerischen oder auch nur der großstädtischen Menge sprechen. Poetische Schilderungen flüssiger Mengen finden sich in den großen Erzählungen Gustave Flauberts, Edgar Allan Poes, Émile Zolas, E.T.A. Hoffmanns und zahlloser anderer Autoren.

Aus der Perspektive einer pragmatischen Metapherntheorie ist in dieser übertragenen Rede und ihrer Virulenz seit 1800 nicht nur rhetorischer Schmuck oder eine sprachbildliche Mode zu sehen, sondern vielmehr auch die nachhaltige Resistenz eines Sachverhalts gegen seine Auflösung in Begrifflichkeit. Die Metaphorik der flutenden Massen ist folglich nicht das zierende Beiwerk eines von ihr unabhängigen Schreibens der Menschenmenge, sondern liefert überhaupt erst eine überzeugende Möglichkeit, positive Aussagen über ein Phänomen zu treffen, das sonst in Erscheinung, Ausdehnung und Vielfältigkeit die Begriffsbildung unterläuft. Die Rede von den strömenden, wogenden und strudelnden Mengen macht, mit anderen Worten, etwas gar nicht anders als übertragen Einholbares vertretend vorstellig, indem sie den Seinsbereich der Masse mit dem Bildbereich der Flüsse, Meere und Gewässer in Interaktion setzt (vgl. Blumenberg 1998, 7-13).

Diesem Ansatz entsprechend kann man eine sich über das 19. Jahrhundert hinweg in steter rückwärtiger Verbindung zur Lebenswelt vollziehende Ausdifferenzierung und Verfeinerung der Metaphorik des Menschenstroms konstatieren, die ganz entscheidend auch deren sukzessive Erweiterung von negativen auf positive Bedeutungszusammenhänge beinhaltet. Diese metaphorologische These verhandelt bereits das Grimmsche Wörterbuch, wenn es unter dem Lemma „Strom“ schreibt: „im 19. jahrh. aber wird durch den technischen fortschritt das gefährliche der reiszenden strömung stark gemildert. daher büszt der strom das furchterregende ein: die thatsache seiner wahrnehmbaren strömung kann objektiv beobachtet werden“ (Tschirch 1942, 9). Eine allgemeine Flussregulierung, die Beseitigung von Schnellen und Untiefen und ein verbesserter Deichbau nehmen dem Strom seine den Menschen bedrohende Naturgewalt und präfigurieren so das Aufkommen gemäßigterer Schilderungen fließender Bewegungen – seien sie eigentlicher oder uneigentlicher Natur. Eines der ausführlichsten und zugleich bekanntesten Beispiele hierfür liefert Victor Hugo in Notre-Dame de Paris (1831), wenn er den Anblick eines „Menschenmeeres“ beschreibt, das sich am Tag des Narrenfestes aus mehreren Straßen auf den Platz vor dem Justizpalast „ergießt“, über diesen hinweg „wogt“ und sich an dessen Häuserecken „bricht“. Wie später bei Verne, gipfelt Hugos Schilderung im Zusammentreffen dieser Fluten mit den Stufen einer Treppe:

Die große Treppe in der Mitte der hohen gotischen Fassade des Palastes, auf der ein doppelter Strom unaufhörlich hinauf und hinunter zog und, nachdem er am Treppenabsatz gebrandet, sich in großen Wogen über ihre beiden seitlichen Abhänge ergoß, diese große Treppe also rieselte unaufhörlich in den Platz hinunter, gleich einem Wasserfall in einen See. (Hugo 1990, 9)

Von diesem fast pittoresken Bild ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der affirmativen Weise, in der Stadtplaner, Architekten und Ingenieure um die Mitte des 19. Jahrhunderts beginnen, vom Fließen der Menge zu sprechen. Bei ihnen wird der Menschenstrom zum verkehrstechnischen Ideal, zum Bild einer organisierten und organisierbaren Menschenbewegung, die zu induzieren sie neue Räume und Architekturen von Türen bis hin zu Verkehrsnetzen entwickeln (vgl. Gleich 2010). Die flüssige Massenmetaphorik erlangt damit ein Bedeutungsspektrum, das von katastrophischen bis hin zu projektierten Erscheinungen reicht, sie strukturiert literarische Diskurse ebenso wie wissenschaftliche. Gemeinsamer Bezugspunkt bleibt der Bildspendebereich des Wassers – und damit der jeweilige Stand eines Wissens vom Flüssigen. Im selben Jahr, in dem Verne In 80 Tagen um die Welt veröffentlicht und die Topographie San Franciscos mit einer Flut von Demonstranten anfüllt, affiziert dieser diskursive Zusammenhang auch die vermutlich erste methodische Beschreibung der Menschenmenge als hydrologisches System. In einem Vortrag über die kinetische Gastheorie setzt der Physiker James Clerk Maxwell die Eigenschaften von flüssigen Körpern und Menschenansammlungen in unmittelbaren Vergleich:

Hence in a liquid the diffusion of motion from one molecule to another takes place much more rapidly than the diffusion of the molecules themselves, for the same reason that it is more expeditious in a dense crowd to pass on a letter from hand to hand than to give it to a special messenger to work his way through the crowd. (Maxwell 1986, 147)

Nach dieser Analogie verhalten sich Menschenmengen in gleicher Weise als entropisch ‚stabiles‘ System wie Flüssigkeiten: Im Zustand dichten physischen Kontakts geben Moleküle wie Menschen Energie bzw. Informationen schneller über gegenseitige Begegnungen als über eigene Bewegungen weiter. Damit erweitert Maxwell nicht nur die Rede vom Menschenstrom in die eines Gegenstands, der durch ein molekulares Verhältnis von Einzelelement und Zusammenschluss bestimmt ist, sondern legt zugleich auch die mathematische Grundlage für eine Beschreibung der Menschenmenge im Zeichen der Fluiddynamik.

Wenn in In 80 Tagen die flüssige Menge als chaotische Flut und damit als ein Element der Störung auftritt, so stehen an anderen Stellen von Vernes Werk Schilderungen, die auch differenziertere Bilder eines Strömens der Menge einsetzen (z.B. in New York in Eine schwimmende Stadt, Verne 1984, 133). Eine sehr frühe Beschreibung kann, indem sie die Metapher vom Menschenstrom selbst zum Gegenstand hat, dabei als ein Schlüssel der späteren dienen. In Vernes autobiographischen und zu Lebzeiten unveröffentlichten Erstlingsroman Reise mit Hindernissen nach England und Schottland (1859) findet sich eine Darstellung der Masse im Bahnhof von Edinburgh, die in ihrer Ähnlichkeit zu den Abläufen in der Montgomery Street zunächst als deren unpolitische Vorlage hervorsticht: „Ein Menschengewimmel wogte auf der Steintreppe, die zum Abfahrtsbahnsteig führte“, heißt es dort „– man hätte meinen können, ein schäumender Sturzbach, der unterschiedlichst geformte Köpfe dahinwälzt.“ Darüber hinaus offenbart die Szene ein reflexives Wissen, das ebenso die Erkenntnis des Autors Verne von einer Unhintergehbarkeit der Metaphorik des Flüssigen in Massenbeschreibungen beinhaltet, wie die Erfahrung des Reisenden Verne, in den Transitzonen der modernen Verkehrsnetze – auch jenseits literarischer Narrative – Teil eines organisierten Menschenstroms werden zu können:

„Das ist die Kaskade von Inversnaid, nur etwas lauter, mein lieber Jonathan,“ ruft Vernes alter ego Jacques Lavaret seinem Kompagnon inmitten des Stroms auf der Treppe der Edinburgher Waverly Station zu, „aber wir sollten besser nicht scherzen, denn wir sind zwei Wassertropfen in diesem Wildbach!“ (Verne 1997, 181)