XLI: Ekstatische Konnektivität. Auf dem Segelschlitten

von Jörg Dünne
Geoindex: von Fort Kearney bis Omaha
zu Kapitel XXXII des Romans (französisch/deutsch)

Nach der Rettung Passepartouts aus den Händen der Sioux-Indianer haben Phileas Fogg und seine Reisegruppe, wie ihm das zu Beginn des 31. Kapitel von Fix ausführlich vorgerechnet wird, ihren Zug verpasst und 20 Stunden Verspätung im Verhältnis zu den vorgesehenen Zugzeiten (ATW, Kap. 31, 254). Da der Zug normalerweise 12 Stunden vor Abfahrt des Dampfers in New York angekommen wäre, müssen sie noch 8 Stunden aufholen, um das Schiff zu erreichen; möglich ist dies nur, wenn der versäumte Streckenabschnitt zwischen Fort Kearn[e]y und Omaha, von wo aus es weitere Züge nach New York geben soll, anders und vor allem schneller als mit der Bahn überbrückt wird. Es ist nicht das erste und nicht das einzige Mal auf der Reise, dass Fogg aus der lückenlosen „Konnektivität“ des Weltverkehrs (vgl. Krajewski 2006, 29-32) herausfällt: Bereits in Indien ersetzt der Elefant (Kap. 11-14) die Eisenbahn, und auf der Strecke von Hong Kong nach Shanghai ersetzt das Segelboot „Tankadère“ das Dampfschiff (vgl. Kap. 20f).

Sowohl Dampfschiff als auch Eisenbahn sind paradigmatisch für Vernes Verwurzelung im thermodynamischen Zeitalter und seinem auf Verbrennung fossiler Brennstoffe beruhenden „kinetischen Expressionismus“ (vgl. Sloterdijk 2009). Bemerkenswert ist jedoch, dass immer da, wo der Linienverkehr von Dampfschiff und Eisenbahn mit seiner thermodynamischen Beschleunigungsdynamik (vgl. ATW, Kap. 28, 231: „Die Geschwindigkeit siegte über die Schwerkraft.“) ausfällt, eine andere Form der Bewegung ins Spiel kommt: Als Supplement der Eisenbahn bei der Bewegung zu Land tritt bei Verne zumeist die menschliche oder tierische Muskelkraft ein. Beispiele dafür finden sich nicht nur in In 80 Tagen um die Welt, sondern auch dem ganz in den USA spielenden Roman Le testament d’un excentrique, der von seiner Anlage her als Variation der Spielidee des In 80 Tagen um die Welt gelten kann – vgl. z.B. die Radfahrt des Reporters Harris T. Kymbale auf einer „triplette“, einem Dreier-Tandem, von Tenino nach Olympia (!) im State of Washington (Verne 1971, 351-354). Zur See ersetzt dagegen in der Regel das Segelschiff die Fahrt mit dem Dampfschiff. Verkehrsgeschichtlich sind es also die ‚älteren‘ bzw. ‚einfacheren‘ Fortbewegungsmittel, die zu einem Rückzugsgefecht gegen das Zeitalter der Thermodynamik anzutreten scheinen. Doch eine solche technikgeschichtliche Teleologie würde der Funktion der Verkehrsmittel in den „Voyages extraordinaires“ bei Verne nicht gerecht werden, zumal die Schlittenreise zwischen Fort Kearney und Omaha in mehrerlei Hinsicht eine Besonderheit darstellt.

Im Hinblick auf die Frage nach dem narrativen Sujet des gesamten Romans liegt das, was an der Reise erzählerisch interessant ist, nicht schon in der fahrplanmäßigen Erfüllung des Reiseroute beschlossen. Für Reisen im Zeiten des Kursbuchs reicht es zur Erzeugung von Sujets generell nicht mehr aus, die sujetlose Karte im Hinblick auf einen bestimmten parcours zu aktualisieren (im Sinn von Lotman 1989, 340f), denn wo Fahrpläne selbst schon Teil einer kulturellen Ordnung werden, ist deren Erfüllung nicht mehr im strengen Sinn ereignishaft (bzw. wenn dies der Fall wäre, dann könnte man tatsächlich aus dem Kursbuch alle Romane der Welt generieren). Erst der Spielrahmen der Wette macht aus der Fahrplanerfüllung ein narratives Sujet im engeren Sinn; das pünktliche Erreichen des Ziels erscheint durch sie nicht einfach als Norm, sondern als Herausforderung, deren tatsächliche Umsetzbarkeit es erst noch zu prüfen gilt. Doch selbst auf dieser Grundlage lässt sich über 37 Romankapitel hinweg kaum narrative Spannung erzeugen. Deswegen sollen die ‚romanesken‘ Ereignisse wie Stürme, Entführungen, Duelle etc., die der langen Tradition der Reiseliteratur vom Abenteuerroman über Schiffbruchberichte bis zu den captivity narratives entnommen sind, den Leser über die Konstitution episodischer, theatralisch inszenierter Ereignisse bei der Stange halten. Dabei spielen aber gerade diese Ereignisse normalerweise gegen die Erfüllung der Wette, d.h. es gibt eine Spannung von ‚Reise-Syntagma‘ und ‚Abenteuer-Paradigma‘, die Phileas Fogg wiederholt vor eine Entscheidung zu stellen scheint: Er kann entweder seine künftige Frau Aouda bzw. seinen Diener Passepartout retten oder rechtzeitig nach London kommen, aber nicht beides zugleich. Die Segelschlitten-Episode steht quer zu dieser Logik, und genau das macht sie so aufschlussreich: Sie ist ereignishaft dadurch, dass sie auf spektakuläre Weise die Erfüllung des Fahrplans garantiert, in ihr wird in den „Voyages extraordinaires“ Reisen und Abenteuer erleben kurzgeschlossen: zwischen Fort Kearney und Omaha reist die Gruppe um Phileas Fogg nicht nur, um Außergewöhnliches zu erleben, sondern sie reist selbst auf außergewöhnliche Art und Weise.

Das Außergewöhnlichste an der Schlittenfahrt durch Nebraska ist nicht etwa die Erfindung des Segelschlittens durch Jules Verne, der im 19. Jahrhundert durchaus bereits existiert – wie Michel Serres bemerkt hat, erfindet Jules Verne nichts im Sinn der science-fiction, sondern versammelt in seinen Romanen z.T. längst bekannte Erfindungen (vgl. Serres 1974, 13f). So berichtet etwa die New York Times von der langen Geschichte des seit 1861 existierenden „Ice Yacht Club“ von Poughkeepsie und der Tradition des Clubs, Wettfahrten mit Eisenbahnen entlang des Hudson River auszutragen:

No railroad train can keep up with an ice yacht when the conditions are favorable. In the Winter time the trains on both the Hudson River and the West Shore roads are frequently raced by ice boats, whose owners lie in wait at intervals from Carthage landing north, and shout with glee when they glide past the steel machines propelled by steem. It is a singular but undisputed fact that ice boats sail faster than the wind, otherwise they could not gain the tremendous speed of a mile in 40 or 50 seconds. (Anon. 1896, o.S.)

Der Schlitten, dessen Bau bei Verne ausführlich beschrieben wird (ATW, Kap. 31, 255), scheint nach dem Vorbild dieser ice boats konzipiert zu sein. Bemerkenswert ist aber vor allem, wie der Eisschlitten eingesetzt wird und in welchem Maß Verne die „Great Plains“ des Mittleren Westens dem offenen Meer anverwandelt und damit die verschneite Ebene zwischen Kearney und Omaha zum Paradigma eines „glatten Raums“ (vgl. Deleuze/Guattari 1980, 592-625) macht. Auf diese Fläche kann von dem dahingleitenden Schlitten eine Spur gelegt werden, die, anders als der Zug, keinerlei geophysischen Zwängen der Anpassung ans Gelände mehr unterliegt:

Die beiden riesigen Segel wurden gehisst, und dann raste das Gefährt mit einer Geschwindigkeit von 40 Meilen pro Stunde über die gefrorene Schneedecke. Die Entfernung zwischen Kearney und Omaha beträgt höchstens 200 Meilen Luftlinie […]. Hielt sich der Wind, dann konnte man diese Strecke in 5 Stunden schaffen. (ATW, Kap. 31, 256)

Die Verkürzung der Reiseroute durch den glatten Raum der schneebedeckten Ebene wird mathematisch als das Verhältnis einer Kreissehne zum Kreisbogen beschrieben („Der Schlitten jedoch nahm eine Abkürzung und folgte der Sehne des Bogens […]“, ATW, Kap. 31, 258) – wobei der Erzähler nicht vergisst hervorzuheben, dass die auf einer Karte der Region beobachteten topographischen Hindernisse, die dem Schlitten im Weg stünden, in Wahrheit gar keine seien. So kann umstandslos das „uranologische“ Ideal der Reise Foggs auf einer geraden Bahn auf die Erdoberfläche projiziert werden, die in verschneitem Zustand diesem Vorhaben sogar noch weniger Widerstand entgegensetzt als das Wasser.

Bemerkenswerterweise wird diese direkteste aller möglichen Reiserouten mit ihrer fast perfekten West-Ost-Orientierung nicht thermodynamisch erzwungen, sondern wird den Reisenden mit Unterstützung der regenerativen „meteorologischen“ Kraft des Windes als eine – nicht zuletzt auch erotische, den Reisenden die Sprache verschlagende (vgl. ATW, Kap. 31, 256) – jouissance des Gleitens zuteil. Dass das Gleiten tatsächlich als ein ekstatischer Moment der Verschmelzung konzipiert ist, wird auch darin deutlich, dass der Segelschlitten nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern auch eine der zahlreichen Musik-Maschinen (vgl. Raymond 1983) im Werk von Jules Verne ist: Die Taue, die den Mast halten, beginnen nämlich bei Reisegeschwindigkeit des Schlittens im Wind zu singen, als wären sie Saiten, die von einem unsichtbaren Geigenbogen gestrichen würden – die bereits erwähnte mathematische Figur, die der Schlitten als Kreissehne, gleichzeitig aber auch als klingende Saite (corde) im Verhältnis zu einem Kreisbogen (arc) in den Schnee zeichnet, verweist gleichzeitig auf den Schlitten als Instrument zur Erzeugung von ‚Sphärenmusik‘: Wie Fogg als Musikkenner bemerkt, sind die beiden Taue auf Quint und Oktav gestimmt (ATW, Kap. 31, 258). In der pythagoreischen Kosmologie, die in der Frühen Neuzeit etwa bei Johannes Kepler und Athanasius Kircher fortwirkt, sind die Oktav und die Quint, bei denen eine Saite im Verhältnis 2:1 bzw. 3:2 geteilt wird, die harmonischsten Klänge überhaupt – sie sind Ausdruck der Sphärenharmonie der makrokosmischen Ordnung (vgl. Spitzer 1963).

In der Episode des Segelschlittens, so kann festgehalten werden, inszeniert Verne die Ekstase einer erotischen Einswerdung zwischen Fahrzeug und Passagieren in einem Moment des schwerelosen Gleitens; diese Verschmelzungsphantasie setzt sich, wie dies in den schwingenden Drahtseilen des Schiffsmastes buchstäblich ‚anklingt‘, fort in einer harmonischen Analogie zwischen Mikro- und Makrokosmos jenseits thermodynamischer Naturbemächtigung. Diese kosmische Harmonie ist aber – und hiermit gilt es abschließend wiederum zum Ausgangspunkt der Frage nach den Weltnetzwerken zurückzukommen – im Kontext der Technik- und Mediengeschichte, in dem der Roman steht, nicht losgelöst von der Reisebewegung als außergewöhnliches Abenteuer an einem bestimmten Ort zu betrachten: Sie ist eine Ekstase der Konnektivität. Somit inszeniert Verne möglicherweise die geheimen Phantasien des Funktionierens von Weltnetzwerken im ausgehenden 19. Jahrhundert: Im Rahmen seiner kosmischen Harmonielehre schafft er eine reibungslose Hyper-Konnektivität in Bezug auf die Verkehrsmittel seiner Zeit. Anders ausgedrückt: In 80 Tagen um die Welt lässt deutlich werden, dass die unvermeidbaren Brüche in den Netzen des Weltverkehrs mit besonderen Gleitmitteln ekstatischer, müheloser Bewegung kurzgeschlossen werden wollen und dass sich erst dank dieser techno-phantastischen Kurzschlüsse ‚Welt‘ überhaupt zu einer Gesamtheit schließt.