IX: Thugs – Die Würger

von Bernd-Stefan Grewe
Geoindex: Malagaon

zu Kapitel XI des Romans (französisch/deutsch)

Auf ihrer Eisenbahnreise über den indischen Dekkan durchqueren Phileas Fogg und Passepartout das Gebiet der ehemaligen Marathenföderation, die dem Eroberungsdrang der britischen Ostindienkompagnie in drei Kriegen bis 1818 erbitterten Widerstand geleistet hatte (im Gebiet der heutigen Bundestaaten Maharashtra und Madhya Pradesh). Passepartout kommt aus dem Staunen nicht heraus, mit seinen Augen nimmt man wahr, wie an den Zugfenstern gewissermaßen die gesamte exotische Welt Indiens vorbeizieht: Auf Plantagen, wo Kaffee, Muskatnüsse, Gewürznelken und roter Pfeffer angebaut werden, folgen bewundernswerte Tempel und Klosteranlagen und danach ein von Schlangen und Tigern belebter, undurchdringlicher Dschungel. Hier reiht Verne wesentliche Stereotype des europäischen Orientalismus aneinander – exotische Gewürze, architektonische Kunst und die Wildheit des Dschungels –, dann folgt die von Europäern wahrgenommene orientalische Grausamkeit: Nach einem kurzen Halt in „Malligaum“ (Malagaon) gelangen die Reisenden in eine Gegend mit blutiger Vergangenheit, weil diese von den Sektenanhängern der Göttin Kali heimgesucht worden sei. In dieser Gegend habe „Feringhea“, der König der Würger, seine Herrschaft ausgeübt (ATW, Kap. 11, 70).

Diese so genannten „Würger“ galten als eine besonders gefährliche organisierte Räuberbande, die rituelle Morde zu Ehren der Göttin Kali begingen. Während man im Französischen im 19. Jahrhundert noch von den „étrangleurssprach, hat sich inzwischen die Bezeichnung „Thugs“ in den meisten Sprachen durchgesetzt (Brockhaus Bd. 14 (1868): 545) Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Hindi – „thag“ bedeutet Dieb (bzw. das Verb „thugna“ – täuschen), – und wurde in seiner englischen Schreibweise in die Alltagssprache übernommen.

Unter dem Namen „Thugs“ war diese Gruppe wandernder Straßenräuber und Mörder im 19. Jahrhundert weit über Indien hinaus bekannt. Die Thugs gaben sich als Bettler, Kaufleute oder Gaukler aus und begleiteten andere Reisende oft über mehrere Tage, um sie dann nachts mit Seidenschals oder Schlingen zu erdrosseln. Dabei achteten sie darauf, dass keiner der Mitreisenden entkam, und verscharrten die Opfer oft unter den Feuerstellen. Bis in die 1830er Jahre verschwanden immer wieder einzelne Reisende, mitunter aber auch ganze Karawanen spurlos. Auf Grund der eingeschränkten Kommunikationsmittel wurde ihr Ausbleiben oft erst nach Wochen bemerkt und die Recherchen nach ihrem Verbleiben verliefen häufig ins Leere. Die Thugs hinterließen nur sehr wenige Spuren und ermordeten nur Fernreisende und keine Opfer aus der Umgegend, die man früher vermisst und gesucht hätte.

Für die britische Ostindienkompagnie war diese Form organisierter Räuberei ein so ernsthaftes Problem, dass sie eine eigene zentralisierte Polizeieinheit schuf, das Thuggee and Dacoity Department (dacoity – anglisiert aus Hindustani dakaitī für bewaffneten Raub) unter der Leitung des Offiziers Wiliam Henry Sleeman (1788-1856).

Die britischen Polizeibehörden sahen in den Thugs eine religiöse Bruderschaft, die die auch von Verne erwähnte Göttin Kali verehrte. Kali ist die Göttin des Todes und der Zerstörung, ihr werden aber auch schützende Funktionen zugeschrieben. Der bekannteste Kali-Mythos ist ihr Kampf gegen den Dämon Raktabija: Jedes Mal, wenn es Kali gelang, ihn mit ihrem Schwert zu verwunden und ein Bluttropfen oder abgeschlagenes Glied auf den Boden gelangte, erwuchs aus diesem ein neuer identischer Dämon, so dass Kali nichts anderes übrig blieb, als Raktabija das Blut auszusaugen und seine Klone zu verschlingen. Deshalb wird Kali mit roter Zunge dargestellt und galt sie den Europäern als eine blutrünstige Göttin. Als solche nach Blut lechzende Göttin taucht Kali als Statue in der Prozession zur Suttee (Sati) im folgenden Kapitel 12 wieder auf. Das Erwürgen als bevorzugte Mordtechnik konnte gut mit der Verehrung Kalis in Einklang gebracht werden, da beim Erwürgen kein Blut den Boden berührt. Sleeman und seine Zeitgenossen nahmen daher an, dass die Morde auch religiöse Motive hatten – widersprechende Äußerungen vernommener Thugs ignorierten sie (van Woerkens 2002).

Bis heute stützen sich die meisten Thuggee-Forschungen auf Sleemans Verhöre mit den verdächtigten Thugs. Die Art ihres Vorgehens, insbesondere die Tötung sämtlicher Mitglieder einer Reisegruppe, machte die polizeiliche Verfolgung und die Überführung der Mörder äußerst schwierig. Mangels Zeugen waren die Briten auf Informationen von Insidern angewiesen, um die Verbrecher zu ergreifen und rechtskräftig zu verurteilen. Erst als die Briten eine Kronzeugenregelung erließen und zum Informantenschutz spezielle Gefängnisse für aussagewillige Thugs errichteten, gelangen ihnen größere Erfolge. Weitere Faktoren, die dazu beitrugen, dass die Thugs in den 1830er und 1840er Jahren nahezu vollständig ausgeschaltet werden konnten, waren ein verbesserter Informationsfluss zwischen den einzelnen Verwaltungen und den formal noch unabhängigen Territorien, aber auch spezielle Gerichtshöfe, die den lokalen indischen Gerichtsherren die Zuständigkeit entzogen.

Sleeman lernte von einem Informanten den speziellen Jargon der Thugs und veröffentlichte ein Wörterbuch: Ramaseena, or a Vocabulary of the Peculiar Language Used by the Thugs (1836), das auch Ausschnitte aus Verhören mit Kronzeugen enthält. Einer der Thugs, die von der neuen Kronzeugenregel profitierten, war der erwähnte „Feringhea“, eigentlich „Feringeea“. An seinem Beispiel lässt sich die Rezeptionsgeschichte der Thuggee genauer nachzeichnen: In seiner Veröffentlichung gibt Sleeman in wörtlicher Rede (Sleeman 1836, 192-194) den Bericht des festgenommen Feringeea von einem Raubmord bei Malagow (Malagaon) wieder. Um seine Glaubwürdigkeit als Kronzeuge zu belegen, hatte ihn dieser zu den vergrabenen Leichen dutzender Mordopfer geführt (28-32). Sleemans nur in kleiner Auflage kursierendes Buch wurde im folgenden Jahr von Edward Thornton überarbeitet und in London herausgegeben. Illustrations of the History and Practices of the Thugs (1837) erreichte schnell ein breites Publikum und wurde für literarische Bearbeitungen ausgeschlachtet, schon 1839 folgte der Bestseller Confessions of a Thug von Philipp Meadows Taylor. Die Hauptfigur, der Antiheld Ameer Ali, wurde nach dem Vorbild Feringeeas gestaltet.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte dann der internationale Thuggee-Diskurs einen weiteren Höhepunkt: Reisende berichteten von angeblichen Begegnungen mit dem echten Ameer Ali; das Gefängnis mit den inhaftierten Thugs in Oudh (Audh) avancierte zu einer Touristenattraktion und den Besuchern der Londoner Weltausstellung 1851 wurde ein Thuggee als dreidimensionale Darstellung geboten, ähnliche Modelle fanden sich auch in der ethnologischen Ausstellung des British Museum (Fhlathúin 2004, 36). Auch in den gängigen deutsch- und französischsprachigen Konversationslexika fanden sich Einträge, die den Thuggee-Mythos detailliert schilderten. Der große Larousse bestätigte Vernes Bemerkung, dass der Thuggee-Kult in Indien noch immer praktiziert werde (1876). Zu seiner Verbreitung trug neben den Printmedien auch die literarische Verarbeitung des Feringeea bei, etwa durch Eugène Sues Feuilletonroman Le Juif errant (1844-45) (als Figur „Faranghea“), einem der größten französischen Publikumserfolge des Jahrhunderts. Die populäre Massenzeitung Le Petit Journal druckte eine Serie vom Prozess gegen „Feringhea, grand chef des Étrangleurs“ (ab 26. Aug. 1866). In ganzen Spalten und auf Mauerplakaten wurde die Artikelserie des Reiseschriftstellers René de Pont-Jest (1830-1904) schon vor ihrem Erscheinen beworben – ein Novum in der Geschichte dieser Zeitung. Wahrscheinlich hat sich Jules Verne hier inspirieren lassen, wofür gerade auch die identische Schreibweise „Feringhea“ spricht (Fhlathúin 2004, 31).

Die Maßnahmen, mit denen Sleeman seine Erfolge gegen die Thugs erzielte, waren auch innerhalb der britischen Verwaltung nicht unumstritten. Kritisiert wurde etwa, dass er die gesamte Familie Feringeeas in Sippenhaft genommen hatte. Nur deshalb ließ sich dieser von zwei Soldaten widerstandslos verhaften (Sleeman 1804, 67-68). Lakonisch bemerkte Feringeea: „Could I have felt secure that they would suffer none, I should not have been taken“ (Thornton 18 XX, 404-405).

Quellen aus nicht-britischer Herkunft existieren zu den Thugs nicht, so dass alle wissenschaftlichen Befunde sich nur auf einen begrenzten Quellenbestand stützen können. Dabei werden allerdings verschiedene Lesarten zu Grunde gelegt, was zu einer andauernden Forschungsdebatte geführt hat. Im Zentrum der wissenschaftlichen Kontroversen stand unter anderem die Frage, inwieweit es sich bei Thuggee um eine „koloniale Imagination“ handelte, die vor allem dazu diente, den Ausbau der Verwaltung und des Militärs zu rechtfertigen (van Woerkens 2002). Dass Sleeman und seine Mitstreiter ein persönliches Interesse an der Aufwertung des Problems Thuggee hatten, wird heute kaum mehr bestritten. Die historische Forschung ist sich heute darin einig, dass die Thugs romantisiert wurden und zahlreiche westliche Stereotypen über den Orient bedienten. In jedem Fall aber ließ sich mit dem Kampf gegen Thuggee, gegen die Witwenverbrennung und Kindsmord eine zivilisatorische Aufgabe der Briten in Indien proklamieren. Insofern leistete auch der Diskurs über Thuggee einen wesentlichen Beitrag zur Legitimation des britischen Kolonialismus. Allerdings erwecken einige kulturwissenschaftliche Publikationen den Eindruck, als sei das Phänomen nur ein in den 1830er Jahren entstandenes, hegemoniales britisches Konstrukt (Chatterjee 1998; Roy 1998). Demgegenüber hat Kim A. Wagner in seiner bahnbrechenden Arbeit nachgewiesen, dass Thuggee bereits im 17. Jahrhundert in einigen Regionen Nordindiens existierte und sich dann im frühen 19. Jahrhundert in andere Gegenden ausdehnte (vgl. Bayly 1996; Singha 1998). Wagner widerlegt überzeugend den Mythos Thuggee: So waren Thugs waren keine Sektenanhänger Kalis und Thuggee hatte auch keinen religiösen Charakter. Sprachwissenschaftliche Befunde zeigen vielmehr, dass es sich um eine bestimmte Form des Landstraßenraubes handelte, die sich vom Straßenraub (Dacoity) durch ihr geheimes Vorgehen, die systematische Täuschung und schließlich die obligatorische Ermordung der Opfer unterschied. Das Erwürgen war dabei keineswegs die einzige Mordmethode, die Thugs benutzten gleichermaßen auch Schwerter, Dolche oder Gift. In die lokale Ökonomie waren die Thugs ebenfalls eingebunden, sie entrichteten (Schutz-)Abgaben an lokale Herrschaften, man findet sie sogar auf zahlreichen Steuerlisten. In sozialer Hinsicht waren die Thugs auch keine Kaste, sondern waren Bestandteil eines größeren militärischen Arbeitsmarktes und dienten in verschiedenen Armeen. Feringeea berichtete beispielsweise, dass er mehrfach in britischen Diensten gestanden hatte. In Friedenszeiten und nach einer Demobilisierung konnte der Lebensunterhalt nicht länger durch militärische Dienste bestritten werden. Im Grunde setzten die Thugs ihre (typisch militärische) Ökonomie der Beutezüge fort. Dass die Hochphase der Thuggee gerade nach dem Ende der Marathenkriege begann, war deshalb mehr als nur ein zufälliges zeitliches Zusammentreffen.