II: Die Wette. “Une chose aussi sérieuse qu’un pari”

von Frauke Bode & Matei Chihaia
Geoindex: London, Pall Mall/Savile Row
zu Kapitel III des Romans (französisch/deutsch)

Die Wette im Zeitalter der technischen Programmierbarkeit

Unter den wenigen, geradezu abgezählten und unauffälligen Tätigkeiten des Phileas Fogg, der, wie es heißt, „[…] es als seine Pflicht zu betrachten schien, niemals durch irgendetwas aufzufallen.“ (ATW, Kap. 1, 5), erhält die Wette als Auslöser der Handlung besonderes Gewicht. Dabei ist diese Aktivität selbst nichts Ungewöhnliches und passt genau so gut wie das Lesen frischer Zeitungen in das Lokalkolorit eines vornehmen englischen Clubs. Das Wetten selbst wird in Europa im Lauf des 17. und 18. Jahrhunderts zu einer bevorzugten Beschäftigung von Männern aus höheren Gesellschaftsschichten (Reith 1999, 63). Dabei entfesselt der Gegenstand der Wette gerade in England einen Wettbewerb an Exzentrizität. Nicht die Wahrscheinlichkeit der Wette, sondern ihre Einmaligkeit scheint die Höhe des Einsatzes zu bestimmen. So überrascht es nicht, dass John Ashton 1898 eine Reihe von Herausforderungen verzeichnet, auf welche hohe Summen gesetzt wurden und die einer Weltreise „gegen die Uhr“ sehr ähnlich klingen. Ein junger Ire behauptet etwa, in einem Jahr nach Konstantinopel und zurück wandern zu können. Eine junge Dame setzte 200 Goldstücke darauf, dass sie 1000 Meilen in 1000 Stunden reiten könne – mit einem einzigen Pferd (Ashton 1898, 163 und 170). Das Geschehen im Reformclub von Vernes Roman knüpft insofern an eine alte Tradition an. Dabei handelt es sich, wie bei den genannten Beispielen, weniger um einen Wettstreit, als um einen einseitigen Kampf („Indessen hatte den exzentrischen Gentleman […] an dieser Wette sowieso nur die Herausforderung gereizt, nicht das Vermögen, das ihm winkte.“, ATW, Kap. 37, 298). Die „persönliche Leistung“ (Caillois 1960, 22) Foggs soll die Wettbehauptung bestätigen. Die Wettpartner halten, nach guter englischer Manier, eine Wette für eine höchst ernsthafte Angelegenheit, weshalb ein Wettvertrag aufgesetzt wird, Fogg Sicherheiten in Form eines gedeckten Schecks liefert und noch dazu auf Überprüfung seiner Reiseroute im Nachhinein besteht. Voraussetzung ist schließlich das „[…] Wort als Gentleman.“ (ATW, Kap. 4, 30), da Wettverträge seit dem Gaming Act von 1845 keinen Rechtsanspruch mehr bieten (Itzkowitz 2002, 123). Auch die Doppelung mit dem Whist-Spiel ist charakteristisch. Beides ist Ausdruck der ambivalenten Haltung, mit welcher die Oberschicht dem Geld gegenübersteht: Während im Wetten das treffende Urteil des Adligen durch den schieren Geldwert des Gewinns aufgewertet werden soll, drückt das Kartenspiel, in dem große Summen gesetzt werden, die Verachtung gegenüber der typisch bürgerlichen Liquidität aus (vgl. Reith 1999, 64).

Die erste Besonderheit von Foggs Projekt liegt vor diesem Hintergrund allerdings in der Beschleunigung, welche seine Reise durch die modernen Transportmedien erfährt. Insofern weist seine Wette schon über die soziale Funktion des exzentrischen Duells hinaus, in welchem ein funktionslos gewordener Adel mit Hilfe des bürgerlichen Zahlungsmittels Geld – eben dem Geld, das durch Wetten auf die richtige Ansicht gewonnen werden kann – den privilegierten Wert seiner Meinung zu bestätigen sucht (Reith 1999, 64). Fogg ist über diese Autoritätskrise bereits hinweggekommen: Obgleich höheren Standes („esq.“, Esquire, ATW, Kap. 1, 5), zieht er seine Distinktion nicht aus seiner Exzentrizität, sondern aus seinen modernen Kenntnissen im Ingenieurswesen. Die Herausforderung, eine menschliche Tätigkeit „gegen die Uhr“ vollziehen zu müssen, verwandelt sich damit in den Wettstreit eines Protagonisten, der selbst mit einem Chronometer vergleichbar ist und sich auf Wissenschaft und Technik beruft, gegen die Zeit (vgl. Stockhammer 2005, 140).

Aber die typisch moderne Exaktheit der Messung bietet auch Stoff zu romanesker Verwicklung, und dies ist die zweite Besonderheit dieser Wette. Spätestens seit Blaise Pascals Korrespondenz mit dem Chevalier de Méré ist die Theorie des Glücksspiels engstens mit der Mathematik verbunden (vgl. Reith 1999, 25). Trotz des englischen Lokalkolorits wird den französischen Lesern in der Wette Foggs die berühmte Wette Pascals vor Augen gestanden haben, den dieser in seinen Pensées (1670) formuliert, um Spielbegeisterte zum Glauben zu bekehren: Wird ein vernünftiger Mensch denn nicht sein Geld eher auf eine ewige Seligkeit als auf ein zweifelhaftes endliches Glück setzen? (Nr. 451, Pascal 1954, 1212). Diese ansetzende Mathematisierung der Wahrscheinlichkeit nimmt bis zum 19. Jahrhundert zu. In der Formulierung der von Ashton erfassten Wetten erscheint die zu vollziehende Aktion als Produkt einer arithmetischen Gleichung, in welche Größen wie Geschwindigkeit, Leistung, Entfernung u.ä. eingesetzt werden können (Reith 1999, 64). Für Fogg ist es selbstverständlich, dass er seine Wette „mit mathematischer Genauigkeit“ (ATW, Kap. 3, 25) gewinnen kann, weil der Weg um die Welt in allen seinen Aspekten messbar, also auch berechenbar ist. Dennoch verliert er beinahe; Passepartout muss ihn auf die Zeitverschiebung aufmerksam machen, ohne welche die achtzig Tage überschritten wären. Was dieses momentane Scheitern der Hauptfigur eigentlich verursacht, bleibt im Roman unausgesprochen. Eine naheliegende Erklärung in romantischer Tradition wäre, dass die Liebe Foggs Uhrwerk aus dem Takt bringt; aber eine solche psychologische Motivation geht nicht auf das grundlegende technische Problem ein. Auch die Bedingungen der Wette sind offenbar ambivalent, oder zumindest klärungsbedürftig. Was bedeutet es für die mathematischen Prämissen der Geschichte, dass der Held sich verrechnet? Im einfachsten Fall muss die Gleichung, von der Fogg ausgeht, nur korrigiert werden: Zur Addition einzelner Reisezeiten kommt die Subtraktion der auf dem Weg durchlaufenen Zeitverschiebungen. Aber die Wette fördert auch zu Tage, was die Technisierung verdeckt: die Künstlichkeit und konstitutive Unvollkommenheit dieser chronometrischen Setzungen (vgl. Blumenberg 1981, 37). Das vom Ingenieur konstruierte „Universum der Selbstverständlichkeiten“ (ebd.) wird durch den Fehler als verbesserungsbedürftige Konstruktion anschaulich gemacht. Der Diener, der die Kontingenz der Lebenswelt gegen die glatten Oberflächen der Technik verteidigt und damit deren Ambivalenzen als Fiktion ausstellt, wirkt in dieser Hinsicht wie ein moderner Sancho Panza.

Wetten ist nicht Spielen

Die technische Form der Wette unterscheidet sie – so stellt es zumindest der Erzähler dar – zum einen vom Ernst des religiösen Paktes, und zum anderen von der Gestalt des Spielens. Die literarischen Ahnen von Foggs Wette setzen Himmel und Hölle in Bewegung. Im biblischen Hiob-Roman, in Goethes Faust, ist der Einsatz kein geringerer als das Seelenheil des Menschen (Herwig 2008, 60-62). Eine solche Fallhöhe fehlt bei Jules Verne. Den Beweis seiner Behauptung, dass Kontingenz beherrschbar sei – „‚Es gibt keine unvorhersehbaren Ereignisse‘ […].“  (ATW, Kap. 3, 23) – tritt der fortschrittsgläubige, eminent säkulare Fogg nicht mit Hilfe der Transzendenz, sondern mit Mitteln der Technik an. Dennoch erscheint die exzentrische Wette als eine Form von irrationalem und riskantem Verhalten. Die entgeisterte Reaktion der Mitspieler zeigt dies sehr deutlich. Während sie die Wette als Wahnsinn abtun und sich lieber dem unverfänglichen Whist-Spiel widmen – „‚Das ist doch verrückt!‘, rief Andrew Stuart aus […]. ‚Spielen wir lieber weiter.‘“ (ebd.) – beliebt Fogg nicht zu scherzen. „‚Ein Engländer pflegt nie zu scherzen, wenn es um etwas so Ernstes wie eine Wette geht‘, entgegnete Phileas Fogg.“ (ATW, Kap. 3, 25).

Die Kontrastierung mit dem Whist-Spiel macht deutlich, dass Phileas Fogg das Wetten nicht als Spielen ansieht. Er stellt der Erregung seiner Clubfreunde ein klares Kalkül entgegen, der Kontingenz der modernen Welt einen exakten Plan, dem Unernst des Spiels die Seriosität der Wette. Der Erzähler unterstreicht diese Unterscheidung, indem er das Reiseprojekt mit seinen Folgewetten in die Sphäre der Arbeit einordnet. Es wird eben nicht nur auf den Ausgang des Wettrennens wie bei einem Rennpferd („cheval de course“, ATW, Kap. 5, 34) gesetzt, sondern auch ein Wert an der Börse („valeur de bourse“, ebd.) notiert – und das führt in eine Sphäre der Geschäftswelt, aus der sich Fogg selbst als reicher Privatier heraushält („Weder an der Börse noch in der Bank of England […] war man ihm je begegnet.“ ATW, Kap. 1, 5). Ganz im Sinne einer Börsenaktie kalkuliert man die Wahrscheinlichkeiten und die Risiken: „In den ersten Tagen nach der Abreise des Gentlemans waren beträchtliche Summen auf den Ausgang seines Unternehmens gesetzt worden. Bekanntlich geht es in der Welt der Wettbegeisterten in England intelligenter und kultivierter zu als in der Welt der Spieler.“ (ATW, Kap. 5, 34). Diese scharfe Gegenüberstellung einer Welt des Spiels und einer Welt der Geschäfte (affaires), in welcher der Erzähler die Wette ansiedelt, kontrastiert z.B. mit Ashtons History of Gambling in England, wo Roulettespiel, Wetten, Pferderennen und Börsenspekulation auf die gleiche Ebene gestellt und dem Oberbegriff des gambling untergeordnet werden (vgl. Ashton 1898). Diese Ambivalenz zu disambiguieren wird immer wichtiger, je mehr der Handel mit Aktien und Warenpreisen zunimmt: Nicht umsonst wurde das Wetten mit dem Gaming Act von 1845 wenn nicht illegalisiert, so doch aus dem einklagbaren Spektrum der Spekulationsgeschäfte als „reputable economic activity“ ausgenommen (Itzkowitz 2002, 122).

Das Projekt einer spielfeindlichen Wette wird jedoch für den Erzähler auch zur Ermöglichungsstruktur für die Spielform des Wettkampfes. So lässt sich Foggs Reise als Wettlauf mit dem Inspektor Fix und somit als agôn (Caillois 1960, 21) betrachten, der allerdings wesentliche Charakteristika von Spielen im Sinne der von Fogg angestrebten Beherrschbarkeit wendet. Die Wette findet nach arbiträr gesetzten, allerdings genau berechneten Regeln statt, einem Reiseplan, der sich im Nachhinein als ungenau herausstellen wird und damit Foggs Ausschluss der Kontingenz unterläuft. Die Risiken des Zufalls müssten, laut Fogg, lediglich einkalkuliert werden, so dass eine Wette kein reines Glücksspiel, alea (vgl. Caillois 1960, 24 f.), darstellt: „[…] [I]ch wusste, dass früher oder später irgendein Hindernis auftauchen würde.“ (ATW, Kap. 11, 74). Das Unvorhergesehene wird zum Vorhergesehenen, Phileas Fogg harrt nicht passiv aus und „wartet auf die Entscheidung des Schicksals“ (Caillois 1960, 19), sondern arbeitet aktiv auf die Erfüllung der Herausforderung hin. In dieser Hinsicht entspricht die Wette also durchaus den „games of skill“ (Reith 1999, 93) des agôn und macht ihre Erfüllung vor allem abhängig von den planerischen und improvisatorischen Fähigkeiten des Protagonisten. Auch eine weitere Spielkategorie, die der Unbeherrschbarkeit, ilinx (Caillois 1960, 32 f.), wird von der Wette ins Gegenteil verkehrt: Fogg ist kein gambler, der bereit ist, alles zu opfern und sich vom Spiel überwältigen zu lassen, weshalb er den Gewinn seiner Wette aufs Spiel setzt, wenn er Mrs. Aouda und Passepartout zu Hilfe kommt.

Schließlich geht die Reise des Phileas Fogg über die gewöhnlichen Simulationen der spielerischen Rollenübernahme, mimicry (vgl. Caillois 1960, 27 f.), hinaus. Das Als-Ob des Spiels wird ersetzt durch die dem Wetten eigene Eigentlichkeit: Fogg übernimmt keine Rolle, sondern bleibt er selbst, während das Spielfeld ausgedehnt wird von einem Modell der Welt (vgl. Nitsch 2000, 21) auf die Welt selbst. Gegenstand der Wette ist in dieser Hinsicht nicht nur der Vollzug einer bestimmten Handlung, sondern die Exaktheit der technisch begründeten Weltkonstruktion („Die Erde ist kleiner geworden […].“ATW, Kap. 3, 21). An dieser Stelle spiegelt sich das Projekt der wissenschaftlichen Fiktionen des Autors in dem Projekt Foggs.

Der Wettvertrag als Fiktionalitätsvertrag

Die Wette als solchermaßen ernsthaftes Spiel mit der Realität ist Ausgangspunkt der Handlung und damit auch des Erzählens: Während der Eintritt ins Spiel mit dem Abschluss der Wette in Form eines Protokolls („Man setzte ein Protokoll auf, das die sechs an der Wette beteiligten Herren auf der Stelle unterzeichneten.“ ATW, Kap. 3, 25) keine Veränderung der Realitätsgültigkeit, keinen Eintritt in eine Illusion (vgl. Caillois 1960, 27) mit sich bringt, so steht die Wette als handlungsauslösendes Moment in Analogie zum Eintritt in die fiktive Welt der Erzählung. Aus der Wette zwischen Gott und dem Teufel und der Mephistopheleswette Fausts ist nun eine diesseitige Wette geworden, welche die Distanz der Fiktion verringert und In 80 Tagen um die Welt zu einer kalkulierbaren Reise macht. Indem das Als-Ob des Spiels in die Eigentlichkeit der Wette überführt wird, werden die Errungenschaften des Fortschritts beglaubigt. Die literarische Wette mit den Gegebenheiten wird im Namen des Protagonisten aufgegriffen: Phileas Foggs weltumreisender Namensvetter William Perry Fogg hatte seine Reiseberichte 1872 (also im Jahr des fiktiven In 80 Tagen um die Welt) unter dem Titel ‚Round the World‘. Letters from Japan, China, India, and Egypt veröffentlicht. Der Fiktionsabbau, welcher somit sowohl die Wette als Nicht-Spiel als auch die quasi-faktuale Erzählung kennzeichnet, steht parallel zum Abbau der Kontingenz. Die Wette ist als Ausprägung der Rationalisierung zu begreifen und findet ihren nahezu idealen Wettenden in Phileas Fogg: „Das reinste Räderwerk!“ (ATW, Kap. 2, 17). Während seine mathematisch genauen Kalkulationen alle Kontingenzen zu überwinden scheinen und in ein berechenbares Weltmodell einbinden, sind es ausgerechnet die Ambivalenzen der Technisierung, die sein Unterfangen nahezu scheitern lassen. Sowohl der in Foggs Wette behauptete Abbau an Kontingenz als auch die verteidigte Fiktion der Technik werden gewendet: In der modernen Welt erweist sich nicht nur das Unvorhergesehene des Spiels als berechenbar, sondern auch das Berechnete der Technik als nur bedingt zuverlässig. Ob sich das fiktive Weltmodell des Spiels daher in der auf Wahrscheinlichkeiten beruhenden Wette vollständig mit der Lebenswelt decken kann, muss unter den Bedingungen der Technisierung eine offene Frage bleiben. Während die Kontingenzen der Lebenswelt berechenbare Unbekannte darstellen, sind ihre individuellen Ausprägungen nicht vorhersehbar. Das Sujet der Wette führt daher aus dem spielerischen Als-Ob heraus: Das Spielbrett ist die Welt, die Reisenden bestehen echte Abenteuer. Daher kehrt Fogg auch nicht, wie lange zu vermuten steht, in seinen quasi suspendierten Alltag des Reform Club zurück, sondern heiratet die in Indien gerettete Dame – unabhängig vom Ausgang der Wette und auf ihren Antrag hin. Diese abschließende Wendung des Sujets geht nicht nur über die Konventionen des Spiels, sondern auch über die Annahmen der Wette hinaus, und löst damit schließlich den ethischen Mehrwert des „transire benefaciendo (ATW, Kap. 11, 68) der Wette ein, der dem „Uhrwerk“ Fogg zu fehlen schien.