IV: Zeitung

von Roman Lach
Geoindex: London
zu Kapitel V des Romans (französisch/deutsch)

Zeitungen (und die bekannten unappetitlichen englischen Mahlzeiten) rhythmisieren den Tagesablauf von Phileas Fogg. Zeitungen begleiten die globalen Projekte der verneschen Entdeckungsreisen, Mondflüge und Polkappenschmelzpläne. Zeitungen spekulieren über die Erben mysteriöser Testamente. Zeitungen ergreifen Partei und stiften Parteien in allen öffentlichen Debatten und peitschen mit ihren in Leitartikeln ausgeführten Kriegen die Meinungsbildung einer Weltöffentlichkeit an, die sich in diesen Medien jederzeit ihrer Globalität bewusst zu sein scheint. Zeitungen gibt es bei Jules Verne mehr oder minder immer nur im Plural, es geht immer um Auseinandersetzungen, Debatten, die konkurrierende Blätter, die Presse gegnerischer Nationen führen. Das kann – im ersten Kapitel von Kein Durcheinander (Sans dessus dessous, 1889) – bis zu einem als veritables Streitgespräch ausgeführten Zeitungszank gehen.

Dass Phileas Fogg der Lektüre der Toryzeitung Times drei Stunden, dem Standard und dem Whig-nahen Morning Chronicle in absteigender Linie offenbar nur eine bzw. eine halbe Stunde widmet, hat dabei wahrscheinlich wenig zu sagen, denn Zeitungsnamen sind in Vernes Welt beliebig und machen erst in der Anhäufung Sinn. In dem bereits erwähnten Sans dessus dessous – ein Roman, dessen Intrige im Grunde von den Zeitungen angefacht und unterhalten wird – werden beinahe hundert internationale Blätter einfach hintereinander aufgezählt. Vielleicht ist der Umstand nicht ohne Bedeutung, dass das letztgenannte Blatt, dessen Meldung Fogg zu seiner Wette animiert, zum Zeitpunkt der Handlung – am 2. Oktober 1872 – bereits seit 10 Jahren nicht mehr existiert. Weltweit bekannt war der Morning Chronicle vor allem als das Blatt, in dem seit 1834 Charles Dickens Reportagen und Londoner Skizzen publizierte.

Wie bereits Heine 1831 im modernen Zeitungsartikel eine Kumulation von Geschichtsschreibung und Novelle sah (vgl. Heine 1996, 3/169), wird auch für Jules Verne der Roman in der Zukunft von der Zeitung abgelöst werden:

Romane […] sind nicht notwendig und Nutzen und Bedeutung derselben werden von nun an immer geringer. Anstelle historischer Berichte werden die Menschen ihre Zeitungen aufheben und archivieren. Die Journalisten haben so gut gelernt, aus den Ereignissen des Alltags farbenreiche Erzählungen zu machen, dass die Nachwelt in der Lektüre ihrer Schilderungen ein genaueres Gemälde finden wird, als es ein historischer oder beschreibender Roman liefern könnte (Verne in einem Interview mit der Pittsburgh Gazette 1902: Verne 1979, 383, übers. R. L.)

Roman und Zeitung sind distributiv und in der öffentlichen Wahrnehmung engstens verknüpft, seit am 16. Juni 1836 erstmals das von Emile Girardin konzipierte Journal La Presse aus selbiger kam. Die Popularität dieser Zeitung wurde nämlich durch den Vorabdruck von Romanen in Fortsetzungen erheblich gesteigert – in den ersten Nummern Balzacs Une vieille fille, der erste Serienroman der Literaturgeschichte. Darüber hinaus vermochte Girardin den Verkaufspreis durch die Aufnahme von Kleinanzeigen sensationell zu verringern, wodurch die Zeitung – und mit ihr der Roman – (unterstützt durch immer effizientere Schnellpressen) erst zu einem wirklichen Massenmedium wurden.

„Ceci tuera cela“ – der Prozess der Profanierung, den Victor Hugo in der Entwicklung von den Kathedralen und ihrem Skulpturenschmuck, den Wissensspeichern des Mittelalters, zum Buch als einem der Enträumlichung beschrieben hat (Notre-Dame de Paris, Hugo 1880, Bd. 4, 94ff.), wird von Jules Verne konsequent zu Ende gedacht: der Roman verschwindet in der Zeitung, die „genauere Gemälde“ liefert als jener, der in der Nachfolge Walter Scotts zur Großform des realistischen „Romangemäldes“ aufgestiegen war.

Ceci tuera cela – an die Stelle des ‚Gemäldes‘ tritt die präzisere ‚Fotografie‘, wie der von der englischen Presse begeisterte Franzose Doctor Sarrasin in Les cinq-cent millions de la Bégum sagt: „Alles ist im Fluge, auf frischer That erfaßt, photographirt möcht’ ich’s nennen“ (Verne 1881, 6). Wie alle Medien und technischen Erfindungen in Vernes Welt ist auch der Triumph der Zeitungen einer von Präzision und Geschwindigkeit über den Raum. Und wie Foggs Wille zur Welt eine Entsprechung in seiner gleichzeitigen Wahrnehmungsverweigerung hat, sind die Zeitungen ihm wichtigstes Instrument vor allem in letzterer Hinsicht.

Zeitungen überziehen Jules Vernes Universum mit einem Netz der Quasi-Gleichzeitigkeit, das sich unweigerlich in Richtung Selbstauflösung entwickelt und letzten Endes auch die Zeitung ergreift: Aus der dystopischen Rückschau des Paris au XXe siècle zeigt sich, dass „diese ausufernde Zeitungssucht hat bald zum Tod des Journalismus geführt, und zwar aus dem einfachen Grund, daß es mehr Autoren gab als Leser!“ (Verne 1996, 143)

Eine alternative Version liefert die zu großen Teilen von Vernes Sohn Michel verfasste Erzählung La journée d’un journaliste américain en 2889: Hier wird der ehemalige New York Herald – jetzt Earth Herald – nurmehr auf telefonischem Wege vertrieben:

Jeden Morgen wird der Earth Herald, anstatt gedruckt zu werden – wie das in den Jahren der Antike üblich war –, ‚gesprochen‘. In raschem Gespräch mit einem Reporter, einem Politiker oder einem Wissenschaftler erfährt der Abonnent, was er wissen wollte. Was nun den Straßenverkauf betrifft, so nehmen die Zeitungskäufer vom Inhalt der Tagesausgabe in ungezählten Telephonkabinen Kenntnis, wo ihnen auf phonographischem Wege über alles Mitteilung gemacht wird. (Verne 1967, 10/11)

„Jede Auffassung, jedes pro oder contra wird, unter gewöhnlichen Umständen, ganz von selbst seinen Ausdruck finden. Das ist das Wesen einer freien, reichgegliederten, hundertfach nuancirten Presse“. (Fontane 1860, 258) – Wo Fontane von der diskursiven Offenheit des Mediums begeistert ist, in der Vielfalt der Zeitungsmeinungen den selbstregulierenden Ausdruck einer komplexen liberalen Gesellschaft sieht, ist Jules Verne ambivalent: Wie der Beruf des Ingenieurs, des Fotografen oder des Wissenschaftlers, hat auch der des Journalisten in Vernes Kosmos seine Helden, „wahrhafte Jockeys dieser Steeple-chase, dieser Jagd nach Neuigkeiten“ (Verne 1877, 12) wie Jolivet und Blount aus Michel Strogoff. Auf der anderen Seite bildet der Diskurs der Zeitungen ein neben der Wirklichkeit herlaufendes Surrogat, ein (in den erwähnten Passagen von Sans Dessus-dessous) eine Parallelwelt bildendes Dauergeschwätz, mit dem die Zeitungen das öffentliche Leben eigentlich erst „machen“.

Die Zeitungen sind es, die Pro- und Contra-Fogg-Parteien stiften und damit erst die der „Alabamafrage“ abgeschaute „Question du tour du monde“ kreieren, die in kürzester Zeit zu einer in aller Munde diskutierten Streitfrage wird. Die Alabamafrage war ein in den 60er Jahren vornehmlich in der amerikanischen und englischen Presse ausgetragener Streit um das konföderierte Kaperschiff Alabama, das in England gebaut worden war, zu deren Klärung erstmals ein internationales Schiedsgericht in Genf einberufen wurde (vgl. Fontane 1996, 1165-1166).

Wie sie Wirklichkeit hervorbringt, generiert und beschleunigt daher die Zeitung auch die Ununterscheidbarkeit von Fakten und Fiktion. Ein Umstand, der das vermeintliche „Verschwinden“ des Romans letztlich genauso gut als einen Triumph des Romans deutbar macht, als einen Triumph der „Geschichten“ über die „pompöse Geschichte“ im Medium der Zeitung, wie der Reporter Amédée Florence erkennt, der „zwei Fliegen mit einer Klappe“ schlägt, indem er die (allerdings von Vernes Sohn Michel vervollständigte) Étonnante aventure de la mission Barsac doppelt – als Reportagenserie und als Roman – verkauft:

Als tiefschürfender Psychologe hat Amédée Florence scharfsinnig erkannt, daß, wenn er ganz einfach nur Tatsachen berichtete, man bis zum Kieferverrenken gähnen würde, während diese gleichen Tatsachen, in den Schleier der Fiktion gehüllt, am Ende eine Chance haben könnten, den Leser ein Weilchen zu zerstreuen. Die Welt ist nun einmal so beschaffen. Die Geschichte, als pompöse Weltgeschichte verstanden, langweilt uns, Geschichten hingegen unterhalten uns [...] manchmal wenigstens! Was wollen Sie, wir sind in Frankreich nun einmal nicht fürs Seriöse […]. (Verne 1978, 509)