XIX: Die Zerstreutheit des Geographen: Jules Vernes Reise um die Welt

von Wolfgang Struck
Geoindex: – (auf hoher See)

„Hatte er Reisen gemacht?“ – Die Antwort auf diese Frage fällt dem Erzähler von In 80 Tagen um die Welt  nicht ganz leicht. „Höchstwahrscheinlich. Denn niemand kannte sich auf der Weltkarte besser aus als er“, so kann er nur mutmaßen. Denn dass Phileas Fogg „in knappen, klaren Worten“ auch die schwierigsten geographischen Rätsel zu lösen, die endlosesten Spekulationen „über verirrte oder verschollene Reisende“ zu beenden vermag, ist gerade angesichts der rasanten Entwicklung von Geographie und Kartographie keineswegs mehr ein sicheres Indiz eigenen Reisens. Und so bleibt offen, ob seine Reisen – vor dem Aufbruch zur Erdumrundung per Kursbuch – auf dem Erdboden und dem Meer oder auf dem Papier und im Geist stattgefunden haben: „Dieser Mann schien die ganze Welt bereist zu haben – zumindest im Geiste.“ (ATW, Kap. 1, 7f.).

In einem Raum, in dem sich ‚papierene‘ und ‚wirkliche‘ Welt überlagern, findet nicht nur die Reise statt, die Fogg schließlich antreten wird, die aber schon vor seinem überhasteten Aufbruch ‚fertig’ ist, vorausberechnet und vorgeschrieben im Morning Chronicle und in Bradshaw’s Continental Railway Steam Transit and General Guide. In diesem Zwischenraum finden sich auch die Helden von Jules Vernes früheren (Welt-) Reisen.

In Fünf Wochen im Ballon (1863) schwebt der Reisende sicher und komfortabel über der Dingwelt, die frühere Entdecker gefangen gehalten hat, „und unter meinen Augen entrollt sich die Karte von Afrika im großen Atlas der Welt!“ (Verne 1863/1876, Kap. 3). Dazu muss jedoch zunächst die Luft beherrschbar geworden sein. Lenkbar nämlich ist der Ballon nur, wenn er sich in einem System konstanter, berechenbarer atmosphärischer Strömungen bewegt, in dem er durch den Wechsel der Flughöhe zu navigieren vermag. Auch der Ballonfahrer ist in gewisser Weise nur ein geschickter Kursbuchleser, sein Bradshaw ist der meteorologische Atlas. Hier liegt die eigentliche Utopie von Vernes Roman: das Weltmedium – so nennt der schwedische Meteorologe und Strömungstheoretiker Vilhem Bjerknes die Atmosphäre und das Weltmeer – ist zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht besser vermessen als der Erdboden.

Die mathematische Phantasie von Phileas Fogg ist näher am technisch Machbaren, aber auch sie bewegt sich in einem Weltmedium, in dem die Adressier- und Berechenbarkeit jedes Punktes vorausgesetzt wird. Ihren Ausgang nimmt die Wette ja von der Überlegung, dass die verkehrs- und nachrichtentechnische Erschließung so weit vorangeschritten oder, einfacher gesagt, dass die Welt so ‚klein‘ geworden sei, dass es nicht mehr möglich ist, sich der Polizei zu entziehen, also die Adresse zu verlieren und unauffindbar zu werden. Und so bewährt sich konsequenterweise Foggs geographisches Genie gerade an der Frage verschollener Reisender. Damit allerdings hat er, in wenigen Worten, kurz und klar, den Handlungsentwurf von Vernes erster Reise um die Welt vom Tisch gewischt.

Die Kinder des Kapitäns Grant. Reise um die Welt (1867/68) benötigt immerhin knapp zweihunderttausend, auf zwei Bände verteilte, Wörter sowie eine ganze Kette höchst unwahrscheinlicher Zufälle, um das Schicksal eines Verschollenen aufzuklären. Im Magen eines Hais, der sich vor die schottische Küste verirrt hatte und dort gefangen worden war, findet sich eine Flaschenpost, die eine Botschaft in drei verschiedenen Sprachen enthält. Dieser Hilferuf eines Schiffbrüchigen, des zwei Jahre zuvor verschollenen Kapitän Grant, ist jedoch vom Seewasser zerfressen, so dass alle drei Varianten nur in Fragmenten erhalten sind, die sich keineswegs, wie die Finder zunächst hoffen, zu einem kohärenten Text ergänzen. Hoffnung, die Lücken zwischen den Wörtern zu schließen, bietet nur die Erkundung ‚vor Ort‘, entlang des 37. südlichen Breitengrads, auf den die einzige klare, numerische, Angabe des Dokuments verweist. Und so macht sich eine kleine Gesellschaft auf der luxuriösen Hochsee-Jacht eines schottischen Lords auf die Suche. Ihre Reise gestaltet sich als Wechselspiel aus immer neuen Fehllektüren der Vorschrift der Flaschenpost und einem immer katastrophischeren Verlauf der Reise selbst. Da die Suchenden die Buchstabenfolge „contin“ der französischen Variante des Textes zu ‚Kontinent’ ergänzen, konzentrieren sie ihre Suche – erfolglos – auf Südamerika und Australien. Erst nachdem sie, selbst zu Schiffbrüchigen geworden, unfreiwillig die Kontinente hinter sich gelassen haben, treffen sie auf den Verschollenen – auf einer winzigen Insel, denkbar weit von allen Kontinenten entfernt.

Eine Schlüsselfigur im Prozess der immer neuen Fehllektüren und Irrfahrten ist der Geograph Jacques Eliacim François-Marie Paganel. In einer „Hymne auf den Ozean“ entfaltet er vor der Reisegesellschaft eine „weltumfassende Verwandtschaft zwischen allen Teilen des Erdballs“ (Verne 1868/1977, Teil 2, Kap. 3): Im Weltmedium des Meeres rücken die Küsten Englands und Australiens in unmittelbare Nachbarschaft, während die Kontinente mit ihren Gebirgen, Urwäldern und Wüsten kaum überwindbare Barrieren aufrichten. Nur fern der Küsten könnte demnach der Verschollene aus der Welt gefallen sein – nachdem er dem Meer seine Flaschenpost anvertraut hat, die dann ja auch genau den Empfänger erreicht, der über die Bereitschaft und die Mittel verfügt, den Verschollenen in die Welt zurückzuholen.

Eine bemerkenswerte Flaschenpost beschreibt, ebenfalls 1868, in Petermanns Geographische Mittheilungen der Meteorologe Georg Neumayer (1868, 99f.). Versehen mit einem „vorgeschriebenen Zettel“, war diese 1864 bei Cap Horn dem Meer übergeben und 1867 an der australischen Küste gefunden und mit den gewünschten Angaben, „nach der Vorschrift ausgefüllt“, an Neumayer zurückgesandt worden. So kann dieser nun über Kontinuität und Geschwindigkeit von Strömungen spekulieren und schließlich errechnen, „dass unter günstigen Constellationen eine solche Flasche die Reise um die Welt vom Kap Hoorn bis zur Süd-Westküste Amerika’s in etwa 4 Jahren und 93 Tagen vollbringen könnte“, wenn sie, wie ein geschickter Kursbuchleser, die richtigen Punkte treffen würde, um von einer Strömung zur nächsten umzusteigen. Allerdings muss Neumayer eingestehen, dass es sich bei seinem Fundstück um einen recht unwahrscheinlichen Fall handelt. Trotz hunderter systematisch ausgesetzter Flaschenposten war es bei diesem einen Rückläufer geblieben, und die Armada der verschollenen „Flaschensegler“ zeugt vor allem davon, „welchen Gefahren ein solch zerbrechliches Fahrzeug ausgesetzt ist“. Die „von Stürmen gepeitschten Wogen“ zerschmettern die Flaschen an Eisbergen, rohe Seeleute, denen „die Fackel der Wissenschaft noch nicht geleuchtet“, ignorieren sie ebenso wie die Bewohner der Küsten unzivilisierter Kontinente, Albatrosse zertrümmern sie mit ihrem „gewuchtigen Schnabel“, sie „verschwinden, wenn der hungrige Walfisch Tausende von Quallen und Weichthieren und Massen von treibenden Algen und Seetangen verschlingt“, oder kreisen „von einer schwachen Driftströmung erfasst Jahrzehnte in unbefahrenen Gewässern des Oceans“. In der Kontinuität der Strömungslinien, auf denen eine Flasche gleichsam fahrplanmäßig um die Welt reisen könnte, drohen also jede Menge Diskontinuitäten, so dass der berechenbare Weg dann doch zur Ausnahme, die vorhersagbare Ankunft zum Ereignis wird. Weit mehr als von der Homogenität des Weltmediums zeugt die Flaschenpost von dessen Diskontinuität.

Das gilt nun auch für die Flaschenpost des Kapitän Grant. Der verirrte Hai, der sie bis an die britische Küste transportiert hat, macht zugleich jeden Versuch zunichte, ihren Weg entlang errechneter Strömungslinien zurückzuverfolgen. Und eben das Wasser, das die Nachricht transportiert hat, hat auch Lücken in sie hineingefressen, so dass auch der Schrift nicht (mehr) zu folgen ist.

So sind es nur immer neue Fehler und deren immer gravierendere, unintendierte Folgen, die die Reise schließlich ans Ziel führen. Ein erstes Versehen bringt Paganel statt auf den nach Kalkutta bestimmten Postdampfer an Bord der gerade nach Südamerika auslaufenden Jacht –„ein Mann beabsichtigt, sich nach Indien einzuschiffen, und segelt nach Amerika!“ (Verne 1868/1977, Teil 1, Kap.7). Wie sein berühmter Vorfahre Columbus wird er die Erfahrung machen, dass man nur das entdecken kann, was man nicht erwartet und berechnet hat. Ein besonders nachhaltiger Fall von Zerstreutheit bringt die Jacht völlig von ihrem Kurs ab – und damit ihrem Ziel näher. Paganel verfasst einen Befehl, der das Schiff an die australische Küste beordern soll, schreibt aber, da ihm gerade eine neuen Theorie der Auslegung der Flaschenpost durch den Kopf schießt, ‚Neuseeland‘ anstelle von ‚Australien‘. Auslöser dieser Fehlleistung ist eine Faltung, die aus dem Titel der „Australian-and-New-Zealand-Gazette“ die Buchstabenfolge aland herausschneidet, die sich auch in Grants Dokument findet und die bisher als eigenständiges Wort gedeutet worden war (‚an Land‘ oder ‚anlanden‘). Paganels Zerstreutheit also ist die Folge einer Zerstreutheit einer Schrift, die keine kontinuierliche Linie beschreibt, sondern als Ergebnis von Faltungen, Stauchungen und Wirbelungen erscheint, ein Zusammenspiel aus Sichtbarem und Unsichtbarem, aus Kontinuität und Diskontinuität.

Tatsächlich wird hier klar, dass die Lösung des Rätsels von Anfang an vor Augen gestanden hat, nämlich in der Buchstabenfolge abor der französischen Version, die als Radikal des Verbs ‚aborder‘, ‚anlanden‘ gelesen worden war, der aber nur ein Buchstabe fehlt, um zum Namen Tabor zu werden; eine Insel, die auf dem 37. Breitengrad liegt, die aber die englischen Seekarten der Jacht als Maria Theresa verzeichnen und die daher kategorisch als möglicher Ursprung der Flaschenpost ausgeschlossen worden war: „ein Name, von dem sich in drei Dokumenten auch nicht die geringste Spur finden läßt.“ (Verne 1868/1977, Teil 2, Kap. 1). Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem Paganel nicht weniger kategorisch contin als Bestandteil von ‚Kontinent‘ lesen will und so die – zutreffende – Alternative „continuellement“ übersieht. Im Inneren des für Paganels Hymne auf das Meer so zentralen Begriffs der Kontinuität versteckt sich jenes „contin“, das der Geograph den Kontinenten, dem Inbegriff des Trennenden, Diskontinuierlichen, zugeschrieben hatte. Das Wort zwingt zusammen, was der Geograph getrennt halten wollte, so wie die Worte Tabor und Maria Theresa auf den Karten zerstreuen, was doch in der Natur eine Einheit ist.

Die Zufälle sind programmatisch für das poetologische Programm von Les enfants du Capitaine Grant, aber sie sind auch ein Kommentar zu einer Wissenschaft, die, als in sich geschlossenes System verfasst, eine Welt verfehlt, deren Homogenität das Salzwasser des Ozeans ebenso zerfressen hat wie den Zusammenhang der Worte. So lässt erst die Zerstreutheit den Geographen in der Wirklichkeit ankommen.

Phileas Fogg steht dieser Lernprozess noch bevor, wenn er anfangs glaubt, selbst den Zufall in sein Kalkül einschließen zu können: „‚Es gibt keine unvorhersehbaren Ereignisse‘“ (ATW, Kap. 3, 23). Doch auch er muss die Erfahrung machen, dass sich zwischen den Anfangs- und Endpunkten, die das Kursbuch verzeichnet, unerwartete Lücken auftun können, die kein metropolitanes Wissen, sondern nur Improvisationstalent und lokale Praktiken zu schließen vermögen. Die Reise um die Welt gelingt nur, indem sie von der Vorschrift abweicht – auf ungebahnten Wegen durch den indischen Dschungel und über amerikanische Eisfelder, jenseits der Eisenbahlinien und Dampfschifffahrtsrouten. Nur für den Erzähler gibt es keine unvorhersehbaren Ereignisse.

Oder vielleicht doch. Am 16. November 1843 notierte Asaph P. Taber, Kapitän des Walfängers Maria Theresa aus New Bedford, Massachusetts, in seinem Logbuch, er habe bei 37° südlicher Breite und und 137° westlicher Länge „breaches“, das Blasen von Walen, gesehen. Geographen, die das Logbuch später auswerteten, lasen hier jedoch „breakers“, Brecher oder Brandung, und schlossen daraus auf ein Riff, einen Felsen oder gar eine Insel, die von da ab auf englischen und deutschen Karten als Maria Theresa, auf französischen, in Verballhornung des Kapitäns-Namens, als Tabor verzeichnet wurde. Erst allmählich verschwand sie wieder – Stielers Handatlas etwa verzeichnet sie in der Ausgabe von 1881 als „Maria Theresa Rock“, ein Jahrzehnt später findet sich hinter dem Namen ein Fragezeichen, in heutigen Atlanten findet sie sich nur noch selten. Ob wissentlich oder nicht: Verne hat seinen Kapitän zwei Jahre lang auf einer Phantom-Insel ausgesetzt.